biografisches schreiben und erinnerungsvermögen

 

eine schwierigkeit des biografischen schreibens besteht darin, dass es meist von menschen praktiziert wird, die schon ein höheres alter erreicht haben. das hat zur folge, dass die erinnerungen an kleinigkeiten in der entfernten vergangenheit oft nicht mehr zur verfügung stehen. nur wenn regelmäßig tagebuch geschrieben wurde lässt sich manches wieder erinnern. das verlagt aber viele biografien und lebensgeschichten in die nahe vergangenheit.

faszinierend ist die tatsache, dass bei sehr hohem alter dann wieder die erinnerungen an die kindheit wacher scheinen, als die an die nähere vergangenheit. um diesen phänomenen ein schnippchen zu schlagen scheinen assoziationstechniken und systematische zeitlinien hilfreich. es ist zwar zu vermuten, dass die wirklich bewegenden ereignisse erinnert werden beim verfassen der eigenen lebensgeschichte, doch das ist nicht gewiss. denn vor allen dingen die schockierenden, schlimmen vorkomnisse im eigenen leben, werden gern versteckt und abgelegt, um nicht beständig an sie erinnert zu werden.

so wird biografiearbeit auch immer zu einem wieder offenlegen der alten wunden und verletzungen, vielleicht auch zum letztmaligen verarbeiten dieser traumata, doch gewiss ist das nicht. natürlich besteht das recht, die unangenehmen dinge abermals auszusparen, doch es sollte mir zumindest bewusst sein, dass ich dies tun werde, wenn ich meine eigene biografie verfasse.

denn oft genug werden persönliche biografien als letztendliche erkenntnis eines menschen dargestellt, die unhintergehbar scheinen. dem ist nicht so. es gibt immer noch eine geschichte hinter der geschichte, die nicht unbedingt benannt wird. es ist auch müssig sich unter druck zu setzen, jetzt aber alles offenzulegen. es wird nicht klappen, da es gar nicht mehr erinnert werden kann. um dies zu verstehen, genügt es schon, sich zu fragen, was man gestern eigentlich alles erlebt hat und welche gespräche man führte. schon das zusammenfassen dieser daten gestaltet sich auch bei jungen menschen ausnehmend schwer.

diese erkenntnis eröffnet einem die möglichkeit, dass die eigene biografie sich beständig verändern und erweitern kann und niemals abgeschlossen sein wird. dadurch entsteht eine große freiheit, sich der eigenen lebensgeschichte anzunähern.

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