schreibpädagogik und gruppendruck

 

schreibgruppen sind gruppen und gruppen sind soziale verbände. und zum sozialen verband gehört es, dass sich viele menschen durch die bewertung anderer unter druck gesetzt fühlen. so etwas äußert sich in schreibgruppen zum beispiel darin, dass sich manche teilnehmerInnen kaum trauen, ihre texte und geschichten vorzustellen, oder dass sie der auseinandersetzung mit dem inneren zensor unterliegen. am schwersten fällt es aber vielen, sich der gruppe zu entziehen.

so wird in jeder schreibgruppe die option eingeräumt, eine aufgabe nicht mitzumachen oder die eigene geschichte nicht vorzulesen. ähnlich wie in anderen gruppen immer die möglichkeit besteht, an bestimmten übungen und aufgaben nicht teilzunehmen. und doch kommt dies sehr selten vor. auch wenn manche innerlich den wunsch hegen, eine aufgabe auszulassen, etwas nicht zu machen, zwingen sie sich oft genug, doch mitzumachen. es ist der hintergedanke, wie die anderen über einen urteilen könnten, wenn man sich der gruppe entzieht. es wird oft unbewusst mit sanktionen gerechnet.

damit es nicht zu diesem zwangsgefühl kommt, kann nicht oft genug auch in schreibgruppen betont werden, dass man nicht an allen schreibanregungen und lese- und feedbackrunden teilnehmen muss. sollte jemand für sich die entscheidung getroffen zu haben, mit der teilnahme auszusetzen, dann ist dies zu registrieren aber nicht weiter zu reagieren. schwieriger wird es erst ab dem moment, wenn sich jemand absolut verweigert. doch damit ist in freiwilligen gruppen nicht zu rechnen.

wichtig für gruppenleiterInnen ist es, sich nicht zu viele gedanken zu machen, wenn einzelne teilnehmerInnen einmal nicht mitmachen wollen. nur wenn in der abschlussrunde formuliert werden sollte, dass das aktuelle treffen nicht gefallen hat, dann sollte man natürlich alternativen überlegen. aber ansonsten kann man davon ausgehen, dass man als erwachsener mensch mit selbstverantwortlichen erwachsenen menschen zu tun hat. darauf kann man vertrauen. nur anderen die brücke bauen, den gruppendruck hinter sich zu lassen, werden einem alle teilnehmerInnen danken.

2 Antworten zu “schreibpädagogik und gruppendruck

  1. Wie wichtig es ist, in der Schreibgruppe immer wieder darauf hinzuweisen, daß wir Schreibimpulse geben und keine Schreibaufgaben, wie in der Schule, kann garnicht oft genug betont werden. Auch, daß es nicht darauf ankommt unbedingt allen Anregungen Folge zu leisten. Das Schreiben ist ein Angebot. Souveränität ist hier wohl das Zauberwort.
    Wir schreiben mit einer Gruppe Patienten in der geschlossenen Anteilung einer Nervenklinik. Die Schreibwerkstatt gehört zum therapeutischem Angebot und die Patientinnen sind zum Teil nicht ganz freiwillig dort. Der Hinweis auf ihre Selbstbestimmtheit in der Schreibgruppe ist absolut notwendig. Erst die daraus entstehende „Freiheit“ befähigt sie zu ihren Worten, Sätzen und wundervollen Texten.

  2. Spannend finde ich es immer wieder, wie die „Souveränität“ erlangt werden kann. Wahrscheinlich sind da Schutz bietende Gruppen, bei denen klar ist, dass nichts vom Verfassten nach außen dringt, eine gute Voraussetzung. Denn sie bieten für manche Menschen eventuell das erste Mal die Möglichkeit, zu erleben, für das Gedachte und Geschriebene nicht sanktioniert zu werden. Schön ist es, wenn immer wieder darauf hingewiesen wird, dass nichts veröffentlicht werden muss. Klingt toll! Und doch wird gerade von TherapeutInnen in psychiatrischen Einrichtungen verlangt, eine Prognose aufgrund des Gesagten abzugeben. Eine schwierige Situation, in der Schreibgruppen eine gewisse Narrenfreiheit genießen und beibehalten sollten. Viel Spaß weiterhin.

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