was ist noch privat?

so ein blog ist ja eine gratwanderung. es wird kaum einen blog geben, bei dem die leserInnen nicht mitgedacht werden. aber es gibt auch kaum einen blog, bei dem nicht eine menge persönliches mit einfließt. damit wird aber manches private öffentlich. am anfang der blogosphäre gingen viele davon aus, es gibt ja eine netikette und wenn sich alle daran halten, dann kann man auch eine ganze menge von sich preis geben. die konsequenz waren viele verletzte blogger und bloggerinnen, die irgendwann ihren blog auflösten, da sie angenervt waren von den kommentaren anderer. ich lese gerade, den zwar schon etwas älteren, aber weiterhin interessanten artikel „diaristen im internet. vom schriftlichen umgang mit teilöffentlichkeiten.“ von anneke wolf, erschienen in kommunikation@gesellschaft, Jg.3, 2002, beitrag 6. darin wird die schwierigkeit geschildert für den eigenen blog öffentlichkeit zu schaffen, also dafür zu sorgen, dass der blog wahrgenommen wird, auf der anderen seite damit aber auch dem druck der netzöffentlichkeit ausgesetzt zu sein, die nicht eben zimperlich ist. so wird hinter dem privaten im blog, bei jemandem, der sich selbst schützt, immer noch ein weiteres privates sein, das er nicht preisgibt. denn ein online-tagebuch wird auch von den schreibenden sehr schnell nicht mehr gleichgesetzt mit dem handschriftlichen tagebuch.

generell ist aber festzustellen, habe mich in letzter zeit einmal in der blogosphäre umgeschaut, dass die bereitschaft sein leben vor anderen auszubreiten weiter wächst. das betrifft nicht nur die blogs, sondern auch dating-chats, fernsehsendungen, öffentliches telefonieren mit dem handy oder auch internet-communities (studivz oder xing). interessant erscheint mir, dass die kritik daran meist auf die einzelnen personen heruntergebrochen wird. ihnen wird exhibitionismus vorgeworfen, einsamkeit unterstellt, sie werden problematisiert. im gegenzug werden von den web 2.0-usern die  problematisiert, die nicht bereit sind, privates preiszugeben, als jemand, der etwas zu verstecken habe.

meiner ansicht nach, liegt das problem aber woanders. angefangen hat die veröffentlichung der privatheit nicht unbedingt in den medien, sondern im arbeitsleben. mit der just-in-time-produktion in der industrie wurden arbeitnehmer notwendig, die jederzeit zur verfügung stehen und auch erreichbar sind. auch in ihrer freizeit, in ihrer privatheit. die festen arbeitszeiten lösten sich immer mehr auf und die schnelle kommunikation wurde befördert. ähnlich sah es dann im sozialbereich aus. je mehr sich der staat der sozialen versorgung zog, um so mehr waren zum einen anbieter gezwungen, allein wegen der geldaquise, sich öffentlich zu präsentieren, zum anderen aber nutzer gezwungen, alles offen zu legen, um überhaupt in den genuss von unterstützung zu kommen.

diese trends greifen die medien nur auf und verfeinern sie. menschen versuchen sich diesen gegebenheiten anzupassen und das beste daraus zu machen, strategisch vielleicht einen gewinn für sich daraus zu ziehen. also die öffnung des privaten für sich selbst nutzbar zu machen. dass dabei gegenseitig ständig grenzen überschritten werden, spielt keine große rolle mehr, ist es doch aus dem arbeitsleben bekannt (firmen als große familie, die ihren mitarbeitern sogar die freizeit gestalten).

diese subversivität der subjektiven nutzung ist aber nicht gewünscht, darum wird inzwischen auch das web 2.0 bürokratisiert und vermarktet.stellt sich also die frage, ob es nicht bald wieder einen rückzug ins private gibt, eine folge sind schon die moderierten blogs, wie dieser hier auch. aber der medialen entwicklung kann sich im arbeitsleben niemand mehr entziehen, der internetkontakt ist in vielen bereichen voraussetzung und standard. 

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