Tagesarchiv: 24. April 2009

nabelschau (14)

der hype des bürgertums. eine aufgabe des bürgertums ist es, sich ob der moralischen werte sorgen zu machen und gleichzeitig den nervenkitzel zu verspüren, in kontakt mit sündenbabel zu kommen. so wurden die schmuddelkinder schon immer gleichzeitig verteufelt und bewundert. denn diese lebten das, was die bürgerInnen im tiefsten winkel ihrer seele ersehnten, eine gewisse form der dekadenz.

so verwundert es auch nicht, dass der berliner club „berghain“ es heute auf die erste seite des feuilletons des süddeutschen zeitung geschafft hat. denn hier kann sich im angeblich „angesagtesten club der welt“ der bürger, die bürgerin in kontakt bringen mit sexuellen ausschweifungen (darkrooms, unisex-toiletten) und „schwulen“. man kann sich richtig vorstellen, wie manchen ein wohliger schauer über den rücken fährt, während sie eine ihnen fremde welt betrachten. gustav seibt beschreibt die entwicklung des clubs als anfang vom ende, da die „location“ inzwischen hoffähig und dadurch verwässert wird.

das schöne an dieser entwicklung ist es, dass sie nicht aufzuhalten ist und inzwischen nur noch ein abklatsch dessen, was gelebt werden kann, wenn man möchte. besonders schön daran ist, dass berlin die möglichkeit hat und immer nutzte, schon längst wieder neue orte und spielplätze der schmuddelkinder zu schaffen. die wellen der empörung werden wegen der alternativen wieder hochschlagen, die aufregung wird groß sein, dem persönlichen ekel wird ausdruck verliehen, um später einen blick auf die dekadenz anderer zu werfen.

die eigentliche gefahr besteht aber darin, dass die beachtung keine anerkennung ist. es ist eben nicht mehr als ein schauer, der über den rücken läuft, um sich anschließend zu sagen, dass man doch auf der guten seite der gesellschaft seinen platz gefunden hat. mich erinnert dies an einen größeren schwulen club vor über zwanzig jahren in stuttgart, der gern einmal von heterosexuellen bürgerlichen abendgesellschaften besucht wurde um nichts anderes zu tun, als zu gaffen. in solchen momenten wünschte ich mir immer, dass die kinder der paare auch garantiert schwul oder lesbisch würden. denn ein wenig leben kann in den besten familien vorkommen.

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web 2.38 – pigbrother.at

schweinemast macht das fleisch billiger. grundlage der schweinemast ist es, die tiere auf engem raum zu halten, für wenig bewegung zu sorgen und gleichzeitig ständig zu füttern. ähnliches geschieht in den letzten jahren mit menschen. sie werden auf engem raum in container gepackt (nein guantanamo ist damit nicht gemeint), sie haben wenig bewegung, zumindest geistige und sie bekommen je nach verhalten futter.

so wie die schweine am trog versuchen die menschen, sich gegenseitig den raum abzulaufen. sie versuchen sich tag und nacht, wohl wissend, dass sie beobachtet werden, darzustellen. das führt zu gesprächen, die nicht einmal mehr unterhaltungswert haben, sondern die zuschauer überzeugen sollen, den besseren menschen zu erkennen. dazwischen werden künstlich skandale inszeniert, da die aufmerksamkeit sonst abnehmen würde. was interessiert an menschen, die sich nur um sich selbst drehen? wahrscheinlich der trost, dass das eigene leben noch nicht die gleiche tristesse erlangt hat. oder vielleicht doch?

die logische konsequenz besteht darin, wieder zu den schweinen zurückzukehren. kann das beobachten von schweinen doch etwas meditatives haben (zwischenbemerkung: auf der „documenta“ vor 15 jahren konnte man von einem meditationsraum aus ein außengehege mit schweinen betrachten. yogamatten lagen aus und viele menschen ließen sich ernsthaft auf die „kunst“ ein.) also inszeniert ein österreicher das beständige beobachten von jungen schweinen unter http://www.pigbrother.at . die idee ist wunderbar, ersetzt das internet doch immer mehr das fernsehen und feiert in vielen bereichen eine gewisse inhaltsleere. radio eins vermittelte heute diesen genuss.

außerirdische intelligente wesen werden sich fragen, weshalb der mensch sich nicht einfach in die freie natur begibt, sich dort hinsetzt und die tierwelt betrachtet. das aquarium oder das terrarium waren die vorformen des heutigen fernsehens, auch der schweinemast ähnlich und blubbernd inhaltsleer. die letztendliche konsequenz sollte in einer webseite „guppiebrother“ zur schau gestellt werden. das leben kann so schön sein.