biografisches schreiben und therapeutischer effekt

ganze kriegsgenerationen, jung und alt, haben lang geschwiegen über das, was ihnen begegnete, was erlebten, was sie taten. die 68er versuchten bestandteile der erinnerungen ihrer eltern freizulegen und haben etliches zu tage gefördert. hauptsächlich ging es um die täter in der gesellschaft. erst jahrzehnte später erinnerte man sich der opfer und der kinder. der kinder der täter, der kinder der opfer. auch sie hatten früh gelernt zu schweigen. sie hatten versucht nach den diktatorischen zeiten eine form der normalität zu finden. also haben sie viel verantwortung übernommen, für ihre eltern, für ihr zukünftiges leben und ihre eigenen kinder.

nur nicht zur ruhe kommen, nicht darüber nachdenken, was sie in ihren jungen jahren erfahren und gesehen haben. sie haben viele neue gesellschaften und generationen aufgebaut. sie bauen immer noch auf, beinahe bis zum umfallen. und irgendwann kommen sie plötzlich zur ruhe. da sind sie wieder, die bösen geister von früher. sie tauchen nachts auf, sie überraschen sie in schönen momenten und sind schwer zu bändigen.

manche wählen den weg, sich ihrer eigenen biografie, und im hintergrund, der ihrer eltern anzunähern. sie fangen an ihre biografie aufzuschreiben. einmal angefangen fällt ihnen immer mehr ein. sie erinnern sich an die dinge, die sie schön hinter ihrer geschäftigkeit versteckt haben. sie werden wütend, dass sie immer für alles die verantwortung übernehmen mussten, letztendlich immer noch übernehmen und auch übernehmen wollen. sie werden wütend auf sich selber, dass sie dieser tretmühle nicht entronnen sind. sie werden wütend auf alle anderen, die sie nie gefragt haben, wie es eigentlich ihnen geht. doch sie ließen den anderen keinen chance sie zu fragen. es musste doch weitergehen.

es entstehen beim biografischen schreiben tiefe einblicke in die eigene gedankenwelt, die erschütternd sein können, im wahrsten sinne des wortes. doch sie haben auch etwas reinigendes. endlich einmal an sich selbst denken und nur für sich die verantwortung übernehmen kann der therapeutische effekt bei dieser erinnerungsarbeit sein, beim verfassen der eigenen lebensgeschichte. es lohnt sich, dies nicht zu scheuen, wenn die verdrängung nicht mehr funktioniert. aber nur, wenn man möchte.

 

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