biografisches schreiben und lücken

man erinnert sich nicht an alles. beim versuch seine eigene lebensgeschichte aufzuschreiben, helfen zwar verschiedene vorgehensweisen, sich immer mehr ereignisse wieder ins gedächtnis zu rufen, doch es wird bei jedem menschen auch eine ganze menge lücken geben, an die man sich nicht mehr genau erinnern kann.

das fängt meist schon damit an, dass menschen sich an sehr verschiedene altersabschnitte in ihrer kindheit erinnern. manch einer kann sich bis ins früheste kindesalter zurückerinnern, manch andere nur an die schulzeit. bei den frühen erinnerungen ist sowieso vieles mit vorsicht zu genießen, da sich gern familienerzählungen mit eigenen erinnerungen vermischen.

auch andere erinnerungen können natürlich nicht mehr ganz der realität entsprechen, da das gehirn zwischenzeitlich gern die lücken, die vorhanden sind, mit fantasie oder erzähltem ausfüllt. anschließend wieder die trennung zu machen, was denn nun tatsächlich geschehen ist und was man sich „einbildet“ ist oft schwer, wenn zum beispiel keine tagebücher oder andere aufzeichnungen vorhanden sind. doch die umgangssprache bietet in diesem zusammenhang die lösung: „mut zur lücke„.

es wird sich mit großer wahrscheinlichkeit keine biografie lückenlos nachvollziehen lassen. es wird auch keine biografie ausschließlich „wahr“ sein. jede geschriebene lebensgeschichte wird auslassungen und zufügungen beinhalten. solang man sich nicht selber dazu antreibt, lügengeschichten wie münchhausen zu schreiben, tut dies dem ganzen werk keinen abbruch. denn das wichtigste ist sicherlich das gesamtbild. zumindest sollte man sich davor hüten, sich selbst dafür zu verurteilen, wenn man sich ob der informationen unsicher ist. das setzt nur unnötig unter druck. es ist eine idealisierung des menschen, zu glauben, man könne jede verdrängung auflösen und sich selber allem bewusst werden. verdrängung bedeutet auch selbstschutz. solang nicht geleugnet wird, zum beispiel in einer diktatur eine unrühmliche rolle eingenommen zu haben, ist alles nur menschlich.

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2 Antworten zu “biografisches schreiben und lücken

  1. In etwa das, was auch Barthes mit seinen Biographemen sagen möchte: Bruchstücke aus dem eigenen Leben. Zusätzlich ist aber jedes Biographem auch etwas Interpretiertes und der unendlichen Interpretation offen.
    Es gibt also zwei Lücken: einmal eine Lücke der „Inkompetenz“ („Das habe ich vergessen!“), und eine Lücke der Kompetenz („Das kann ich auch so interpretieren!“). Die zweite Lücke ist mir deutlich sympathischer.

    • ohne „inkompetenz“ wäre das leben schwer auszuhalten, interpretiert wird schon so viel. und wie gutachten zeigen, kann man alles anders interpretieren. mir scheint jede form von lücken gleich sympathisch oder unsympathisch, wahrscheinlich nur „menschlich“. und das macht sie schon wieder annehmbar in einer zeit, in der die „selbstverantwortung“ das neue zauberwort ist. alles so lang akzeptierbar so lang nicht anderen menschen wissentlich geschadet wurde.

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