kreatives schreiben und der innere zensor

 

es gibt ein phänomen beim schreiben, das jeden menschen befällt. es gibt ein wesen im kopf, das sich beim verfassen von texten gern zwischendurch bemerkbar macht und einwände vorbringt. es veranlasst den entstehenden text ein wenig zu entschärfen oder zu verwerfen. es versucht direktheit zu verhindern, es mahnt, den leser mitzudenken oder zumindest ein wenig sachlicher zu werden. das wesen wird von manchen als „innerer zensor“ bezeichnet.

da man uns früher eine menge erziehung angedeihen ließ, da unsere gesellschaft eine hohe moral vermittelt und da es schwer ist sich diesen regelungen zu entziehen, kann dieses wesen immer wieder neue kraft schöpfen. wer aber gerne einmal all das wirklich ausdrücken möchte, was ihm schon immer auf der zunge lag oder im hals stecken blieb, der sollte versuchen diesen zensor zu verscheuchen, zumindest für eine gewisse zeit.

ist das erste ziel des kreativen schreibens ja erst einmal nicht die leserschaft, sondern das schöpfen aus der eigenen kreativität, sollte es keine vorbehalte und tabus geben. man muss seinen text ja nicht veröffentlichen und kann ihn für sich bewahren. doch beim inneren zensor wird meist die erwartete leserschaft schon mitgedacht. was erwünscht sie sich von mir? was wird den anderen gefallen und was nicht? wie weit darf ich mich aus dem fenster lehnen? darf ich hier jetzt über meine sehnsüchte schreiben? und vieles mehr.

interessant ist, dass dieser zensor (oder ist es eine zensorin?) vor allen dingen wohlgefallen auslösen möchte. doch manchmal empfindet man beim schreiben etwas ganz anderes. möchte einen viel brachialeren ausdruck finden. und selbst wenn man schnell schreibt, ist der zensor oft viel schneller. freewriting ist eine schreibtechnik, die den inneren zensor zumindest ein stück überholen kann. sinnvoller erscheint es aber, sich dieser einschränkung bewusst zu sein, dann lässt sie sich auch leichter ablegen. es kann hilfreich sein, sich selbst dabei zu beobachten, welche zweifel einen bestürmen, ob der geschriebene text nun der passende sei. in diesem moment sollte man hellhörig werden und sich gemahnen frisch von der leber weiterzuschreiben. das ist nicht ganz leicht, da die drohungen und stoppschilder immer größer werden, die einen dazu aufrufen umzukehren. doch wenn ich sie erkenne, kann ich sie auch wissentlich überschreiten.

es geht hier nicht darum, keine selbstkritik an den eigenen texten zu üben. es geht darum, die kritik nicht regelungen und moralvorstellungen zu überlassen, die nicht die eigenen sind. und es ist wunderbar auf einmal einen zwar unbrauchbaren aber gleichzeitig ungestümen und wilden text verfasst zu haben. und dann kann man sich immer noch überlegen, ob er wirklich so unbrauchbar für andere ist. vielleicht veröffentlicht man ihn ja doch.

 

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