kreatives schreiben und kreativität

es gibt menschen, die der meinung sind, sie seien nicht kreativ und werden es auch nie sein. dabei gehen sie davon aus, dass unter kreativität eine besondere fähigkeit zu verstehen ist, die nicht jedem gegeben ist. das ist eine auffassung, die weit verbreitet ist. sie hängt oft mit der vorstellung zusammen, dass kreativität besondere leistungen, wie den „faust“ hervorzubringen hat. dabei sind die ansprüche an sich selbst so hoch, dass jede kreative schreibtechnik scheitern muss.

dabei bietet gerade das kreative schreiben möglichkeiten, sich stück für stück den eigenen kreativen impulsen anzunähern. denn die assoziations- und schreibtechniken bieten, wenn sie konsequent angewendet werden, einen zugang, den eigenen zensor immer besser ausschalten zu können. sie führen die schreibenden an den punkt, sich nicht mehr so viele gedanken über das zu schreibende zu machen. natürlich verschwindet nach vollbrachtem schreiben noch nicht das vernichtende urteil.

bei etlichen teilnehmerInnen von schreibgruppen liegen anschließend zwei gefühle im widerstreit. zum einen das angenehme gefühl, etwas geschaffen zu haben, etwas eigenes produziert zu haben. zum anderen aber die kritische betrachtung des ergebnisses, die so schlecht und unprofessionell wirkt. da helfen oft auch keine bewertungen von anderen teilnehmerInnen, dass es sich um gute oder schöne texte handelt. hier werden die anderen eher abschätzig betrachtet, dass sie sich mit solchen schlechten ergebnissen zufrieden geben.

ein wenig verändern können diese situation eventuell selbstreflexive texte über den schreibprozess oder dialoge mit dem inneren zensor. denn bevor man sich endgültig der eigenen kreativität versichern kann, muss man sich vergewissern woher das strenge urteil über sich selber kommt. wann hat man gelernt, dass man höchstleistungen bringen muss und alles darunter ist nicht gekonnt. vor allen dingen bei der kreativität ist das mit der höchstleistung so eine frage, da die geschmäcker sehr verschieden sind. ansonsten kann noch eine schreibberatung hilfe bieten.

3 Antworten zu “kreatives schreiben und kreativität

  1. Lieber Christof!

    Es ist zwar äußerst üblich, so mit dem Wort Kreativität umzugehen, aber ehrlich gesagt: mehr als eine Behauptung, dass es sie gäbe, und jeder sie natürlich auch habe, ist das doch nicht.

    Ich sehe das grundlegende Problem darin, dass auch du hier keinen Halt gibst, was Kreativität ist. In diesem Fall wäre das eine Definition, die die sinnlichen Wahrnehmungen in kreative und nicht-kreative Phänomene aufteilt.

    Im Prinzip entsteht die Kreativität bei dir durch „Selbstvergessenheit“. Wenn man sich selbst nicht so kritisch betrachtet, wenn man den inneren Zensor (noch so ein gefährliches Wort) aufweicht, dann entsteht noch lange keine Kreativität. Oder eventuell auch, aber nicht nur.

    Dann schreibst du, man könne Kreativität „haben“. Wie bei allen „soft-skills“ ist Kreativität aber durchaus nicht eine psychologische Eigenschaft, sondern eher eine psychosoziale Gelegenheit, mithin also nichts, was ohne einen sozialen Raum funktionieren kann. Oder anders gesagt: Kreativität findet an der Schnittstelle zwischen Mensch und Gesellschaft statt und wenn ein Mensch sagt, er habe nichts Kreatives, ist das die einzig richtige Aussage. Trotzdem kann natürlich jeder Mensch kreativ wirken, wirken in dem Sinne, dass er etwas bewirkt.
    Bewirken auch in dem marxistischen Sinne, dass eine psychische „Einbildung“ in den sozialen Raum zurückwirkt. (Insofern ist es richtig, Kreativität als das Gegenteil von Entfremdung aufzufassen; und mit vielem, was du über Kreativität schreibst, bin ich aus genau diesem Grunde ja auch einverstanden.)

    Dieses Spiel von sich entfremden (lassen) und kreativ wirken wurde bei Piaget ähnlich in den Begriffen Assimilation und Akkomodation angedacht (nicht ganz so einfach, wie ich eben formuliert habe!), bei den Ökopsychologen unter Objektivation/Subjektivation.

    Hier also meine Definition von Kreativität:
    Kreativität ist das Vermischen zweier Muster zu einem neuen Muster und das Herausarbeiten der (psycho-)sozialen Funktion dieses Musters.

