warum es mehr fussballfans als literaturfans gibt

 

am preis kann es nicht liegen. bücher und eintrittspreise für lesungen sind allemal preiswerter als ein stadionbesuch bei der em. an der dauer kann es auch nicht liegen. ein buch hält meist länger als 90 minuten, eine lesung mit anschließender diskussion überschreitet diese zeit auch. an der begeisterung kann genauso wenig liegen. bücher können von seite zu seite mehr begeistern. sie können die spannung so steigern, dass man es nicht weglegen kann. rhetorik? pustekuchen. wie wurde vorgestern im fernsehen verkündet: das unternehmen titelgewinn geht in die entscheidende phase.“ hilfeee! stelle man sich diese moderation über den literatur-nobelpreis vor und die nation würde aufschreien.

worum geht es dann?

ich weiß es nicht. ist es die erotik von rennenden männern? glaube ich nicht. da scheinen leichtathletik-wm und olympia attraktiver. ist es nationalismus? die schlimmsten nationalepen wurden geschrieben und nicht gekickt. das spiel? spiel ist das schon lange nicht mehr, wenn sich selbst die ard in den büschen versteckt um ein bilder von den spielern auf der terasse des trainingslagers zeigen zu können. hysterie? kommt dem schon recht nahe. haben sie einmal beobachtet, wie nervös ihre nachbarschaft noch schnell zum einkaufen fährt und wie viele menschen ihre wohnung vor dem spiel aufräumen. wie wäre es mit lärm? ja, auch das. ein ganz bestimmter lärm. so wie es niemanden stört, wenn in der u-bahn menschen ihr leben ins handy brüllen, so aufgebracht sind sie alle, wenn jemand aus einem buch laut vorliest. geht ein punk betrunken brüllend durch die strassen, wird schnell zurückgebrüllt. torkeln betrunkene fussballfans durch die ganze stadt, nennt man das eine ausgelassene siegesstimmung.

und da kommen wir der sache schon näher. fussball ist wahrscheinlich so attraktiv, da es einen zusammenhalt im land suggeriert, den es gar nicht gibt. verkauft wird das dann als „sommermärchen“ (es kann dann doch nicht auf die literatur verzichtet werden). ach ja, verkauf spielt auch eine große rolle. wie sagte die kasserierin vor ein paar tage zu einem kunden an der kasse. „wenn sie den 6er-pack vom milchreis kaufen, ist das billiger als ihre fünf exemplare und sie bekommen noch eine deutschlandfahne dazu“. wer sich darüber wie ich hier lustig macht, weil er den sinn des spiels nie verstanden hat und auch keine empathie für die emotionen entwickeln kann, der ist ein spielverderber. dabei stehe ich gar nicht im garten und juble meinem buch zu, ich lese auch nicht laut vor. noch ballere ich in die luft, wenn ich es ausgelesen habe. ich bekomme auch keine deutschlandfahne, wenn ich sechs bücher kaufe. ich bekomme von meiner zeitung nicht einmal eine beilage über verlagsneuerscheinungen. welches buch hat eigentlich mercedes benz zuletzt gesponsert, mit einem bus? ich sage nur, ich finde das spiel doof. und ich möchte wieder tagethemen haben, die nachrichten bringen, und keine kleine sportschau sind. ist das so schlimm? 🙄

 

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4 Antworten zu “warum es mehr fussballfans als literaturfans gibt

  1. Meine volle zustimmung!

  2. Fussball wurde meiner Meinung nach seit der letzten WM als Fest entdeckt. Nicht nur dass massig schlaue Köpfe entsprechende Utensilien auf den Markt brachten, der das Feiern verschönerte und witzig machte, sondern auch das public viewing boomte als neue „Gesellschafts-Kultur“ und „Gemeinschaftsidee“. Da gab es endlich wieder dates für Viele. Das Gehupe finde ich nach wie vor bescheuert – für schlafende Kleinkinder, Stadttiere und Leute, die am nächsten Morgen früh aufstehen müssen.:-(

    Es gibt nicht mehr Fussballfans als Literaturfans! Es gibt im Fussball eine Möglichkeit der größeren Gemeinsamkeit und der Emotion, weil fast alle so in etwa das Gleiche bei einem Tooooooooor empfinden. Bücher lesen erfordert Langmut. Das ist beim Fussbal nicht so. Da komprimiert sich die Aufmerksamkeitsbereitschaft nur auf die Länge des Spiels und alle trösten sich nebenbei beim „spannenden“ Warten gegenseitig mit Snacks und guten Getränken. Emotionen treten beim Lesen nur selten nach außen, deshalb findet sich auch kaum eine Verbindung mit der Außenwelt.

