Tagesarchiv: 3. August 2009

biografisches schreiben und region

mit blick auf den vorhergehenden buchtipp, möchte ich die rolle der region, in der man aufwächst, ein wenig beleuchten. der mensch unterliegt im laufe seiner entwicklung nicht nur dem einfluss des elternhauses, der familie und der nachbarschaft, sondern auch den bedingungen, die ihm in seiner lebensregion zur verfügung gestellt werden.

beim verfassen der eigenen lebensgeschichte kann es eine rolle spielen, wie groß dieser einfluss auf die eigene biografie war. fühlte man sich in seiner heimat wohl und hat sie nie verlassen oder hat man es nach einer gewissen zeit nicht mehr ausgehalten und wollte den lebensraum wechseln? hier gibt es unterschiede, zum beispiel bei der frage, ob man in einer großstadt oder in ländlicher umgebung aufgewachsen ist. wie sahen die möglichkeiten für eine eigentständige entwicklung aus? wie beschützend war das soziale netzwerk?

denn eines ist offensichtlich: es gibt unterschiede, sowohl in der sozialen absicherung als auch kontrolle. das kann verschieden empfunden werden und hängt von den subjektiven bedürfnissen ab. so lohnt sich ein blick auf die ehemalige lebensumwelt. was wollte man zur damaligen zeit erreichen? wieviel ließ sich davon umsetzen und gab es momente, in denen einen das eigene umfeld daran hinderte oder förderte?

in diesem zusammenhang interessant scheint auch, ob man sich die eigene lebensregion überhaupt im laufe seines lebens selber wählen konnte. musste man wegen möglicher arbeitsangebote in regionen leben, in die man nie wollte. und wie hat sich dieses leben entwickelt. es kann zum beispiel vorkommen, dass man anfängt, die unfreiwillige heimat zu schätzen. und möchte man zur zeit des biografischen schreibens den eigenen lebensraum noch einmal wechseln?

„kein schöner land“ von patrick findeis – ein buchtipp

die provinz, im besonderen die schwäbische provinz, hat einen besonderen charme. inzwischen touristisch erschlossen, scheint es, als würde nur gutes essen genossen, geputzt und gewienert und nebenher die landschaft bäuerlich bestellt. dies ist schon lang nicht mehr der fall.

viele mittelständischen betriebe, überalterung der dörfer und abwanderung der jugend, kratzen an der heilen welt der provinziellen idylle. und auch in der vergangenheit gab es die idylle nie. nur der versuch, von den abgründen beim engen zusammenleben, nicht nach außen dringen zu lassen, klappte ganz gut. wer aber in solchen regionen aufgewachsen ist, kann ein lied von tragödien, süchten und langeweile singen.

dieses lied singt der relativ junge autor patrick findeis in seinem buch „kein schöner land“ grandios. er steigt in die tiefen der abgründe und holt sie stück für stück hervor. dabei malt er im laufe des buches ein sittenbild, wie es vielen in provinziellen regionen aufgewachsenen bekannt sein dürfte. dabei scheint es nicht mehr wichtig, ob es sich um die schwäbische provinz oder eine andere in deutschland handelt.

die kleinen und großen privaten tragödien könnten sich auch in einer großstadt zutragen, doch die anderen würden sie nicht so mitbekommen und es böten sich mehr ausweichmöglichkeiten an. auf dem land punker, hippie oder langhaariger zu sein, musste direkter inszeniert werden, um zu überleben. und manch einer, der den absprung nicht schaffte, blieb auf der strecke. wie so etwas geschehen könnte, beschreibt das buch eindringlich. lesenswert. das buch ist bei dva in münchen erschienen. ISBN 978-3-421-04417-4

p.s.: der autor absolvierte sein studium im literaturinstitut in leipzig.