suchmaschinen und das wort „schwul“ – ein nachtrag zur alltäglichen diskriminierung

 

je mehr man recherchiert, desto skurriler wird die situation um das wort „schwul„. es steht bei manchen suchmaschinen wirklich auf dem index.

so wird, wie beim letzten beitrag schon erwähnt, bei „excite„, ein produkt der IAC Corp., bei der suche nach „schwul“, eine seite aufgerufen, die darauf aufmerksam macht, dass es sich um jugendgefährdende seiten handeln könne, und man muss anklicken, dass man erwachsen ist. der betreiber der seite kommt aus den usa. gibt man also den begriff „gay“ ein, ergibt sich dieses problem nicht. bei lesbisch übrigens auch nicht.

eine stufe schärfer wird es dann bei „lycos“ und „hotbot„. beide suchmaschinen gehören zur Lycos Europe GmbH, die wiederum zur Bertelsmann AG in gütersloh gehört. gibt man bei beiden suchmaschinen den begriff „schwul“ ein bekommt man folgende information: „ihre suche nach „schwul“ ergab leider keine treffer„. doch nicht genug damit, über dieser aussage prangt folgende werbung: „Lycos Services – Boys und Männer: Knackige Bilder und Fotos kostenlos bei Lycos! – Süße Boys, ganze Kerle und jede Menge Haut im Großformat: Da macht das Hinschauen Spaß!„.

also ein anderer versuch. als verantwortlicher für den jugendbereich in einem schwulen beratungszentrum suchte ich nach „schwule jugendgruppe“. es gab bis auf eine keine gefundene jugendgruppe für schwule. keine ahnung wie sie es dort reingeschafft hat zwischen „Insight – Jugendgruppe der ChristusKirche Dortmund, Baptisten“ und „Münchener Mineralienfreunde e.V. – Jugendgruppe„. also andersrum, ich suchte nach „lesbische jugendgruppe“. und plötzlich tauchen sie alle auf, zumindest die jugendgruppen, die sich als „schwullesbisch“ bezeichnen. auch der begriff „schwullesbisch“ verursacht keine probleme. was ist das? übrigens besteht bei der suche nach schwulen jugendgruppen wiederum keine hemmung, oberhalb und unterhalb der nicht-funde werbung für schwule kontaktbörsen und modelabels zu platzieren.

und noch einen schritt weiter, einen blick auf die seite von bertelsmann werfen. dort finden sich unter „corporate responsibility – unsere verantwortung. unser engagement.“ solche edlen aussagen wie:

 

  • Wir verstehen es als Teil unserer Verantwortung, dort als guter Bürger zu handeln, wo wir tätig sind. Wir und unsere Mitarbeiter setzen uns vor Ort aktiv und unterstützend für ein lebenswertes Umfeld und gegen soziale Missstände ein.
  • Vielfalt statt Einfalt
Unsere unternehmerische und in unseren Grundwerten verankerte Antwort auf diese Frage lautet: Wir schränken die freie Entscheidung des Einzelnen nicht durch Einseitigkeit oder gar Bevormundung ein – vielmehr fördern wir ein Maximum an Meinungen und Ideen bei all jenen, die unsere Inhalte gestalten und erarbeiten. 
  • Das gilt auch dort, wo nicht nur harte Fakten zählen, sondern Unterhaltung. Auch sie hat Vor- und Leitbildcharakter, vor allem für Kinder und Jugendliche. Hier übernehmen wir als Produzenten, Anbieter und Dienstleister Verantwortung. 

 

nun kann man sich drei gründe für das zensierende verhalten vorstellen.

entweder im vorauseilenden antidiskriminierenden gehorsam nimmt man das wort schwul aus den suchmaschinen, da „schwule sau“ immer noch eines der häufigsten schimpfwörter auf deutschlands schulhöfen ist. dann wären aber im rahmen des gender-mainstreaming junge frauen eindeutig bevorzugt, da sie unter „lesbisch“ viele angebote finden. und schwulen jugendlichen nicht mehr die chance gegeben wird, sich mit ihrer sexuellen orientierung positiv zu identifizieren.

oder schwul wird auf den index gesetzt, da es immer noch etwas anrüchiges hat. dann wäre aber an bertelsmann oder lycos die ganze emanzipationsbewegung der letzten jahrzehnte wirkungslos vorübergezogen. denn schwule bezeichnen sich heute selber als „schwul“.

oder als letzte möglichkeit fällt mir noch ein, dass es sich dabei um falsch verstandenen jugenschutz handelt, der anscheinend bei dem begriff „lesbisch“ keine rolle spielt. da sich unter „schwul“ auch pornografische seiten versammeln, streicht man das ganze wort. hier wäre aber der hinweis auf „knackige boys“ vom lycos service ein sehr fragwürdiger. und zum thema jugendschutz sei nur so viel gesagt, da schwer positive vorbilder für schwule jugendliche zu finden sind, zeigte eine befragung vor etlichen jahren in berlin dass das suizidrisiko bei schwulen jugendlichen vierfach höher ist als bei anderen männlichen jugendlichen.

da die beweggründe nicht zu klären sind, ist es zeit nachzufragen und sich gleichzeitig zu empören.

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2 Antworten zu “suchmaschinen und das wort „schwul“ – ein nachtrag zur alltäglichen diskriminierung

  1. Hi,

    Fairerweise muss man sagen, dass bei Lycos nur der Filter ausgeschaltet sein muss. Das schwul als Wort in den Filter gelangt ist, kenne ich auch aus der Arbeit. Da hat man einfach gedankenlos einen ausländischen Filteranbieter genommen.
    hp

  2. das blöde daran ist aber, dass der filter erst in der erweiterten suche automatisch ausgeschaltet wird. und skurril wird es schon, auch wenn ein ausländischer filter genommen wird, dass „gay“ und „lesbisch“ nicht rausgefiltert werden. es käme einer suchmaschine zumindest zugute, wenn die betreiber den filter umschreiben ließen. das muss mitarbeitern doch auch auffallen. man sollte meinen, wir wären schon einen schritt weiter 😦

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