Uhrenschlag
Sonniger Sonntagmorgen. Lisa schaut aus dem Schlafzimmerfenster. Noch sind die Berge schneebedeckt. Auf den Futterwiesen hinter dem Haus besprenkeln Löwenzahnblüten, die braun-grüne Umgebung. Wiesenduft – sie hatte ihn vermisst.
Lisas Töchter sind gegen Morgen in ihr Bett gekrochen.
Lucy hat sich den Wecker vom Nachttisch genommen. Sie zieht ihn auf. Das schwarze Metallungeheuer, dessen goldener Klöppel zwischen zwei Glockenhütchen hin und her saust, rasselt.
„Gib mal her. Das kannst du gar nicht!“, schreit Zoe ihre Zwillingsschwester an und schnappt sich die Uhr.
„Hey, das ist meine. Ich hatte die jetzt! Mama…!“
„Du bist gemein. Immer willst nur du den Wecker haben. Immer nur du! So wie du machst, ist falsch. Ich hab den jetzt. Guck mal…“
Lucy fängt an zu kreischen. Sie sitzt mit offenem Mund im Bett und fuchtelt mit den Händen.
„Hört auf zu streiten.“.
Lisa dreht sich um. Klingt wie ein Werbespot, in dem Kinder zum Multivitaminsaft trinken gerufen werden, denkt sie.
Lisa wartet ab. Sie mag sich ihren Tagträumen hingeben.
Der Wecker wird hin und her gerissen.
Lucy zieht an Zoe´s Haaren.
Zoe haut die Uhr Lucy auf den Arm.
Der Wecker schrillt.
Zoe heult.
Lucy schreit.
Lisa greift ein.
„Schluss!“ brüllt sie, „Ihr hört sofort auf, sonst…sonst…ihr geht mir so auf die Nerven!“ Lisa reißt den plärrenden Wecker an sich, stellt ihn aus und wirft ihn auf das Bett.
Sie hält je ein zappelndes Kind am gestreckten Arm.
„Und jetzt raus hier. Geht in euer Zimmer, zieht euch an, spielt was - geht am besten nach draußen. Hier ist jetzt Ruhe, verstanden?“
„Die Zoe hat…“
„Gar nicht wahr! Du lügst!“
Lisa schiebt ihre Töchter zum Flur hinaus und schließt die Schlafzimmertür.
Sie lehnt sich von innen dagegen, steckt die Hände in die Taschen ihres Bademantels und atmet durch.
Draußen sind sich die Mädchen wieder einig: „Mama ist blöd.“ „Ja, echt, voll doof.“
Bald darauf ist das Haus still.
Sie setzt sich auf ihr Bett und hält ihre Füße in die Sonnenstahlen.
Dann nimmt sie den Wecker in die Hand. Betrachtet das Relikt aus ihrer Studentenzeit.
Dreht ihn. Wiegt ihn in der flachen Hand.
Denkt an ihre Wohngemeinschaft. Mit Wolfgang, Larissa und Anne hatte sie in einer Altbauwohnung gewohnt. Sie kochten zusammen, tranken Tee, verschlangen Kekse und lernten für Klausuren.
Eines Abends, als sich die anderen schon zurückgezogen hatten, saß sie mit Larissa zwischen Geschirrbergen in der Küche. Sie hatten gegessen, viel Wein getrunken und gelacht.
Plötzlich hatte Larissa sie geküsst. Ganz langsam. Auf den Mund. Ganz still.
Danach stand sie auf und schlenderte aus der Küche. An der Tür hatte sie Lisa noch mal einen Zeitlupen-Augenblick angesehen.
Und Lisa saß da, als wäre Larissa eine Fatamorgana.
Ihr hatte sich der Magen umgedreht – ob das angenehm war oder nicht, konnte sie nicht sagen.
Lisa wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Also beschloss sie, diese Begebenheit auf sich beruhen zu lassen.
Als sie ein Jahr später auszog, um mit Ulrich zu leben, hatte Larissa ihr diesen Wecker geschenkt und gemeint, dass er mit ihr durch das Leben reisen soll. Eines Tages würde sie wissen, was die Uhr geschlagen habe.
Lisa betastet das Glas vor dem Ziffernblatt.
Was soll das eigentlich heißen – was die Uhr geschlagen hat? Schlug sie, als die Zwillinge zu Welt kamen? Oder als er ging?
Der Wecker tickt. Das Sonnenlicht macht jede Delle sichtbar.
Eine Schraube steckt lose an der Rückseite des Weckers. Mit dem Nagel des kleinen Fingers fängt Lisa an, daran zu drehen. Anstatt sich fest zu ziehen, löst sich der Deckel und legt das Uhrwerk frei. Goldene Rädchen in verschiedenen Größen drehen im Takt ihre Runden.
An der rechten Seite des offenen Uhrenkörpers steckt ein Zipfel Papier. Lisa zieht daran.
Ein zusammengefaltetes Pergamentpapier, kaum größer als eine Streichholzschachtel! Lisa faltet es auseinander.
In millimetergroßen Lettern steht etwas darauf. Sie liest.
„Wenn du dies findest, hast du vielleicht schon Kinder, bist am anderen Ende der Welt…egal. Du bist meine große Liebe. Ist die Zeit reif, dann melde dich. Larissa.“
Lisa kramt ihr abgelegtes Notizbuch aus der Nachtischschublade. Schlägt die L-Seite auf.
Die Hände schweißkalt.
Sie schraubt den Wecker wieder zu, glättet den Zettel.
Er wandert in ihre Bademanteltasche.
Lisa geht zum Fenster.
Ihre Töchter sammeln Butterblumen auf der Wiese.
liebe sabine,
danke für die schöne geschichte. manchmal stellt man erst jahre später fest, was andere für einen empfinden und was man für andere empfindet. so kann man immer wieder kleine entdeckungen machen.
gelingt die geschichte doch vor allen dingen durch die treffende beschreibung des familiären umfelds und die plötzliche erinnerung. freu mich schon auf die nächste geschichte.