Tagesarchiv: 30. Juli 2008

„schreiben lernen – schreiben lehren“ – ein buchtipp

die schreibpädagogik bemüht sich das schreiben, meist das kreative schreiben, zu lehren. doch das klingt oft leichter, als es in wirklichkeit ist. vieles kann im wege stehen, anderen schreibtechniken und schreibformen zu vermitteln. das fängt schon bei der frage an, welches schreiben denn vermittelt werden soll. handelt es sich um menschen, die nur nach dem eigenen ausdruck suche oder haben sie vor den beruf des schriftstellers, der schriftstellerin zu wählen. und was müssen schriftstellerInnen heute wissen, was kann man ihnen überhaupt vermitteln. josef haslinger und hans-ulrich treichel versammeln in dem buch, das sie herausgegeben haben, „schreiben lernen – schreiben lehren“ illustre gäste aus der schreibenden zunft und aus der schreibpädagogik, die sich über die schreiblehre und das schreiben lernen in aufsätzen und essays gedanken machen. mir persönlich hat besonders der beitrag von nirav christophe gefallen, der der strukturiertheit mancher schreibpädagogischen konzepte widerspricht. sehr schön ist die sequenz, in der er feststellt, dass etliche schreibende, die auch das schreiben lehren, sich nicht an ihre eigenen ratschläge halten und lieber einfach drauflos schreiben.

ja, es gestaltet sich nicht leicht die schreibpädagogik in die praxis umzusetzen. und was sind die lernenden eigentlich bereit zu lernen? wahrscheinlich lässt es sich nicht vorhersagen, aber zumindest die gedanken anregen, durch dieses nicht ganz frische buch. es ist 2006 im fischer taschenbuch verlag erschienen und hat die ISBN 978-3-596-16967-2

schreibidee (39)

der innere zensor ist ein geselle, der einem in vielen bereichen im weg stehen kann. besonders vehement wird er, wenn texte den weg der sozialen gepflogenheiten verlassen. noch heftiger reagiert er, wenn diese texte in einer schreibgruppe verfasst werden sollen und anschließend vorgetragen werden.

so ist diese idee der versuch die eigene schamgrenze beim schreiben und beim vortragen ein wenig zu verrücken. besonders gut eignet sich dafür die ordinäre sprache. sie spricht aus, was andere unter den teppich kehren wollen in einem direkten und geschmacklosen tonfall.

erst einmal ist es an den schreibgruppenteilnehmerInnen, sich in eine ordinäre person zu versetzen. vielleicht kennt man gar keine. in diesen momenten sei man gewarnt, denn im hohen alter widerfährt es manchem, dass er zügellos wird und alle hemmungen verliert. und plötzlich legen menschen eine sprache an den tag, die alle anverwandten im boden versinken lässt. also, alle mögen sich eine ordinäre person vorstellen. und anschließend einen ungefähr einseitigen mündlichen bericht dieser person über die letzten 24 stunden verfassen. in aller direktheit und mit aller skandalträchtigkeit.

im anschluss werden diese texte in der schreibgruppe vorgetragen. das erscheint deshalb hilfreich, da ordinäre texte auf dem papier erst einmal einen harmlosen eindruck machen können. doch mit der richtigen betonung und lautstärke vorgetragen, hinterlassen sie die gegenteilige wirkung. so kann es für den einen oder die andere auch hilfreich sein, den text in einem dialekt zu verfassen, denn manche dialekte kehren das stülpen die direkten innereien noch viel effektiver nach außen. und alle in der schreibgruppe dürfen nun übereinander erstaunt sein, welche abgründe die inneren zensoren bisher in schach gehalten haben 😀