wortklauberei (8)

„verantwortungsloses system“

der französische premierminister francois fillon wurde gestern in den tv-nachrichten zur bankenkrise mit den worten zitiert, es sei an der zeit gegen das „verantwortungslose system“ vorzugehen. der originaltext ist mir nicht bekannt, weshalb es schwer ist, zu kontrollieren, ob er dies wirklich gesagt hat. sei´s drum, wenn er es nicht gesagt hat, dann zumindest redakteurInnen oder übersetzerInnen. und das wichtigste, diese aussage wird gesendet.

man möchte ja nicht altklug erscheinen, aber ein system kann nicht verantwortungslos sein. auf der anderen seite kann man sich gewiss sein, dass solche aussagen nicht leichtfertig getroffen werden, sondern menschen sich gedanken machen, warum sie es gerade so formuliert haben und nicht anders. übertragen auf eine andere situation würde der autofahrer, der gerade einen passanten dem erdboden gleich gemacht hat, erklären, das läge am verantwortungslosen auto, das ja auch so schnell fahre. seltsamerweise wird in diesem moment differenziert und die rechtssprechung sieht den autofahrer in der verantwortung, der das auto gelenkt hat.

ein schelm, der beim „verantwortungslosen system“ schlechtes denkt. sollte die aussage getroffen worden sein, um die „verantwortung los“ zu sein? inzwischen sollten sich nicht nur die banken gegenseitig misstrauen, sondern menschen sollten auch den banken und vor allen dingen ihren aufsichtsräten das vertrauen entziehen. denn die nun zu spät kommende systemkritik ignoriert, dass es menschen sind die dieses steuerten und aufrecht erhalten. niemand kann sich dem entziehen, wenn die gesamte gesellschaft nach den prinzipien funktioniert. und doch werden in anderen zusammenhängen verantwortliche benannt. nur beim abstürzen der börsen sind es entweder die anderen oder das system. und nur, da es so formuliert wird, erklären sich viele menschen bereit, hilfsaktionen in billionenhöhe zu akzeptieren. wenn die deutschen sparkassen auch einen fonds für deutschland fordern, dann sollte mensch einmal nachfragen, welche leichen sie denn noch im keller haben. ach ja, diese „verantwortungslosen“ banken. 😆

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3 Antworten zu “wortklauberei (8)

  1. Eine System kann weder Verantwortung tragen noch sie los sein. Es ist da vollkommen leidenschaftslos.
    Das „System“ – ein distanzierendes Wort- gleicht zur Zeit einem Erdrutsch. Keine Zeit nach Schuldigen und Verantwortlichen zu fahnden. Noch nicht. Die Devise lautet erst einmal Schadensbegrenzung, sonst schauen wir alle kollektiv in einen ungeahnten (wirtschaftlichen) Abgrund.
    Im zweiten Schritt allerdings müssen die Wirtschaftsakteure und die Politik endlich Verantwortung übernehmen, Konsequenzen ziehen und Ähnliches in Zukunft verhindern. Sonst sind Tür und Tor für politische „Rattenfänger“ im linken und rechten Sprektrum sperrangelweit offen. Und das wäre nun wirklich verantwortungslos! Bitte keine weiteren Parallelen zu 1929…

  2. nun, es ist auch jetzt schon möglich, die verantwortlichen zu benennen, denn eigentlich wurde darauf seit jahr und tag hingewiesen. wie wurde gestern in den „tagesthemen“ so schön gesagt, erst jetzt übernimmt die politik wieder das ruder in der finanzwirtschaft, sie hat es sich jahrelang von den banken aus der hand nehmen lassen. oder hat irgendjemand eine erklärung dafür, weshalb gutschriften aufs konto immer noch mehrere tage brauchen?
    da ist vielleicht doch einmal eine radikalisierung notwendig, auch wenn die angst davor groß ist. aber es war alles so absehbar, deshalb erstaunt mich das momentane entsetzen ein wenig. und parallelen ziehen zu früheren ereignissen ist hilfreich, denn man kann es eventuell besser machen, ohne dass die normalen bürger die gesamte zeche zahlen. wie wäre es, wenn der staat zwang ausübt, dass alle banken ihre bilanzen wirklich offen zu legen haben, so wie der hartz IV empfänger auch. und wer es nicht macht kommt in beugehaft 😮

  3. Verantwortung, verantwortlich sein heißt, „für etwas die Verantwortung tragend; Rechenschaft schuldend“ „…die Folgen zu tragen“ (Herkunftswörterbuch DUDEN S. 778-779).Das Wort Verantwortung so verstanden hätte Francois Fillon mit seiner Aussage doch die Sache auf den Punkt gebracht, da die Banken sich schwer tun Rechenschaft abzulegen und die Folgen zu tragen. Warum sollte ein System nicht verantwortungslos sein können? Man braucht sich doch nur als nicht schuldig darstellen und nicht bereit sein, die Konsequenzen zu tragen – und schon ist man verantwortungslos. Natürlich weiß ich was Christof meint aber dennoch kann man ein System als verantwortunglos bezeichnen, so lange niemand Rechenschaft ablegt und niemand die Vernatwortung trägt, obwohl die gesamte Verantwortung ja nur durch das System zu Stande kommt. Eine Mikrophysik der Macht?

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