Tagesarchiv: 4. April 2009

schnickschnack (68)

die finanzkrise kann zur mentalen krise werden. das ist kein scherz, sondern eine tatsache, zumindest laut einer us-behörde. aufgefunden hat die hinweise dazu mal wieder die süddeutsche zeitung von heute, s.15. wichtig ist, dass der mensch gesund bleibt. wenig wird darüber diskutiert, dass allein die arbeitsbedingungen an den börsen der welt und bei den brokern der finanzen alles andere als gesund waren oder gesund sind. hier wird nicht nach den stressfaktoren gefragt, sondern nach der rendite.

anders geht man nun mit den „opfern“ der finanzkrise um. die „substance abuse & mental health services administration“ (samhsa) der usa stellte tipps ins netz, wie man folgeerkrankungen und psychische störungen aufgrund von besitztumsschwankungen feststellen kann. es ist eine ernst angelegenheit, wenn jemand seinen gesamten besitz verliert. garantiert auch ein traumatisches erlebnis. die stressoren nehmen auch im vorfeld meist schon zu, wenn die aktienkurse nach unten rasseln und nicht wenig spielen mit suizidgedanken. ärgerlich ist einzig, dass erst in der finanzkrise hilfestellung geleistet wird (siehe http://www.samhsa.gov/economy ).

schon im vorfeld wären hinweise zum börsenhandel an sich sinnvoll gewesen. denn das spekulieren mit aktien unterscheidet sich nicht groß von der spielsucht. lotterieanbieter müssen inzwischen auf diese spielsucht hinweisen, börsenspekulanten nicht. auch der verlust des arbeitsplatzes in kapitalistischen gesellschaften bedrohte schon immer die menschen in ihrer existenz, auch wenn nicht so viel geld auf dem spiel stand. doch hat jemand damals jemals auf die mentalen folgen aufmerksam gemacht? depressionen sind schon lang die folge von leistungsgesellschaften, erstaunlich, dass dies erst jetzt wahrgenommen wird. ob es vielleicht daran liegt, dass die betroffenen in einer gesellschaftsschicht zu finden sind, die bis vor kurzem glaubte unverletzlich zu sein?

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wortklauberei (32)

„creativ catering“

es war eine ungeplante kulinarische nacht. auf den nachtbus wartend, leuchtete von der werbetafel an der haltestelle, dass „butter lindner“ ein feinkost-unternehmen, „creativ catering“ anbietet. also etwas holprig übersetzt gibt es nun kreative bewirtung, lebensmittellieferung oder verpflegung. davon ausgehend, dass essen in erster linie schmackhaft und bekömmlich sein sollte, fragte ich mich frierend, was das kreative an den nahrungsmitteln sein sollte. es kann nur die verarbeitung sein. doch was unterscheidet in diesem moment das kreative von dem herkömmlichen buffet?

wahrscheinlich kommt in diesem moment nicht mehr das petersiliensträusschen auf die schnittchen, sondern eine essbare orchideenart oder ein gelee aus trüffelessig mit einem hauch vanille oder so. kombinatorisch ist heute in der küche alles möglich. wo früher kleine fähnchen im käse prangten, gibt es inzwischen sicherlich einen vielfarbigen schokoüberzug über denselben. das schnittchen wird zur geschmacksexplosion und das ziermesser zur stickstoffschockfrostung.

da die rohstoffe zwar meist die gleichen bleiben, das catering und kochen aber im hightech-umfeld stattfindet, darum fuhr in besagter nacht auch ein lieferwagen an der haltestelle vorbei, der für zwei dienstleistungen warb: „entsorgung von speiseabfällen und elektronikschrott„.

denn irgendwann geht doch alles wieder den irdischen weg und wird zu dem, was es vorher einmal war. der speiseabfall besteht hauptsächlich aus naturprodukten, auch wenn mancher heutzutage auf die sondermülldeponie gehört. und der silizium-chip wird wieder zu sand am strand der meere, das eisen kehrt ins blut und in die böden zurück, selbst glas versandet in den gezeiten. ob sich in jahrhunderten noch irgendjemand an „creativ catering“ oder „feinkost“ erinnert?