schreibtechnik (11)

 

nachdem das letzte mal die knick- und falttexte vorgestellt wurden, ist es nur die logische folge, ein wenig über das dialogische schreiben zu schreiben. eine der techniken, die schwer allein zu bewerkstelligen sind.

vor allen dingen eines zeichnet das dialogische schreiben aus, der versuch, schriftlich auf eine andere person einzugehen. generell bewerkstelligen wir das in briefen, e-mails oder beim chatten. auch wenn man jemanden kaum kennt, stellt man sich beim schreiben den anderen, die andere mehr oder wenig vor. deshalb ist unser schreibstil in diesen momenten auch sehr davon abhängig, welche rolle die anderen einnehmen oder welche ich ihnen zuschreibe. so unterscheidet sich ein geschäftsbrief stark von einem liebesbrief. und jedesmal antizipiere ich die reaktion meines gegenüber.

doch man kann dies noch direkter haben. entweder in schreibgruppen oder mit guten freunden. am interessantesten wird es, wenn einem die andere person gegenübersitzt und man einfach anfängt zu schreiben. entweder werden zu beginn die zeilen- oder wortzahl festgelegt oder man einigt sich auf eine zeitvorgabe. es ließe sich auch mit einer schachuhr dialogisch schreiben, so dass alle teilnehmerInnen das gleiche zeitkontingent zur verfügung haben.

interessant ist beim dialogischen schreiben die tatsache, dass zwei kreative prozesse aufeinandertreffen. ich kann nie vorhersehen, was der andere schreibt. deshalb kann ich mir auch gar keine geschichte oder schwer einen plott zurechtlegen. und ich muss relativ schnell auf das geschriebene reagieren, kann also auch nicht lang über die fortführung der geschichte nachdenken.

zu zweit, aber auch allein, können auch wirkliche dialoge geschrieben werden. wer dies schon einmal gemacht hat, stellte bestimmt fest, dass es gar nicht so einfach ist, gesprochene worte zu schreiben. viele stilistische und grammatikalische regeln werden dabei nicht eingehalten. so kann es hilfreich sein, menschen auf der strasse zu beobachten und den vernommenen dialog möglichst schnell zu notieren. bei der übung zu zweit einen dialog zu schreiben, hilft es vielleicht, wenn man sich vorstellt, was man dem gegenüber sagen würde. auch beim gesprochenen dialog, wie beim dialogischen schreiben antizipiert man die reaktion des gegenübers, auch wenn der denkprozess dabei meist ein wenig kürzer ist.

das dialogische schreiben bietet vor allen dingen eines, sich dem schreiben nicht entziehen zu können. selten bleibt ein blatt dabei leer, denn das warten der anderen auf eine fortsetzung der geschichte setzt unter druck. und erstaunlicherweise lassen viele teilnehmerInnen in solchen momenten die vorsicht fahren und stürzen sich in das abenteuer, ein weg, dem freewriting ähnlich. beim zeitversetzten dialogischen schreiben ergibt sich ein anderer vorteil. die möglichkeit der ausführlichen antizipation und reflexion macht briefe oft so persönlich und intensiv, im gegensatz zum gespräch.

und sollte niemand zur hand sein, der mit einem dialogisch schreibt, bietet sich die möglichkeit, mit sich selbst in dialog zu treten. denn jeder mensch führt gern einmal selbstgespräche.

 

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