    Warum ich gerne Fussballspiele gucke? Weil ich mich freue über manche Leistung der Spieler. Wie so eine große Gruppe über das Feld fegt und die Pässe auf dem riesen Spielfeld annehmen kann, das finde ich faszinierend. Ja, die sportliche Leistung finde ich super. Die Kämpfereien auf dem Spielfeld finde ich übel und auch das Parolengeschreie von den Tribünen, das hört sich an wie in einem Amphitheater, mit einem Warten auf den Verlierer und Gewinner, entsprechend geschwächt und gestärkt durch Kraftsprüche…
    Fussball ist ein Stück National-Identität und betrifft verbindet viele Menschen. Literatur ist zu vielseitig und unterschiedlich, als dass sich so Viele gleichzeitig damit identifizieren können. Sobald es in der Literatur etwas Ähnliches gibt, überlegt man, ob es ein Plagiat ist. Nicht so beim Fussball. Ein Beispiel der Gemeinsamkeit gibt es auch in der Literatur. Siehe Harry Potter. Als nicht Harry Potter Leser ist man da doch ganz aus dem Rennen gewesen und mit den ganzen Harry Potter Gedöns kann man nix angefangen, wenn man sich nicht mit den Sog ziehen lässt. Fussball schätzen kann man auch erst, wenn man in dem Sog ist. Dann kann Fussball EM Spass machen. Wenn man Ahnung vom Spiel hat, dann kann man auch mitfiebern, für kurze Zeit und dann wieder zum Buch greifen.:-)
    Zu viel Fussball in den Tagesthemen? Das geht auch wieder vorbei. Ich denke Fussball ist aufgrund der Identität auch zu Politik und Macht geworden, von daher wird es „schlauer“ Weise in die Tagesthemen verlagert. Oder?

  3. da sei ein etwas längerer kommentar erlaubt, habe ich doch gerade eine kolumne zum thema massenevents für das käseblättchen der arbeitsstelle verfasst. zu finden ist die „gaynow“ unter: http://www.mann-o-meter.de/mom/site/main.php?lang=de&id=1500

