Tagesarchiv: 27. April 2009

von wichtigen und unwichtigen diskussionen – ein kommentar

die „hauptstadt des atheismus“, wie die ard gestern berlin nannte, hat zugeschlagen und sich gegen „pro reli“ also für „pro ethik“ ausgesprochen. dies eindeutig und unanzweifelbar. in der folge waren die intiatoren von „pro reli“ mit der aussage zu hören und zu lesen, dass sie es zumindest geschafft hätten, eine wichtige diskussion in berlin anzustoßen.

da kann man geteilter meinung sein. es war eher eine lästige diskussion, da die ganze volksabstimmung eigentlich nur wieder eines zeigte, es gibt in deutschland eine viel zu starke verquickung von kirchen und staat. eigentlich ist ja glaube nicht diskutierbar, sondern eben glaube. dies sei bitte jedem überlassen, wie er dies für sich handhaben möchte. das bedeutet zum beispiel auch, dass nicht alle, die gegen den religionsunterricht als wahlpflichtfach automatisch „atheisten“ sind. irgendwann mutete die diskussion eher als auseinandersetzung zwischen institutionen an, an der auch professionelle meinungsbildner beteiligt waren.

hier scheint es sinnvoller, einmal zu diskutieren, ob die bevölkerung die institutionen noch will. zumindest ist in deutschland noch viel zu lernen, was basisdemokratie angeht. ob nun der berliner senat steuergelder für wahlwerbung verwendet oder die kirchen kirchensteuern für ihre positionierung. es stellt sich die frage, ob ich als steuerzahl ein interesse an solch einem schaukampf habe. ein blick in die schweiz würde zeigen, dass es regeln geben kann, um keine position zu bevorteilen.

nochmals, über glaube lässt sich nicht diskutieren. also mögen alle, die ihrem glauben folgen, dies für sich tun, aber bitteschön den rest davor verschonen. es gäbe so viele wichtigere diskussionen, die in diesem land gescheut werden, aber jeden bürger angehen. island hat es am letzten wochenende vorgemacht. und dann könnten wir vielleicht auch einmal diskutieren, wieviel geld die kirchen eigentlich vom staat bekommen, warum sie so viel mitsprache haben und wer die kirchen von unten fördert? oder warum sich die kirchen als einer der größten sozialdienstleister und arbeitgeber nicht an tarifverträge hält? diese diskussionen halte ich für allemal interessanter.

weitere buchbesprechungen zu lutz von werders büchern

in dem hier schon vorgestellten blog von dr. andreas mäcklermeine-biografie.com“ gibt es zwei weitere buchbesprechungen, die sich büchern von lutz von werder widmen. bei dem einen handelt es sich auch um eine neuauflage zum tagebuch schreiben: „schreiben von tag zu tag – wie das tagebuch zum kreativen begleiter wird„. dieses buch hat lutz von werder zusammen mit barbara schulte-steinicke verfasst. die besprechung findet sich hier: http://www.meine-biographie.com/?p=806 . beim zweiten buch handelt es sich um eine fortführung des eben hier vorgestellten buches zum biografischen schreiben. der titel lautet: „die welt romantisieren – wie schreibe ich meine persönliche mythologie?“. die besprechung findet sich hier: http://www.meine-biographie.com/?p=1855 .

beide bücher bieten, so viel kann hier schon geschrieben werden, viele weitere schreibanregungen.

„erinnern, wiederholen, durcharbeiten“ von lutz von werder – ein buchtipp

lutz von werder, einer der mitbegründer des masterstudiengangs „biografisches und kreatives schreiben“ der alice-salomon-hochschule in berlin, verfasste im vorfeld etliche „standardwerke“ zum biografischen oder kreativen schreiben. eines dieser bücher, „erinnern, wiederholen, durcharbeiten – die eigene lebensgeschichte kreativ schreiben“ erschien gerade wieder in neuauflage.

das buch ist in drei größere abschnitte aufgeteilt, die sich am titel orientieren. im ersten abschnitt werden viele verschiedene möglichkeiten offeriert, wie man sich schriftlich seinen erinnerungen annähern kann. dazu werden diverse assoziationstechniken und fragestellungen herangezogen, um auch manche verschüttete erinnerungen wieder denkbar zu machen.

im zweiten abschnitt geht es dann darum, diese erinnerungen in worte zu fassen und beim schreiben zu wiederholen. es werden hinweise gegeben in welcher weise autobiografien aufgebaut und strukturiert werden können. das verfassen der eigenen lebensgeschichte kann diversen aspekten folgen, welche dies sind, bestimmen die schreibenden selber. aber das angebot an möglichkeiten, seine lebensgeschichte zu verfassen ist ein reichhaltiges und unzählige vorgehensweisen werden in dem buch vorgestellt.

im dritten abschnitt wird dargestellt, wie die im zweiten kapitel entstandenen texte der öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können. dazu bedarf es mancher techniken, um aus erinnerungen literatur zu machen. wie kann ich meine texte spannend und interessant gestalten? wie kann ich erlebnisse verfremden, damit die persönlichkeitsrechte gewahrt bleiben? auch dieser abschnitt birgt einen großen schatz an schreibanregungen.

durch das gesamte buch zieht sich als roter faden, dass autobiografisches schreiben nicht nur das sammeln von anekdoten ist, sondern eine technik zu mehr selbsterkenntnis und selbstheilung. hierbei lehnt sich lutz von werder stark an vertreter der psychoanalyse an, die eine vorstellung vom unbewussten haben, das als verdrängung selbstschutz bietet, gleichzeitig aber viele fragen offen lassen kann. man kann geteilter meinung über diese vorstellung des unbewussten sein, doch die anregungen, die das buch gibt, sind so vielfältig, dass alle leserInnen für sich selbst bestimmen können, welche ihnen angenehm sind. dazu wird im buch auch aufgefordert. in seiner fülle kann das buch als standardwerk bezeichnet werden. es ist im schibri-verlag 2009 in milow erschienen. ISBN 978-3-928878-42