Tagesarchiv: 21. Januar 2009

schreibidee (88)

schreiben ist immer so nett und es werden oft so nette texte verfasst. dabei sind viele menschen wütend. wütend auf die verspätete s-bahn, auf die nachbarn, die sich wegen der lauten musik beschweren, auf den anderen autofahrer, der die vorfahrt genommen hat, auf die lebensabschnittsgefährtInnen, die die zahnpasta nie richtig verschließen oder auf die kinder, die immer dann schreien müssen, wenn man mal telefoniert.

diese wut wird gern für sich behalten. ist ja auch ganz sinnvoll, man kann ja nicht wegen jeder kleinigkeit streiten. doch dieses mal soll in der schreibgruppe gesammelt werden, was alles wütend machen kann oder wütend macht. dabei werden in einem brainstorming diverse vorschläge gesammelt und notiert. aus den vorschlägen wählen sich die teilnehmerInnen jeweils einen aus, der sie am meisten berührt.

nun wird ein text verfasst, in den die ganze wut einfließen soll, ein „schimpf-und-schande-text„. wenn es machbar ist, wird der innere zensor vor der tür gelassen und losgelegt. es darf geschimpft, beleidigt und geflucht werden, natürlich nur schriftlich. doch die texte werden anschließend in der runde vorgetragen. im zweiten schritt soll dann eine geschichte verfasst werden, die sich um die situation oder person dreht, die so wütend macht. dabei werden teile des „schimpf-und-schande-textes“ aufgegriffen und integriert, entweder in eine auseinandersetzung oder in wütende gedanken. ich würde da zum beispiel die frau von gestern im buchladen beschimpfen, die meint, an ihr scheiß-handy gehen und in einer unüberhörbaren lautstärke etwas klären zu müssen. sie trat nicht einmal beiseite, sie war wichtig. doch bevor ich jetzt in rage komme, wünsche ich lieber viel spaß bei der umsetzung der schreibidee.

kreatives schreiben und männer

es muss ja mal geschrieben werden. in arbeitszusammenhängen rund um das kreative schreiben und in den vielen schreibgruppen befinden sich hauptsächlich frauen. ein phänomen, das sicherlich etwas mit den angeblich überlebten geschlechterrollen zu tun hat.

zum einen ist schreiben, wie auch lesen, eine der tätigkeiten, die gesellschaft weiterhin schräg beäugt werden, wenn es sich nicht um verträge oder reden handelt. das „hobby“ des schreibens scheint unter der würde vieler männer zu sein. zumindest gehen viele auf distanz.

zum anderen schimpft sich deutschland als „land der dichter und denker“ und vergisst dabei seine vielen schreibenden frauen. wenn es also um den schritt an die öffentlichkeit, um das dasein als schriftstellerIn geht, dann wird der buchmarkt immer noch gern von männern dominiert und sie werden verlegt, erhalten nobelpreise. selten wird frauen diese ehre zuteil.

doch weshalb finden sich dann so wenige männer in schreibgruppen? da ist er wieder, der einsame wolf, der für sich schreibt in seinem kämmerlein sitzt und auf die passende eingebung wartet. austausch über geschriebenes ist seine sache nicht unbedingt, ebensowenig, wie kritik. und vor allen dingen, dieses verfassen persönlicher texte in der gruppe, die anderen vorgestellt werden. das fällt dem mann schwer. eventuell noch selbstreflexionen zum eigenen schreibprozess verfassen, ja sich preisgeben, das fällt schwer. hat er doch gelernt, nicht verletzlich sein zu dürfen, da feinde in diesen momenten besonders gern angreifen. abgesehen davon, müssten viele männer bis dahin gelernt haben, dass es auch von vorteil sein kann, seine gefühle überhaupt zu benennen, wenn nicht sogar erst einmal zu erkennen.

das klingt jetzt ein wenig bösartig, beschreibt aber nur, was in gesellschaftlichen abläufen immer noch üblich ist. mann hat eine rolle bekommen, die er schwer verlassen kann. übrigens sind auch frauen daran beteiligt, dass männer diese rolle des „lonesome cowboy“ aufrechterhalten können. und so werden sie weiter boxen, saufen und bestseller schreiben, aber das kreative schreiben sicherlich noch meist auf der seite liegen lassen 😦

wortklauberei (21)

unwort des jahres: „notleidende banken“

selten spricht einem eine nominierung so aus dem herzen, wie das diesjährige unwort des jahres. gut, die begründung kann man teilen oder nicht, da sie wieder die bösen bei den banken verortet und so tut, als ob der rest der gesellschaft nichts damit zu tun hätte. doch der begriff an sich hat schon etwas absurdes.

stellen sie sich vor, sie gehen an einem sonnigen tag durch einen park. plötzlich ruft es vom wegesrand: „setzen sie sich doch! keiner will sich mehr auf mich setzen. seit dreißig jahren steh´ ich hier rum, habe immer gute dienste geleistet und viel erlebt. tag und nacht war hier was los. streit, liebe, sex und versöhnung, alles habe ich erlebt. doch jetzt werden die bretter morsch, die farbe blättert ab und die halterung rostet vor sich hin. mir geht es so schlecht. ich leide not.“

so hört sich eine notleidende bank an, wenn sie denn sprechen könnte, ein lebewesen wäre und ihrem leid ausdruck verleihen könnte. doch das kann sie nicht. auch nicht, wenn sie nicht zum sitzen da ist, sondern zur aufbewahrung und verwaltung des geldes. manager können notleiden, angestellte oder mitarbeiter. der gewinn kann schrumpfen, kredite können auslaufen und nicht mehr zurückgezahlt werden. das geht alles. es ging auch gerade heute wieder, dass die hypo-real-estate noch einmal ein paar milliarden unterstützung erhalten hat und die citibank-group extrem an der us-börse eingebüßt hat, ebenso wie gestern die deutsche bank. das alles ist vorstellbar. aber auch wenn es einen geldverkehr gibt, der bahnen zieht wie blutbahnen, eine bank lebt nicht!!! und wer sie lebend macht, haucht dem kapitalismus etwas ein, das er nicht besitzt: leben und emotionen. es handelt sich bei banken nur um wirtschaftswissenschaftliche abläufe und die psychologie der mitarbeiter. das kann anscheinend in der heutigen diskussion nicht oft genug betont werden. denn rettungsaktionen sollten menschen dienen und nicht banken.

die homepage des komitees für das „unwort des jahres“ mit infos und nominierungen der letzten jahre ist hier zu finden: http://www.unwortdesjahres.org/ .