„krankheit als metapher – aids und seine metaphern“ – ein buchtipp

die beiden in dem buch versammelten texte sind schon älter. doch sie haben nicht an bedeutung verloren. hauptaussage beider texte ist es, dass bestimmte krankheiten gesellschaftlich gern dafür verwendet werden, charakterzuschreibungen vorzunehmen. so wie freud schon vor langer zeit die hysterie als charakteristische störung der bürgelichen gesellschaft damaliger zeit ausmachte, so werden auch heute noch, bestimmte körperliche störungen, schnell mit psychologischen deutungen überfrachtet.

susan sontag, schriftstellerin und journalistin, die häufig einen außergewöhnlichen blick auf gesellschaftliche phänomene warf, zeigt in den texten vor allen dingen am krebs und an aids auf, wie die gesellschaft, die erkrankten zusätzlich für ihre erkrankung verantwortlich macht. so wird krebs von vielen als ein ausdruck eines zu introvertierten lebens ausgemacht. wer krebs bekommt, hat zu viel in sich hineingefressen, hat sich immer zusammengerissen. in erster linie wurde aber der, der krebs bekommt, umweltgiften ausgesetzt oder das wachstum seiner zellen veränderte sich, so dass es zu wucherungen kommen kann. krebsgeschwüre werden aber auch auf gesellschaftliche prozesse übertragen, die härteste konsequenzen fordern. gerade in faschistoiden gesellschaften ist das krebsgeschwür metapher für entwicklungen, die beseitigt werden müssen. aids wiederum hat viel mit sexuellem verhalten zu tun, weshalb es auch dem moralischen tadel an die seite gestellt wird.

das buch „krankheit als metapher- aids und seine metaphern“ zeigt sehr aufschlussreich, wie sprache zur psychologisierung der gesellschaft und krankheit zur reglementierung unbeliebten verhaltens genutzt wird. und es zeigt, dass nur bestimmte krankheiten mit bedeutungen überfrachtet werden. das buch ist im fischer taschenbuch-verlag in frankfurt am main 2003 erschienen. ISBN 3-596-16243-2

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6 Antworten zu “„krankheit als metapher – aids und seine metaphern“ – ein buchtipp

  1. na, aber vielleicht ist ja auch was wahres dran?

    • woran meinst du, wäre etwas wahres?

      • na, wenn jemand krebs kriegt zB… hat das bei manchen vielleicht wirklich die psychologische ursache, dass man dinge immer in sich hineingefressen hat. vielleicht ist das nicht nur ein klischeebild dessen sich die autoren bedienen (sondern eher tiefergehende weisheit)?

      • christof zirkel

        inzwischen widersprechen untersuchungen dieser vorstellung. generell wird behauptet, das immunsystem würde durch bestimmte lebenseinstellungen gestärkt, auch dies ist so eindeutig nicht. seltsam, dass dieser gedanke der eigenen beteiligung nur bei bestimmten erkrankungen eine rolle spielt. so könnte man ja auch sagen, wenn jemand osteoporose bekommt, ist er zu soft. oder bei einem schlaganfall hat man zu viel falsches gedacht … oft hat krebs eher mit umweltgiften oder selbstreparaturproblemen des körpers zu tun. die psychosomatik findet sich eventuell eher in anderen störungen, die ursachen von erkrankungen sein können. aber selbst da wäre ich mit der eigenverantwortung der erkrankten sehr vorsichtig.

      • naja, ich empfehle da die lektüre „Krankheit als Weg“ von Detlefsen… da wird durchaus behauptet, dass man Fieber bekommt, wenn man einen Konflikt in sich trägt, einer Entscheidung „entgegenfiebert“… oder Schnupfen, weil man die „Nase voll“ von etwas hat. Vielleicht ist Krebs wirklich zu allgemein gehalten, gibt ja viele Formen davon. Eine generelle Pauschal“verurteilung“ zur Eigenverantwortung einer jeden Krankheit halte ich auch für sehr gewagt und unfair.
        Ich glaube nur, dass bis zu einem bestimmten Maße etwas daran ist, dass der Körper ausdrückt, wie es in der Seele aussieht. „etwas bereitet mir bauchweh“ zB

  2. die guten alten hausärzte wussten auch schon von den zusammenhängen zwischen psyche und soma. und zwar nicht nur bei krankheiten wie krebs oder aids. bei einer erkältung versagt auch das immunsystem und dann fragt ein ganzheitlicher medizinmann z.b.: wovon haben sie die nase voll? eigenverantwortung gilt jedoch nicht nur für die erkrankung, sondern vor allem auch für den „gesunden“ umgang damit. nicht nur das fehlen von krankheit bedeutet in diesem zusammenhang heilung.

    das buch von dethlefsen/dahlke ist ein klassiker über die be-/deutung von krankheitsbildern. die sprache gibt viele hinweise: etwas schlägt auf den magen, eine laus ist über die leber gelaufen, gift und galle spucken, das geht an die nieren, das bricht mir das herz …

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