Die dokumentierenden und schreibenden ErzieherInnen (2)

Dokumentation – eine pädagogische Herausforderung

Nicht ohne Grund steht die verpflichtende Dokumentation in Kindertagesstätten in den Bildungs- und Orientierungsplänen u.a. in Kapiteln mit der Überschrift „Pädagogische Herausforderung“ (Beispiel: Orientierungsplan Baden-Württemberg S. 45ff.). Für ErzieherInnen in der Frühpädagogik ist es wahrlich eine Herausforderung. Um realitätsnah dokumentieren zu können muss die ErzieherIn nicht nur mit der Digitalkamera umgehen können, sondern auch – und das in besonderem Maße – mit dem Wort. Sei es die Beschriftung der Fotos in Dokumentationsmappen oder das Schreiben einer Beobachtung. Gemeint ist hiermit die besondere Fähigkeit wertfrei schreiben zu können. Wie schwer es sein kann Fotos zu beschriften und Kinder schriftlich zu beobachten ohne ein wertendes Wort braucht keiner weiteren Erklärung. Es fehlen auch oft die Worte eine Beobachtung so zu schildern wie sie eben gerade wahrgenommen wird. Das fällt nicht nur denjenigen schwer, denen ohnehin das Schreiben leicht von der Hand geht. In der Ausbildung und im Berufsprofil der ErzieherIn ist die Fähigkeit des dokumentierenden Schreibens nicht erwähnt. Somit stehen diese vor einer ganz neuen Herausforderung, die teilweise auch eine Überforderung ist.  
Die ErzieherIn soll durch die Dokumentation die Bildungsprozesse des Kindes erkennen, so die Forderung. Zu einem gewissen Teil ist das möglich aber es ist immer der Teil, den die einzelne ErzieherIn darin sieht. Jede andere ErzieherIn würde den Entwicklungsprozess ganz anders auslegen. Deshalb müssen auch regelmäßig Gespräche im Team zu den Dokumentationen stattfinden. Inwieweit man dann dem individuellen Lernprozess des Kindes tatsächlich kindgemäß nahe kommt ist jedoch nicht gewiss.

Bei aller Analyse der pädagogischen Dokumentationen darf man nie außer Acht lassen, dass man als Erwachsener die Sicht des Kindes einnehmen möchte. Vom Kind her zu denken, als Erwachsener, dürfte trotz Dokumentation höchstens eine Annäherung sein. Es ist ein Irrtum zu glauben, man könne das Kind in seinem Lernen verstehen.
Wenn in den derzeitigen mannigfachen Kindergartenartikeln und -büchern davon ausgegangen wird, das Lernen des Kindes dokumentieren zu können, so würde dies voraussetzen, wir könnten in die Köpfe der Kinder gucken. Lernen ist nur bruchstückhaft sichtbar, wenn sich z.B. Verhaltensänderungen des Kindes in seinem Umgang mit den Dingen beobachten lassen. Warum jedoch das Kind diese Verhaltensänderung vornimmt und mit welcher Motivation, das bleibt uns verschwiegen und ist somit auch nicht zu dokumentieren. Kurzum: Das Wissen dessen, was Kinder denken und wie sie lernen bleibt bei und in dem Kind. Wir können uns diesem höchstens annähern.

Mein Plädoyer geht an dieser Stelle nicht gegen Bildungsdokumentationen als solche, sondern gegen den Irrglauben man könne den Prozess des Lernens und der individuellen Bildung tatsächlich mit Worten sichtbar machen (siehe: Gewerkschaft Erziehung und Bildung (Hrsg.) (2006): Bildung sichtbar machen. Von der Dokumentation zum Bildungsbuch. 2. Aufl. Weimar: Verl. Das Netz.) Das gekonnte Sichtbar-machen von Gegebenheiten – und das weiß jeder geübte Schreiber – ist ein sehr hohes Ziel und bedarf der Kunst aber auch der besonderen Übung des Schreibens.

Nächster Beitrag am 18.03.2009 „Schreibkompetenz in der Frühpädagogik – wozu und wie?“

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