    Gruppenerlebnis oder Massenphänomen

    Ein kleiner LeseZirkel

    Das Event ist auf dem Vormarsch. Ob in virtueller Form oder real, viele Menschen treffen gern viele Menschen. Das ist an sich nichts Neues, das gab es schon immer. Doch die Großereignisse werden in den letzten Jahrzehnten zum sommerlichen Standard in allen Regionen des Landes. Und es beschleicht einen langsam ein Misstrauen, ob nicht vieles zum Immergleichen mutiert.
    Fangen wir mit dem Karneval der Kulturen an. Ein Umzug, bei dem viele Menschen die Straße säumen, essen, trinken und sich amüsieren. Dann die Fußball-EM. Ein Bildschirm vor dem viele Menschen stehen, essen, trinken und sich amüsieren. Dazwischen noch das lesbischschwule Stadtfest. Eine Ansammlung von Info- und Verkaufsständen, zwischen denen sich viele Menschen aufhalten, essen, trinken und sich amüsieren. Anschließend der CSD. Ein Umzug, bei dem viele Menschen die Straße säumen, essen, trinken und sich amüsieren. Das Klassik-Open-Air am Gendarmenmarkt. Viele Menschen lauschen der Musik, essen, trinken und amüsieren sich. So wäre die Liste endlos fortzusetzen.
    Erstaunlich an diesen Ereignissen ist nicht der Ablauf, sondern die Tatsache, dass sie unausweichlich erscheinen. Das sie behandelt werden, wie wenn sie die Aktivität der Mehrheit der Gesellschaft abbilden. Tun sie aber nicht. Der Großteil der Menschen macht etwas anderes. Übrigens auch zur Fußball-EM. Doch die Großevents werden sich immer ähnlicher. Der Anlass spielt eigentlich keine große Rolle mehr. Wichtigster Bestandteil sind Essen und Trinken, alles andere spielt eine Nebenrolle.
    Nun kann man sich fragen, weshalb es die Menschen genau dorthin zieht, wo so viele andere Menschen sind. Einer der Gründe sind sicherlich, dass alles bereitet ist. Man muss nicht selber kochen, braucht nichts vorzubereiten und bekommt noch gratis ein Gefühl von Gemeinschaft. Und man muss sich nicht wohl verhalten, kann man sich doch in der Masse der sozialen Kontrolle teilweise entziehen. Es lässt sich eintauchen in eine Menschenmenge, die sich daneben benimmt. Einmal durchatmen.
    Doch da ist noch mehr. Inzwischen werden solche Ereignisse verstärkt emotional aufgeheizt. Das Dabeisein signalisiert an einer ganz außergewöhnlichen Veranstaltung teilgenommen zu haben. Silvester 2000 zeigte aber, dass die Veranstaltungen sich in ihrem Konzept weltweit immer stärker angleichen und die Bilder aus jedem Teil der Erde ähnlich sind. So wie inzwischen die Einkaufsgebiete in Europa aus IKEA, Toys´r´us, Walmart, Metro, H & M und dergleichen bestehen. Dabei geht das Vielfältige verloren. Alles eine große Gemeinschaft.
    Was zuerst stattfand ist schwer zu sagen. Das Internet funktioniert inzwischen ähnlich. Es bietet zwar auch Raum für Nischen, doch die müssen erst einmal gefunden werden. Durch das Ranking von google und Co. zieht es die Menschen an die gleichen Orte. Wer blättert noch lang in den anderen Angeboten, wenn der erste Treffer von so vielen besucht wird. Die können nicht schief liegen. Aber parallel dazu beschleicht einen das Gefühl, dass dies nicht alles gewesen sein kann. Eigentlich sollte man doch davon ausgehen, dass es allen prächtig geht, wenn sie sich so viel amüsieren. Im Hintergrund sieht die Stimmung ganz anders aus. Die Ängste nehmen zu, psychische Störungen und einzelnes Scheitern an den gesellschaftlichen Vorgaben, verschwinden nicht, eher das Gegenteil. Aber es wird kaum thematisiert. Auch die Politik lebt inzwischen von den kurzfristigen Events. Vor etlichen Jahren haben die Gewerkschaften erkannt, dass sie junge Arbeitnehmer nur noch mit einmaligen großen Aktionen aber nicht mehr mit Aufklärung über ihre Situation erreichen. So wird Selbstbestimmung ebenso zum Event.
    Auf der anderen Seite ist die Anstrengung enorm in der Masse sichtbar zu bleiben. Deshalb sucht jeder Mensch nach Alleinstellungsmerkmalen, die ihn von den anderen unterscheiden. Er möchte als Individuum wahrgenommen werden. Das ist schwer. Das klappt nur noch mit Hilfe von Extremen. So müssen alle Eigenschaften überhöht werden, muss ein Ideal von einem selber gezeichnet werden und es müssen rücksichtslos die eigenen Positionen verteidigt werden. Ernüchterung stellt sich ein, wenn man den anderen an den Treffpunkten der Massen begegnet. Denn es sind kaum Unterschiede festzustellen. Sie sehen sich ähnlich, tragen die gleichen Klamotten, hören die selbe Musik, essen das gleiche und amüsieren sich ebenso.
    Und dann ist sie da, die Langeweile, die Tristesse. Schaut man sich die Gesichter bei Massenveranstaltungen an, fragt man sich, wer sich hier eigentlich amüsiert. Aber dabei gewesen zu sein ist alles. Schade um das ganze Interessante, das so langsam verschwindet. Und wo bleibt die Kritik?

  4. Zu Deinem ausführlichen kritischen Kommentar kann ich nur eine Überschriftverbesserung vorschlagen – ohne Deine Argumente abschwächen zu wollen, denn dem meisten stimme ich zu-:
    „Gruppenerlebnis und Massenphänomen“ es ist nicht „oder“ sondern nahezu Beides. Ich war noch nie auf einem public-viewing – es mag eine vage These von mir sein, dass es eine Art neues Fest ist. Wer sich bei Massenveranstaltungen am meisten amüsiert? Ganz sicher derjenige, der am Besten damit umgehen kann. Rock am Ring z.B. ist auch eine Massenveranstaltung. Ich hatte damals jedes Mal Spaß dabei (vier Mal dabei gewesen, das ganze Wochenende), nur den Müll danach fand ich furchtbar und dann war ich irgendwann „aus dem Alter raus“ und gehe nicht mehr hin. Dennoch gehört doch zu Massenveranstaltungen die Tatsache, dass alle ein ähnliches Motiv haben.

    Über den „Gleichton“ und die Extreme muss ich nur noch schmunzeln. Begonnen mit dem Schuhmode-Reiterstiefelwahn. Aber dann kommen wir vom Fussball-Literatur-Thema ab…
    Kritik für Massenveranstaltungen habe ich genug aber nach allem ständigen wissenschaftlich kritischen Denken finde ich es auch mal ganz schön sich für einen 0815 Sport zu interessieren oder Tatort zu gucken und darauf zu achten, was daran so faszinierend sein kann.
    Wissen über die Machttechnologien und die Mikrophysik der Macht sind mir immer geläufig und immer wieder in der Masse dabei, sonst könnte ich mir ja die Kugel geben 🙂 Von daher, Kritik meinerseits immer wieder, aber dieses Jahr im Fussball mal ohne 😉

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