Monatsarchiv: Oktober 2009

biografisches schreiben und grenzen

das biografische schreiben bietet die chance, sich vielen erlebnissen aus dem eigenen leben noch einmal zu erinnern. dies kann sowohl ein freudiges entdecken sein, es kann aber auch schlimme ereignisse noch einmal bewusst machen. gerade bei traumatischen erlebnissen ist es schwer überhaupt die passenden worte oder eine sprache dafür zu finden. sollte ich mich also situationen zuwenden, die mich sprachlos machen, sollte ich für mich selber genau prüfen, ob es sinnvoll ist, sie niederzuschreiben.

es gibt eindeutige zeichen des selbstschutzes, die verhindern, dass ich erlebtes nicht verkrafte. erstaunlicherweise hat die psyche des menschen dafür die verdrängung entwickelt. dies wird gern als etwas schlechtes dargestellt, und der mensch wird aufgefordert, sich seiner selbst immer mehr anzunähern. doch die ausführliche befassung mit traumatisierenden situationen kann auch retraumatisieren. das bedeutet, dass das abermalige durchleben, auch mit hilfe des schreiben, zu einem neuerlichen trauma führen kann.

und selbst wenn ich mir sicher bin, dass es mir gut tut, wenn ich mich mit den unangenehmen seiten meiner lebensgeschichte auseinandersetze, kann ich mir immer noch nicht sicher sein, ob ich die richtigen worte dafür finde. wie lässt es sich zum beispiel schildern, was man als junger mensch in einem kz erlebt hat? manch einem zeitzeugen wird es dabei die sprache verschlagen. man kann für sich selber vielleicht eine finden, aber nicht für andere menschen. ich sollte mir in diesen momenten zumindest bewusst machen, dass ich mein biografisches schreiben in erster linie für mich durchführe. ich sollte nicht die leserInnen mitdenken, sondern auf meine eigene befindlichkeit achten.

sowohl für andere, als auch für sich selbst grenzen zu ziehen ist ein wichtiger aspekt beim biografischen schreiben. dafür entwickelt man, auch durch das aufschreiben der eigenen biografie im laufe der zeit ein immer feineres gespür, wenn man es nicht schon vorher hatte.

selbstbefragung (29) – opportunismus

die fragebögen zur selbstbefragung versuche ich ab nun ein wenig unter rubriken zu bündeln. dieses mal geht es um „opportunismus“ (gesinnungslosigkeit, prinzipienlosigkeit).

  • haben sie feste prinzipien? wenn ja welche?
  • wie stellt sich ein leben ohne prinzipien, ohne gesinnung, für sie dar?
  • in welchen momenten haben sie sich mit ihrer eigenen meinung zurückgehalten? warum?
  • wie gehen sie mit opportunismus in ihrem lebensumfeld um?
  • zu welchen themen sollte man ihrer ansicht nach immer eine meinung haben? zählen sie auf.
  • wann haben sie es erlebt, dass sie für ihre prinzipien oder ihre gesinnung sanktioniert wurden?
  • finden sie, dass heutzutage nur noch selten klare positionen eingenommen werden? begründen sie.
  • wie fanden und finden sie in ihrem leben zu ihren haltungen und meinungen?
  • welche folgen hat ihrer meinung nach opportunismus?
  • lebt es sich nicht viel angenehmer und bequemer, wenn man sich mit seiner meinung zurückhält? begründen sie.

50 000 besuche auf diesem blog in anderthalb jahren

kaum wieder ins schreiben gekommen nach verdienter pause, zeigt mir das zählwerk zum einen an, dass die pause nicht unbedingt leserInnen davon abhielt, den blog zu besuchen, zum anderen, dass nach anderthalb jahren eine ganz ordentliche marke überschritten wurde.

es freut, wenn ein interesse am geschriebenen besteht. vieles notiert man ja auch für sich, wie zum beispiel die schreibideen und schreibaufgaben, da man sie selber in schreibgruppen und anderen arbeitszusammenhängen anwenden kann. ebenso die ganzen überlegungen zum kreativen schreiben, zum biografischen schreiben und zur schreibpädagogik an sich. dies bringt einen im laufe der zeit fachlich weiter.

wenn dann noch ein interessanter diskurs entsteht (der immer noch zu gering ist, den ich aber auch nicht immer aufrecht erhalten kann (die zeit, die zeit … 😮 )), freut das um so mehr. hier auch schon häufiger betont, das faszinierende am web 2.0 ist es, dass solche klitzekleinen nischen tatsächlich wahrgenommen werden. diese faszination wird sich bei mir nicht so schnell legen. anders geschrieben: „es funktioniert“. und noch einmal anders formuliert: es spricht sich auch herum. dazu muss man noch nicht einmal sehr häufig verlinkt sein, es braucht anscheinend nur ein wenig geduld.

so werde ich wohl ein tässchen mineralwasser auf diesen kleinen erfolg trinken, mich bemühen, nicht zu viele negative kommentare abzusondern (obwohl mir da schon wieder eine menge einfallen würde) und weiterhin den gesamtgesellschaftlichen blick nicht aus den augen zu verlieren. und ich danke natürlich für die aufmerksamkeit.

wortklauberei (50)