    Um das plastisch zu machen: wenn ich ein Buch lese und mir aus diesem Gelesenen eine mind-map bastele, dann vermische ich zwei Muster: einmal den gelesenen Text und einmal die abstrakte Funktion einer mind-map. Um aber daraus etwas Kreatives entstehen zu lassen, muss man sich noch über die Funktion dieser konkreten mind-map im Klaren sein. Diese Funktion kann durchaus etwas sehr Undeutliches, sehr Experimentelles sein, wie zum Beispiel: die Schreibtechnik des Autors verstehen.

    Kreativität ist nichts Hochtrabendes. Meine Strategie läuft hier nicht (wie du vielleicht annimmst) auf eine wissenschaftliche Definition hinaus (das auch), vor allem aber geht es mir um die Zerstörung des Fetischcharakters. Wenn man die „Kleinheit“ der Kreativität begreift, wird sie ganz selbstverständlich. Dagegen ist diese Stilisierung eines inneren Zensors geradezu das Gegenteil, eine im Grund genommen paranoide Reaktion auf einen so hohlen, wie idealisierten Begriff.

    Sorry, aber ich kann deine Position wirklich nicht anders einschätzen als äußerst zwiespältig.
    Liebe Grüße,
    Frederik

    • lieber frederik,

      in beinahe allem stimme ich dir zu und finde die kritischen anmerkungen hilfreich, ein wenig mehr darauf zu achten, vorsichtiger zu formulieren. nur die „selbstvergessenheit“ war nicht meine vorstellung, auch wenn es sich vielleicht so liest. es ist eher das gegenteil. davon ausgehend, dass jede bearbeitung eines textes oder das verfassen eines „neuen“ textes einen subjektiven charakter hat, werde ich mich in diesen momenten nie selbst vergessen können. (ähnlich wie die versuche scheitern müssen, sich über das gelernte, erfahrene, mit sinnen wahrgenommene hinwegzusetzen und es zu überwinden.) es geht mir um eine selbst“bewusst“machung, die auch in der auseinandersetzung mit den eigenen (gesellschaftlich vermittelten) filtern (also dem „inneren zensor“), geschieht und dadurch einen größeren subjektiven „spielraum“ ermöglicht. anders formuliert, es fällt mir in diesen momenten leichter, meine ganz subjektiven gedanken fahren zu lassen, ohne gleich die konsequenzen oder folgen zu bedenken. und aus meiner erfahrung, vielleicht ist dies auch eine berufskrankheit, fällt dies vielen menschen schwer, ob in kreativen prozessen oder in ihrem alltag. es wird zu oft das andere (oft bedrohlich scheinende) gleich mitgedacht. die entscheidung, ob ich meine gedanken veröffentliche, kann ich ja dann immer noch treffen (und werde in diesen momenten auch immer filter verwenden).

      danke für den ausführlichen kommentar,
      liebe grüße,
      christof

  2. Hallo Christof!
    Ich hatte eigentlich ein anderes Anliegen, war aber auch nicht so klar, wie ich es mir gewünscht hätte (man schießt ja beim Schreiben doch gerne ins Blaue!).
    Du schreibst, es gebe einen subjektiven Charakter des Textes: hier sehe ich eine noch ungeschiedene Spannung bei dir, die zwischen Existenz und Reflexion.
    Die Rede vom inneren Zensor verdoppelt die Reflexion gewissermaßen: zum einen begutachte ich den Text und dann begutachte ich mein Urteil als ein Urteil des inneren Zensors. Das Problem, das ich hier sehe, ist, dass sowohl die Begutachtung als auch der innere Zensor sich auf schon zu mystischen und zu abstrakten Bahnen bewegen und so den Schreibprozess nicht zur konkreten Materie, zum Wort für Wort treiben.
    Ich unterlaufe also lieber die Beurteilung durch „materielles Vokabular“ und überspitze es nicht durch eine zweite Stufe der Reflexion (Reflexion auf den inneren Zensor), der die erste Stufe (quasi-moralische Reflexion auf den Text) unterläuft.

    Kleines PS: Was das Lob angeht, so hat Alfred Adler, und in seinem Gefolge dann Dreikurs das Lob durch die Ermutigung ersetzt. Lob hat etwas sehr widerwärtiges, weil es einen gärenden Prozess mit einer Art Endpunkt versieht. Natürlich glaubt niemand wirklich an diesen Endpunkt. Und deshalb erscheint Lob immer „irgendwie“ gelogen. Ermutigung heißt, dass man zusammen die nächsten Schritte plant, und wenn auch nur die nächsten Schritte eines Experiments. Meinen Leuten verbiete ich immer das Lob. Wenn jemand seinen Text nicht gut findet, findet er ihn eben nicht gut. Dann soll er ihn umarbeiten und noch einmal umarbeiten. Indem ich den Fokus auf Gedanken lege, die den Prozess begleiten, Ideen, Einfälle, Erkenntnisse bei der Arbeit, kann ich hier die gedanklichen Werkzeuge stärker ins Spiel bringen, die einem beim Schreiben helfen.

    Frederik

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