schreibpädagogik und neugierde

 

da sich schreibgruppen oft aus menschen zusammensetzen, die sich vorher nicht kannten, versuchen die teilnehmerInnen, sich durch ihre texte gegenseitig kennenzulernen. dies kann sowohl zu schönen, als auch zu schwierigen momenten führen.

der angenehme aspekt dieses kennenlernens besteht darin, dass die gegenseitige annäherung nicht über smalltalk erfolgen muss, sondern gleich über aussagekräftige texte der einzelnen stattfindet. dadurch lern man menschen von einer seite kennen, die sie im alltag nicht unbedingt preisgeben. man trifft sich sozuschreiben bei den geschichten, die geschrieben wurden. die feedbackrunden bieten eine zusätzliche möglichkeit miteinander ins gespräch zu kommen.

da der mensch an sich ein ganz schön neugieriges wesen ist, kann dies aber auch den wunsch in der gruppe, möglichst gleich sehr persönliche texte zu hören und eventuell zu schreiben, verstärken. das ist nicht ganz unproblematisch. ist es zum einen der vesuch, seine position in der gruppe klar zu machen, also auch ein idealisiertes bild von sich abzugeben (doch dies ergibt sich auch beim smalltalk). es führt aber gleichzeitig manchmal zu dem effekt, dass von teilnehmerInnen nocht mehr persönliche texte von den anderen eingefordert werden. es bildet sich eine art voyeurismus oder gaffertum heraus, dass die anderen erkennen möchte. dabei kann es dazu kommen, dass teilnehmerInnen, wenn sie nicht mehr in der gruppe sind, das gefühl haben, zu viel von sich preisgegeben zu haben. es ist ihnen unangenehm, was sie alles über sich in ihre texte gepackt haben, obwohl sie vielleicht gar nicht so engen kontakt aufnehmen wollten.

zum anderen verstärkt sich eventuell bei den anderen der hunger, eine verschworene gemeinschaft von schreibenden zu bilden, die gegen den rest der welt, der kein verständnis für das schreiben hat, anschreibt. das mag erst einmal ein gutes gefühl sein, kann aber spätere konflikte schnell persönlich werden lassen. man kennt sich ja schon so gut, und fühlt sich zum beispiel durch ein nicht so positives feedback schnell verletzt.

hier ist von leiterInnen der schreibgruppen darauf zu achten, dass nicht zu schnell und zu intensiv, sehr persönliches geschrieben werden soll. man kann nicht immer verhindern, dass die selbstoffenbarungen trotzdem stattfinden, aber man sollte zwischenzeitlich darauf aufmerksam machen, dass es sich um eine schreibgruppe und nicht unbedingt um eine selbsterfahrungsgruppe handelt.

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