Tagesarchiv: 23. Oktober 2009

biografisches schreiben und grenzen

das biografische schreiben bietet die chance, sich vielen erlebnissen aus dem eigenen leben noch einmal zu erinnern. dies kann sowohl ein freudiges entdecken sein, es kann aber auch schlimme ereignisse noch einmal bewusst machen. gerade bei traumatischen erlebnissen ist es schwer überhaupt die passenden worte oder eine sprache dafür zu finden. sollte ich mich also situationen zuwenden, die mich sprachlos machen, sollte ich für mich selber genau prüfen, ob es sinnvoll ist, sie niederzuschreiben.

es gibt eindeutige zeichen des selbstschutzes, die verhindern, dass ich erlebtes nicht verkrafte. erstaunlicherweise hat die psyche des menschen dafür die verdrängung entwickelt. dies wird gern als etwas schlechtes dargestellt, und der mensch wird aufgefordert, sich seiner selbst immer mehr anzunähern. doch die ausführliche befassung mit traumatisierenden situationen kann auch retraumatisieren. das bedeutet, dass das abermalige durchleben, auch mit hilfe des schreiben, zu einem neuerlichen trauma führen kann.

und selbst wenn ich mir sicher bin, dass es mir gut tut, wenn ich mich mit den unangenehmen seiten meiner lebensgeschichte auseinandersetze, kann ich mir immer noch nicht sicher sein, ob ich die richtigen worte dafür finde. wie lässt es sich zum beispiel schildern, was man als junger mensch in einem kz erlebt hat? manch einem zeitzeugen wird es dabei die sprache verschlagen. man kann für sich selber vielleicht eine finden, aber nicht für andere menschen. ich sollte mir in diesen momenten zumindest bewusst machen, dass ich mein biografisches schreiben in erster linie für mich durchführe. ich sollte nicht die leserInnen mitdenken, sondern auf meine eigene befindlichkeit achten.

sowohl für andere, als auch für sich selbst grenzen zu ziehen ist ein wichtiger aspekt beim biografischen schreiben. dafür entwickelt man, auch durch das aufschreiben der eigenen biografie im laufe der zeit ein immer feineres gespür, wenn man es nicht schon vorher hatte.