wortklauberei (39)

„Stück für Stück ins Homoglück“

Luja, sog i! Halleluja! Berlin hatte die letzten Jahre beständig ein unglückliches Händchen, was das Motto des CSD (Christopher-Street-Day) anging. Doch dieses Jahr wurden auch die allerletzten Hürden zum gnadenlosen Ausverkauf einer politischen Idee genommen. So einigte sich die Findungskommission, also ein Treffen, an dem jede(r) teilnehmen kann, auf den weitreichenden Aufruf „Stück für Stück ins Homoglück – Alle Rechte für alle!„. Luja, sog i!

Da sitzen wir Homosexuellen also nun auf rosa Wölkchen, von Glück beseelt bei der Himmelsnahrung „Manna“, betrachten die Welt von oben und stellen fest, es ist alles schön. Mag die Finanzkrise die Welt noch so erschüttern, mag der Klimawandel die schwulen und lesbischen Feierlichkeiten in drückende Hitze oder gewittrige Schauer zwängen, mag das Leben immer komplizierter werden, das Homoglück winkt von weitem. ‚Wenn, ja wenn nur die Gesetze endlich angeglichen sind.

Das Motto des diesjährigen CSD reiht sich ein in die freitäglichen Rosamunde-Pilcher-Fernsehabende der ARD, die nichts besseres bringen, als eine heile Welt. Einzige FürsprecherInnen werden sich wahrscheinlich unter den GlücksforscherInnen finden, die bis heute nicht sagen können, was Glück eigentlich ist. Glück kann es für jemanden sein, dass die eigenen Eltern überhaupt akzeptieren, dass man schwul ist. Glück kann es sein, dass der Sexualpartner nicht infiziert wurde, obwohl das Kondom platzte. Glück kann es sein, dass man nach drei Jahren Suche endlich einen Arbeitsplatz bekommen hat.

Glück kann es natürlich auch sein, dass man den Traumpartner gefunden hat, mit ihm ins Standesamt gehen kann und sich verpartnert. Aber Homoglück muss das nicht sein. Generell stellt sich von Jahr zu Jahr verstärkt die Frage, wer die Definitionsmacht über das homosexuelle Leben innehat. Es scheint, es ist der gesellschaftliche Anpassungsdruck, Entwicklung nur von einer Richtung aus zu denken, der glücklichen, der guten, der gerechten und harmonischen.

Wo lebt Ihr denn? Glaubt allen Ernstes jemand, dass bei der Gleichstellung von homosexuellen Partnerschaften mit heterosexuellen Partnerschaften, bei Anti-Diskriminierungsgesetzen und bei Integration der gleichgeschlechtlichen Lebensweisen ins Grundgesetz, der Mensch hier glücklicher ist? Sprecht doch mal mit Euren heterosexuellen Verwandten und Bekannten, wieweit ihr Heteroglück von besagten Regelungen abhängt. Gerade hat der Paritätische Wohlfahrtsverband die Ungleichverteilung der Armut in Deutschland bekanntgegeben. Die trifft Homo wie Hetero.

Wer mit stückweiser Glücksverheißung argumentiert hat ein Problem. Er hat das Problem, dass er sich nicht mehr unterscheidet von anderen Glücksverheißungen. Ob es die aus der Konsum- und Werbewelt sind oder die der verschiedenen Glaubensrichtungen, ob es die der Lotterielose sind oder die der Gutmenschen-Allianz. Glück ist subjektiv und ist im Rahmen der sexuellen Orientierung nicht unterschiedlich. Oder gibt es ein anderes Glück für Homosexuelle als für Heterosexuelle? Das wird niemand so sagen wollen.

Auch „Alle Rechte für alle!“ ist eine Plattitüde, die diese Gesellschaft wohlwissend nicht genehmigt. Der verurteilte Straftäter wird zum Beispiel in seinen Rechten eingeschränkt, ihm stehen nicht alle Rechte zu. Dafür gibt es eine Reihe juristischer Begründungen. Sicherlich sind diese diskussionswürdig, aber das ist nicht die Intention des CSD. Natürlich kann man ahnen, worum es bei dieser Forderung geht, doch man benenne sie dann bitte auch so. Wie wäre es mit der schlichten Aussage „Gleichberechtigung für alle!“. Aber das kommt ja dann nicht knackig und werbewirksam genug daher. Schade, wieder ein CSD, der einen zweifeln lässt, ob man dafür auf die Straße gehen möchte. Dann doch lieber die Forderung „Keine Macht für niemand!“. Auch schon ein wenig ausgelutscht, aber treffender. In diesem Sinne: „Hand in Hand nach Schwulenland!“

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