biografisches schreiben und schwerpunkte setzen

 

wer einmal angefangen hat, sich dem biografischen schreiben zu widmen und seine eigene lebensgeschichte aufzuschlüsseln, wird im laufe der zeit feststellen, wie reichhaltig das eigene leben war. das kann aber dazu führen, dass sich immer mehr erinnerungen und informationen zum eigenen leben anhäufen und die übersichtlichkeit, diese in einen text oder ein buch zu fassen, verloren geht.

also bleibt einem im laufe der zeit nichts anderes übrig, als schwerpunkte zum eigenen leben zu setzen. was möchte ich für mich erarbeiten und was möchte ich anderen mitteilen. dies spielt natürlich nur dann eine rollen, wenn man sich mit seiner lebensgeschichte an die öffentlichkeit oder an eine teilöffentlichkeit, wie zum beispiel einem nahestehende menschen richten möchte. schreibt man seine biografie einzig für sich selber, muss unübersichtlichkeit nicht stören, sondern kann eher den effekt haben, sich noch mehr details ins bewusstsein zurückzurufen.

bei einer schwerpunktsetzung ist es hilfreich, sich zu überlegen, an wen man sich wenden möchte. dann sollte man seine lebensgeschichte in einzelne kategorien aufteilen. so wie hier immer wieder einzelne aspekte des biografischen schreibens aufgezeigt werden, so kann man diese einzelnen aspekte auch sortieren. wen interessieren eventuell die lieblingsspeisen der autorInnen, wenn sie zum beispiel keine weitere bedeutung für die eigene entwicklung spielen. sind die lieblingsspeisen aber gekoppelt an erinnerungen zum beispiel vor der vertreibung oder bevor man auswanderte, können sie wieder bedeutung erlangen.

die schwerpunkte werden immer subjektiv gesetzt werden, dies lässt sich nicht umgehen. soll die biografie zum beispiel verlegt werden, wird es notwendig mit lektorInnen gemeinsam eine auswahl zu treffen. außerdem sollte man überlegen, unter welchem label eine biografie öffentlich gemacht wird. das kann ein blick in den alltag von managerInnen sein, das kann eine darstellung krisenhafter lebensumstände oder zum beispiel leben in deutschland nach dem zweiten weltkrieg sein. auch hier gibt es vielfältige möglichkeiten. man wähle das aus, was einem selber wichtig erscheint, und schon kann es zu einem spannenden leseerlebnis kommen.

Werbeanzeigen

4 Antworten zu “biografisches schreiben und schwerpunkte setzen

  1. Kennst du den Begriff des Biographems? Roland Barthes hat diesen geprägt. Er spricht von einer „Pulverisierung des Subjekts“, und meint damit all jene Passagen oder Textstellen, an denen der Autor nicht ich sagt, sondern sich in Empfindungen, Gedanken, Wahrnehmungen auflöst. Es ist sozusagen das Subjekt nicht als „Kern der Bedeutung“, sondern als eine sich wandelnde, sensible Oberfläche. Proust habe eine „Biographematik“ erfunden, eine Technik der Biographeme, ein unendlich sensibles, in der Welt mäanderndes Nicht-Subjekt.

  2. ich kenne den begriff nicht, habe hier wohl noch ein gelborangenes buch von roland barthes zum rauschen der sprache liegen, aber noch nicht gelesen. taucht dort der begriff auf? finde ich interessant.
    würde aber auch ungelesen widersprechen, da empfindungen, gedanken und wahrnehmungen immer von der je eigenen historizität, die selten bei zwei meschen identisch ist, beeinflusst sind, ebenso von den jeweils gemachten erfahrungen. jede handlung, alles geschriebene ist nicht zu trennen von subjektivem. allein die entscheidung, mich hinzusetzen und etwas zu notieren, ist eine subjektive, selbst wenn ich nicht ich sage. das mäandernde nicht-subjekt müsste sich über seine bedürfnisse, seine (objektiven) lebensbedingungen und die gemachten erfahrungen hinwegsetzen können. das scheint fragwürdig.
    aus eigener erfahrung: durch das schreiben verändert sich die wahrnehmung, z.b. wird sie „genauer“, „intensiver“ und hat auswirkungen aug meine empfindungen und gedanken.
    dank an den „intensiven leser“.

  3. Lieber Christof!
    Das ist – mit Verlaub – eine typische Argumentation von Nicht-Philosophen.
    Das Subjekt ist sozial gemacht; indem ich mich diesem verweigere, verweigere ich mich einem Kanon des Biografischen; ich widerspreche also gerade nicht dem Subjektiven in deinem Gedankengang als ZU subjektiv, sondern als ZU WENIG subjektiv. Statt von Subjektivem spreche ich lieber von einer aparallelen Intensität: aparallel bedeutet so viel wie: für andere nicht erreichbar, nicht axiomatisierbar, also mit einer inneren Unendlichkeit; Intensität bedeutet, dass es eher auf eine Energie ankommt, als auf ein Ergebnis.
    Wir liegen da vielleicht nicht so weit auseinander, nur dass ich mich an dem Begriff des Subjekts und einer „ergebnisorientierten“ Bedeutung störe.
    Frederik

    • lieber frederik,

      eingebunden in handlungen scheint mir der mensch nicht unbedingt „ergebnisorientiert“, da er das ergebnis selten vorhersehen kann, sondern eher „handlungsorientiert“ basierend auf vorherige erfahrungen. in der kritischen psychologie wurde gern das beispiel angeführt, dass ich als mensch beständig und blitzschnell entscheiden kann zwischen „ja“ und „nein“. diese entscheidungen treffe ich meist nicht bewusst, aber ich treffe sie. zum beispiel wenn ich einen fuss vor den anderen setze, da ich in eine bestimmte richtung gehen möchte. ich glaube auch, dass wir da nicht weit auseinander sind. und doch klingt mir deine argumentation ein wenig zu ungebunden, zu entrückt den gesellschaftlichen zwängen und den erfahrungen mit der gesellschaft. ich bin, egal in welcher lebenssituation eingebunden in das soziale leben. so geraten meine bedürfnisse beständig in widerstreit mit den bedürfnissen an mich und meine bedürfnisse wollen befriedigt sein, soll heißen sie versuchen ein positives ergebnis zu erlangen, wenn sie in handlungen umgesetzt werden. selbst wenn mein „kern“ für andere nicht erreichbar ist, ist er trotzdem von anderen beeinflusst. das „innere schatzkästlein“ scheint mir zu abgekoppelt.

      christof

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s