Tagesarchiv: 18. Juli 2009

wortklauberei (47)

„kundenlebenswert“

wenn man der marketingbranche oder manchem verkaufstrainer zuhört, dann ist der mensch nicht in erster linie mensch, sondern kunde. so werden wir schon als kunde geboren, denn unsere eltern benötigen windeln, babynahrung und creme. danach werden wir als potentieller kunde umworben, da wir angeblich bestimmten dingen weiter vertrauen, wenn wir erwachsen sind und geld zum ausgeben haben. anschließend sind wir endlich kunde und bleiben dies auch, bis wir das gras von unten anschauen. selbst dann wollen manche noch nicht aufhören, uns als kunden zu betrachten, und buchen weiterhin gebühren ab, obwohl wir gar nicht mehr existieren.

und als lebenslanger kunde kommt schon eine ganz schöne summe zusammen, die wir auf den markt für gegenleistungen werfen. natürlich gibt es in diesem moment menschen, die ausrechnen, wieviel geld wir wohl im laufe unseres lebens zur verfügung haben. das ergebnis nennt sich dann freundlicherweise „kundenlebenswert„. besonders hübsch erscheint die wortschöpfung durch die doppeldeutigkeit ihres zweiten teils, „lebenswert“. es ist nicht mehr zu fragen, wann ist das leben lebenswert, sondern, wie hoch ist ihr lebenswert?

es beschleicht einen, wenn man solche worte liest, das gefühl ein stück aas zu sein, auf das eine gruppe geier blicken und darauf warten, sich streitend darauf zu stürzen. man versteht von mal zu mal die selbstversorger besser, die recht selten zum kunden mutieren und versuchen, sich dem markt zu entziehen. das ist ein schweres stück arbeit, da es auch dann noch viele möglichkeiten gibt, mit dem marketing in berührung zu kommen. alle anderen sind berechnet, aber sie verhalten sich selten so eindeutig, wie es sich der markt wünscht. immerhin ein trost.

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web 2.0 und kontrollierbarkeit

„denn sie (die digitale spielwiese) ist weitgehend anarchisch, kaum kontrollierbar. … wie ein baby, das gedankenlos und spontan tun und lässt, was ihm einfällt. damit müssen wir verantwortungsvoll umgehen.“
so die aussage von sven kaufmann in einem leitartikel. diese sichtweise auf das web ist weit verbreitet. es ist, wenn es in den kram passt eine unreife angelegenheit, die erst richtig gelernt und kontrolliert werden muss. wenn aber aus dem iran oder china über das internet und twitter die neuesten nachrichten in die welt gesendet werden, dann ist das internet eine willkommene einrichtung.

es ist kein neuer vorwurf, meist an jüngere generationen, dass sie unverantwortlich mit den medien umgehen. das ist sicherlich teilweise der fall, resultiert aber nur daraus, dass die ältere generation keine ahnung hat, was jüngere machen. doch schaut man sich einmal die große welt des webs an, dann kann man feststellen, dass sich sehr wohl viele menschen darüber gedanken machen, was sie ins netz stellen und was nicht.

die vorstellungen, was öffentlich geäußert werden kann und was nicht, verschiebt sich. das ist nicht immer gut. erstaunlich ist aber, dass genau diejenigen, die beständig fordern, das netz müsse besser und mehr kontrolliert werden, in anderen zusammenhängen bemüht sind, alle möglichkeiten des netzes auszuschöpfen. der widerspruch wird aber selten mitformuliert. es ist ein traum, dass das netz jemals umfassen kontrolliert werden kann. allein das beständige wachstum macht eine kontrolle so gut wie unmöglich.

in den hinterköpfen spukt die angst vor der unkontrollierbarkeit herum. seltsamerweise ist aber das netz zu einer gewissen selbstkontrolle fähig. es scheint die bürgerInnen sind verantwortlicher als die verantwortlichen. das privatfernsehen ist ein gutes beispiel für eine kontrollierte institution, die seltsamerweise genau das produziert, das einer ethischen verantwortung widerspricht. so scheint es, dass es nicht um kontrolle des mediums geht, sondern um den zugriff auf die finanziellen quellen des netzes. eines noch: jedes medium kann missbraucht werden und wird es auch. der glaube, dies ließe sich verhindern, ist ein naiver.