nabelschau (04)

liebe berliner s-bahn,

ich danke dir dafür, dass ich endlich wieder zum ausgiebigen bücherlesen komme. diesen winter hast du dir besonders viel mühe gegeben. denn der winter war kalt, zumindest teilweise, und wie winter das nunmal sind. dich liebe s-bahn hat das aber überrascht und du fuhrst einfach nicht. das verlängerte den aufenthalt auf deinen bahnhöfen für mich enorm und hatte den effekt, dass ich mehr seiten der bücher verschlingen konnte, die gerade mein interesse wecken.

besonders freut es mich aber, dass du jedesmal am s-bahnhof schöneberg eine 10-minütige zwangspause für mich arrangierst. du denktst  für deine fahrgäste mit. was soll dieses ewige gehetze, mach doch mal pause. für alle nichtkenner der s-bahn-szene: am s-bahnhof schöneberg kreuzt eine der wichtigsten nord-süd-verbindungen berlins von oranienburg bis potsdam den ring, eine der meistbefahrenen ost-west-verbindungen. es steigen also auch dementsprechend viele menschen um.

kenner wiederum bereiten sich bei der einfahrt einer der züge schon darauf vor die treppen, die die züge verbinden hoch oder runter zu sprinten, da die züge beinahe zeitgleich einfahren. wichtig ist dabei das wort „beinahe“. einer der züge ist immer eine halbe minute früher da. die mitarbeiter der s-bahn fertigen diesen besonders schnell ab, damit es nicht zu einer lästigen verzögerung durch umsteigende fahrgäste kommt. der nächste zug in die jeweilige richtung kommt in 10 minuten. wäre der takt auf diesen linien ein extrem enger, könnte man das ja verstehen, so kann man sich nur seinen büchern widmen. das umblättern fällt bei minusgraden leider ein wenig schwer. sitzplätze auf den bahnhöfen sind auch nicht gerade zahlreich. deshalb habe ich eine kleine wunschliste, liebe s-bahn:

anstatt verköstigungseinrichtungen auf den bahnhöfen zu installieren, wünsche ich mir einen kleinen aber feinen buchladen. zudem beheizte sitzbänke oder zumindest kissen, da die drahtgeflechte im laufe der zeit doch zu leichten erfrierungen am arsch führen können. und vielleicht ein paar ein-euro-jobber zum umblättern der seiten. und vor allen dingen einen störsender für handys. denn dann steigert sich nicht nur der bildungsstand der bürger, nein, es ständen auch nicht so viele schlechtgelaunte menschen auf deinen s-bahnhöfen rum 😆

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