„sprachbox“

stellen sie sich eine schachtel vor. in diese schachtel führt ein gartenschlauch, der wiederum in einem trichter endet. nun sprechen sie in den trichter und hinterlassen für den besitzer der schachtel eine nachricht. in der schachtel sitzen kleine elektronen, die wie fleissige bienchen ihre nachricht speichern. jedes elektron vielleicht einen buchstaben oder eine kleine melodie ihres sprech-singsangs. so stelle ich mir jedenfalls eine „sprachbox“ vor.

also erst einmal stelle ich mir nur eine box vor. diese boxen stapelt anscheinend der deutsche telekommunikationsanbieter mit der magenta-farbe in großen lagerhallen. denn wenn man versucht, menschen telefonisch zu erreichen, wird man darauf hingewiesen, dass man auf eine sprachbox eine nachricht sprechen kann. das ist seltsam, da bis dahin diese box anders hieß. aber wahrscheinlich haben sich findige mitarbeiter überlegt, oder sprachschützerInnen beschwert und die telefongesellschaft aufgefordert, diese anglizismen aus ihrem angebot zu beseitigen. nun, das ergebnis kann sich hören lassen.

allein der begriff „box“ ist nun doch kein urdeutscher. aber dann auch noch „sprach“ als erklärenden begriff zu verwenden ist klasse. sinnvoller wäre dann schon die besprechungsbox oder die nachrichten-speicher-box oder aufzeichnungsbox zu erfinden. denn mit sprache hat die box nicht viel zu tun. man könnte natürlich die vergangenheitsform von „sprechen“ heranziehen, da die nachricht ein wenig gealtert ist, bis sie abgehört wird. nach dem motto: er sprach´s und es war vergebens. ob dann die kundInnen am anderen ende unterrichtet werden, dass etwas auf ihrer „gehört“-box zu finden ist? und was für boxen nehmen die da eigentlich? der begriff wirft mehr fragen auf, als dass er klarheit schafft.

ein entrepreneurship-workshop in berlin – ein tipp

schreibpädagogInnen und andere kreativ oder biografisch schreibend tätige, tragen sich häufiger mit dem gedanken, ihre tätigkeit, manchmal schon freiberufliche, auf soliden boden zu stellen. es geht um das gründen einer agentur, eines unternehmens oder dergleichen mehr. hier schon vorgestellt hatte ich das buch „kopf schlägt kapital“ von günter faltin (siehe https://schreibschrift.wordpress.com/2009/05/11/kopf-schlagt-kapital-von-gunter-faltin-ein-buchtipp/ ).

nun besteht die möglichkeit an einem ganztägigen workshop, der von der stiftung entrepreneurship mit der freien universität berlin zusammen veranstaltet wird, teilzunehmen. der schwerpunkt liegt, soweit dies der ankündigung im internet zu entnehmen ist, diverse gründungsideen vorzustellen, hinweise und tipps zur gründung zu geben und sich einzelnen fragen der gründung zu widmen. wie kann ich ein innovatives konzept entwickeln, ohne mich ausschließlich auf den businessplan zu konzentrieren? welche komponenten benötige ich für eine gründung und wer stellt mir vielleicht von außerhalb diese komponenten preisgünstig zur verfügung?

die veranstaltung findet am 07ten november statt. weitere vielfältige infos, anmeldemodalitäten, der (geringe) preis und überhaupt informationen zur idee der gründungsidee und des entrepreneurships finden sich hier: http://labor.entrepreneurship.de/tiki-page.php?pageName=Workshop-Vision-Summit-2009 .

schreibidee (150)

das leben treibt manchmal blüten. diese erscheinen prächtig, schwarz oder auch glitzernd wie eine schneeflocke. eine blüte ist ein ausdruck von farbe, pracht oder unscheinbarkeit, von fruchtbarkeit oder auch nur purer duftender lockstoff. da scheint es unumgänglich einmal „fantasieblüten-texte“ zu schreiben.

einstieg in die schreibübung kann es sein, ein paar besonders prächtige blüten als bilder entweder über den beamer oder als fotografien in der schreibgruppe zu zeigen. nun werden alle teilnehmerInnen nicht zum schreiben, sondern zum malen aufgefordert. sie sollen ihre eigene fantasieblüte entwerfen. dabei kann man sich entweder an den natürlichen vorgaben orientieren oder eine blüte kreieren, die noch nie so gesehen wurde.

sind die blüten gemalt, werden sie ohne große erklärungen der schreibgruppe gezeigt. danach können an der eigenen blüte noch kurz kleine veränderungen oder ergänzungen vorgenommen werden. anschließend wird jedem detail der eigenen blüte wörter zugeordnet. dabei kann es sich um eine farbe, einen gegenstand oder auch eine beschreibung handeln. was symbolisiert dieses detail für einen, was empfindet man beim betrachten der blüte, was drückt sich darin aus?

anschließend werden blüte und und begriffe, die ruhig in die zeichnung eingefügt werden können, in ruhe betrachtet und dazu eine geschichte geschrieben. es kann eine differenzierte betrachtung der blüte sein, es kann eine geschichte sein, die einem dabei einfällt, es kann eine geschichte aus den gefundenen begriffen sein, es kann aber auch eine eine beschreibung der momentanen befindlichkeit sein, die sich in der blüte ausdrückt. hier sind wie immer keine grenzen gesetzt. wenn die geschichten geschrieben sind, werden sie mit den blüten zusammen präsentiert. sollte noch genug zeit vorhanden sein, können die blüten auch weitergereicht werden und andere schreibgruppenteilnehmerInnen verfassen noch eine geschichte zu den fremden fantasieblüten.