Tagesarchiv: 23. April 2009

biografisches schreiben und zweifel

zweifel können ausdruck des misstrauens oder der ungläubigkeit sein, sie können ansporn zur forschung oder des hinterfragens sein. zweifel sind unser motor der selbstbetrachtung. in einer konkurrenzhaften gesellschaft sind zweifel aber vor allen dingen eines, kleine possierliche nager am selbstwertgefühl. viele menschen fühlen sich von ihren mitmenschen in zweifel gezogen. sie beobachten einzelne reaktionen auf ihr dasein und ihr verhalten und gehen davon aus, dass sie sich fehl verhalten haben, obwohl keiner dies geäußert hat.

die toleranz gegenüber fehlern und schwächen von gedanken und verhalten ist bei uns sehr gering. so entsteht oft zwar erst ein gewisser anspruch von außen, erwartungen erfüllen zu müssen, gleichzeitig aber verinnerlichen viele menschen diese erwartungen und versuchen, alles zu geben, um vor ihrem inneren kritiker bestand zu haben.

beim verfassen der eigenen biografie oder lebensgeschichte lohnt ein blick auf die eigenen zweifel. in welchen  momenten überkamen einen die größten zweifel am eigenen dasein und an den eigenen handlungen. wie sah die lösung dieser selbstzweifel aus. wie realistisch scheint es in der nachschau, damals so an sich gezweifelt zu haben. es kann ja eine klare berechtigung geben, etwas zu ändern. aber es kann ebenso sein, dass die veränderungen gar nicht den eigenen bedürfnissen entsprachen und man sich auf kompromisse eingelassen hat, die man nicht mehr für sinnvoll hält.

das biografische schreiben ist eine gute möglichkeit, sich seiner selbst zu vergewissern. es sollte aber auch beachtet werden, dass dies vieles gelebtes in frage stellen kann, da aus der heutigen sich, eine menge überflüssiger kompromisse eingegangen wurden. auch hier ist es wichtig, sich zu überlegen, dass es aus damaliger sicht, aufgrund der damaligen zweifel seine berechtigung hatte. denn sonst besteht die gefahr, sich in bausch und bogen abzuqualifizieren und keinen blick mehr für die eigene entwicklungszeit zu haben. deshalb sind zweifel sowohl eine gute begleitung der eigenen entwicklung aber auch ein vorsichtig zu betrachtendes ereignis der vergangenheit. denn verzweifeln sollte man nicht an dem, was man erlebte.

kreatives schreiben und ruhe

vor jahrzehnten begab ich mich einmal ans nordkap mit dem fahrrad. ich bewegte mich durch regionen, in denen sich kaum ein mensch aufhielt, zeltete an orten, an denen tag und nacht weder ein auto noch andere technische geräte vorbeikamen. einzige geräuschkulisse bildete die natur, was nicht bedeutete, dass es ruhig war. allein die durch das schmelzwasser angewachsenen flüsse tosten in die täler. kaum am nordkap angekommen stellte ich fest, dass es sich um einen touristischen versammlungspunkt handelte, der hauptsächlich von schweizern, österreichern und deutschen mit lärmenden kindern bevölkert wurde.

wenn man sich heute umschaut, finden sich in deutschland eigentlich keine orte mehr, an denen man unbehelligt von sozialgeräuschen, wie autos, kleinflugzeugen, handyklingeln oder reisegruppen sein kann. selbst der besuch von berggipfeln oder inseln wird umgeben sein von menschlichen äußerungen. motorboote, andere wanderer, helikopter, alles ist irgendwann möglich. so wurde zum beispiel festgestellt, dass die singvögel immer lauter singen, da der umweltlärm sonst nicht zu übertreffen ist. vor dieser geräuschkulisse entstehen normalerweise texte.

spannend erscheint es mir, ob andere texte entstehen, wenn die eigentliche geräuschkulisse wirklich nur die natur wäre. also der versuch mit einer schreibgruppe orte zu finden, die allein tschilpen und das kratzen der stifte über das papier aussenden. wie würde dies bei den teilnehmerInnen ankommen, was wäre es für eine kommunikation. erstaunlich ist zum beispiel der effekt, dass viele menschen in der „reinen“ natur sehr viel verhaltener sprechen. dass sie in diesem moment entweder sehr ruhig werden oder eine unruhe sie erfasst, da der dauerhafte schallreiz abhanden gekommen ist. wie wirkt sich dies auf schreibreize aus? verfällt man automatisch in eine meditativere stimmung oder erscheint dieser schritt aus dem alltag bedrohlich? texte der ruhe scheinen anders zu sein als die üblichen kreativen werke. der versuch wäre es wert.