Tagesarchiv: 20. April 2009

biografisches schreiben und partys

soziale kristallisationspunkte im persönlichen leben sind nicht selten feierlichkeiten, die es ermöglichen viele menschen zu treffen, kennenzulernen und sich gehen zu lassen. betrachtet man die heutige zeit, fällt ins auge, dass die professionell durchorganisierte party mehr zulauf hat als selbstgestaltete. der aufwand ist sicherlich geringer, der eintritt entlohnt die vorbereitung, doch die regeln der party setzen andere.

erinnern sie sich an die aufregendsten partys oder feiern in ihrem leben? was war da los? wen haben sie über partys kennengelernt? stellen sie doch einmal die außergewöhnlichsten ereignisse zusammen. oft entstehen ja die tollen dinge, wenn sie nicht geplant wurden. in den ländlichen regionen waren motto-partys häufig angesagt, da es keine weiteren angebote bekam. in den großstädten ist solch ein konzept sehr viel schwerer umzusetzen. schon die vorbereitung und organisation solcher veranstaltungen kann viel freude bereiten. allein das sammeln kreativer, oft schräger ideen, ist es schon wert gewesen. so entstanden zum beispiel tischtennis-turniere, deren ergebnistabellen eine weitere party nach sich zogen, da ein zu kochendes menü nach dem stand der tabelle bereitet wurde. oder die damals legendären partys auf den dächern von berlin. eine rätselfahrt über das land, bei der niemand wusste, wo sie endet und manche auf sich verirrten. ohne handy war dies noch ein abenteuer. zum glück gab es den notfallumschlag.

bei der betrachtung der eigenen lebensgeschichte können vor allen dingen die nachwirkungen der partys interessieren. was hat sich nach den partys im zusammenleben mit freunden und anderen menschen geändert? wie lassen sich die erlebnisse im alltag wiederfinden oder ergab sich überhaupt keine veränderung? man kann diese betrachtung auch ausweiten auf die großen feiern. ob es nun runde geburtstage, hochzeiten, religiöse feierlichkeiten oder familientreffen sind, es passiert bei diesem aufeinandertreffen verschiedener personen meist viel und nicht immer nur schönes. sicherlich stellt sich insgesamt die frage, finde ich diese partys relevant für meine lebensgeschichte oder sind sie buntes beiwerk. vielleicht ist es einfach nur schön, sich daran zu erinnern oder der anlass, mal wieder so richtig auf die pauke zu hauen 😛

„unglücklich glücklich“ von eric g. wilson – ein buchtipp

es scheint wie der tanz auf dem vulkan, dass in zeiten der großen umbrüche und katastrophen viele menschen in der westlichen welt sagen, sie seien zufrieden und glücklich mit ihren lebensumständen, anstatt sich elend zu fühlen und an den gegebenheiten zu verzweifeln. eric g. wilson nimmt die ergebnisse von befragungen als einstieg in sein buch „unglücklich glücklich – von europäischer melancholie und american happiness„. in den ersten kapiteln zerpflückt er mit großer freude die glückseligkeitskultur und ehrlich geschrieben, das lesen bereitet freude. er macht vieles an der us-amerikanischen gesellschaft fest, doch die beispiele lassen sich augenfällig auch in unserer entdecken. dabei zeigt er auf, dass sich inzwischen der hang zum glück in einen zwang zum glück entwickelt gegen den man sich wehren müsse. denn es geht seiner ansicht nach um die ausrottung der depressiven verstimmung (und er unterscheidet diese klar von einer schweren depression). 

im folgenden entfaltet wilson interessante überlegungen zur melancholie als ort der kreativität. dies mündet zum beispiel in der aussage: „kreativität macht uns nicht unglücklich – unglück macht uns kreativ“. darüber lässt sich sicherlich streiten, doch der grundgedanke ist meiner ansicht nach ein sehr anregender. erst wenn mensch sich konfrontiert sieht mit den widrigkeiten aber auch selbstverständlichkeiten des lebens und dadurch auch des todes, ist er bereit sich in die tiefen des daseins und seiner seele zu begeben. und erstaunlicherweise entstehen gerade aus diesen phasen die lebendigsten und ekstatischsten zeugnisse der kultur. dies macht er an vielen beispielen von dichtern, denkern und musikern fest.

deshalb widerspricht wilson gleichzeitig der zukleisterung von verstimmungen mit glücksverheissungen und schenkelklopfhumor. er singt stattdessen wortgewaltig das hohelied auf die melancholie und ihre produktiven folgen. ein spannendes buch in einer so lustigen eventkulturzeit. das buch ist 2009 erschienen bei klett-cotta in stuttgart. ISBN 978-3-608-94113-5