Tagesarchiv: 5. Juni 2009

biografisches schreiben und 68er

es ist nichts neues, dass deutschland ein problem mit der eigenen geschichte hat. somit haben auch alle autorInnen der eigenen lebensgeschichte ein problem mit dem erfassen der größeren zusammenhänge im hintergrund. und dies seit über 60 jahren. gerade wird wieder die geschichtsschreibung der 68er diskutiert, nachdem sich herausstellte, dass der polizist, der benno ohnesorg erschoss bei der stasi war.

und wie es in deutschland seit jahrzehnten üblich ist, setzen sofort die reflexe des kalten krieges wieder ein. die eine seite ruft, jetzt müsse die geschichte der 68er vollständig umgeschrieben werden, wie wenn die studentenrevolte eine idee der stasi gewesen sei. die andere seite sagt, es habe sich gar nichts verändert, da sehr wohl bekannt gewesen sei, dass teilweise die stasi in vielen bereichen ihre finger im spiel hatte.

faszinierend bei den enthüllungen, dass herr kurass bei der stasi war, scheint aus heutiger sicht, dass immer noch nur die hälfte des ganzen veröffentlicht wird. oder glaubt irgendjemand, dass der westen nicht versuchte, auch im osten einfluss zu nehmen? neben der tatsache, dass es nicht nur um den schah, die altnazis und das muffige deutschland ging, sondern auch um den vietnamkrieg, überlebte soziale strukturen und das patriarchat, gab es auch noch berliner eigenheiten. wer einmal von augenzeugen hört, was sich vor der deutschen oper in berlin zutrug, hört inzwischen noch viel mehr von grabenkämpfen innerhalb der berliner polizei, von seltsamen zufällen des aufwiegelns der stimmung, wie eben auch die lautsprecherdurchsage, dass ein polizist umgebracht worden sei.

und hier wird es eigentlich interessant. Weiterlesen

wortklauberei (40)

„gesundheitskasse“

verdrehte welt könnte man zur entwicklung auf dem sektor der krankheitbehandlungsindustrie sagen. denn dort, wo krankheit eine rolle spielt, wird nur noch von gesundheit gesprochen. das fängt bei der gesundheitsministerin an und endet eben bei der gesundheitskasse. dabei ist der begriff der „gesundheit“ ein schwieriger. ab wann ist denn ein mensch gesund? wer definiert die jeweils subjektive befindlichkeit, wer sagt welche verhaltensweise eine problematische ist?
hier kommt die „kasse“ ins spiel. es wird gezahlt oder ausgezahlt, also geld in verbindung gebracht mit gesundheit oder besser geschrieben, eigentlich mit krankheit. alle anwendungen, die geld kosten, deuten auf krankheit hin, so jedenfalls eine der hauptargumentationen im hintergrund der definition von „gesundheit“. denn man könnte auch formulieren, dass ein mensch, der sich den irdischen genüssen jeglicher art verschrieben hat, eventuell früher erkrankt als ein mensch, der sportliche askese übt. der genießer würde aber seinen lebensstil als sehr angenehm beschreiben und sich in diesem moment also gesund fühlen.

bekommt er in diesem moment geld von der „gesundheitskasse“ oder, wie es im moment schon gehandhabt wird, wenn er nicht regelmäßig an kursen oder lauftreffen teilnimmt, werden im die bonusrückzahlungen verwehrt. soll heißen, der gesunde hat in die kasse einzuzahlen, hat sich zu schämen, ob seines laxen umgangs mit seinem eigenen körper, der der gesellschaft dienen sollte. und somit wird die „gesundheitskasse“ zum gesellschaftlichen maßstab, denn es gibt keine kranken mehr. es gibt nur noch menschen, die sich bemühen, gesund zu sein. warum man dazu dann aber noch eine kasse oder eine ministerin braucht verschwindet hinter den begriffen. schön ist es aber, dass wir uns alle so bemühen 😆

web 2.0 und „europeana“

die europäische kulturdatenbank „europeana“ versiebte erst einmal ihren start, da sie technisch dem ansturm nicht gewachsen war. inzwischen macht es den anschein, dass die immer noch in der beta-version ins netz gestellte informationsseite sich berappelt und auf suchanfragen reagiert. zudem sollen in nächster zeit zusätzliche rafinessen auf der seite ausgebaut werden. jetzt schon teilweise verwendbar ist die „timeline“ oder auf deutsch der „zeitstrahl“, der kulturobjekte nach ihrem alter sortiert.

auffällig bleibt es, dass die existierenden archive, die material zur verfügung stellen, anscheinend hauptsächlich in frankreich zu finden sind. dort gibt es auch viele schriftliche zeugnisse, die als pdf-datei einzusehen sind oder filme, die angeschaut werden können. aber es ist zu erwarten, dass konsequent weiter ausgebaut wird. abseits mancher sprachbarrieren, die bei der beschreibung mancher titel der exponate, schwierigkeiten bereiten können, ist jetzt schon die auswahl enorm. dabei findet sich wichtiges aber auch alltägliches, das nur ein wenig nostalgiegefühle auslöst.

die planung, nebenher eine community aus interessierten nutzern der datenbank aufzubauen, ist wahrscheinlich die interessanteste entwicklungen, da der sortiermodus der exponate ein ganz neuartiger werden wird, wie es heute schon durch die tags und kategorien bei blogs der fall ist. wen also viele kulturelle erzeugnisse interessieren, der sollte immer mal wieder einen blick auf „europeana“ werfen, und zwar hier: http://www.europeana.eu . übrigens kann man dann die sprache der startseite und weiterer infos oben rechts wählen.