Tagesarchiv: 31. Januar 2010

verändert die digitale revolution unser denken?

ja!

nur, was ist so schlimm daran? in letzter zeit kommen diskussionen auf, die aufgeteilt werden können in kulturpessimistische haltungen und technikglorifizierende. dazwischen gibt es wenige äußerungen. die digitale revolution beeinflusst uns. und wie schon im ersten beitrag zu diesem thema aufgezeigt, unterscheiden sich die veränderungen nicht sehr von den veränderungen nach der erfindung des buchdrucks. um noch einmal kurz bezug darauf zu nehmen: auch die verbreitung der bücher und die folge, dass immer mehr menschen lesen konnten, hat sicherlich das denken der menschen verändert.

unser gehirn hat viele kapazitäten und einen großen spielraum. wie wäre es sonst bei einem schlaganfall möglich, dass andere regionen des gehirns aufgaben der geschädigten bereiche übernehme können? das gehirn schein variabler und flexibler als der „mensch“ oder zumindest seine theoretischen gedankengebäude. also ist es für das menschliche gehirn auch möglich, sich den technischen neuerungen, oder besser geschrieben den möglichkeiten, die die technischen neuerungen eröffnen, anzupassen und diese sich nutzbar zu machen.

in diesen momenten werden mit sicherheit neue bereiche des gehirns verschaltet. das fängt schon mit den bewegungen an. das lernen des 10-finger-schreibsystems ist nichts anderes, als sein gehirn auf neue abläufe zu trainieren, die einmal gelernt, schwer wieder verlernt werden können. diskutiert werden die veränderungen durch die digitale revolution meist nur als defizite. so lesen wir nicht mehr in büchern, und das lesen in büchern wird gleichzeitig als die intellektuell hochwertige beschäftigung beschrieben. so können wir nur noch schwer kopfrechnen, da dies vom taschenrechner abgenommen wird. in manchen äußerungen erscheint der mensch durch die digitale revolution hohl und leer zu werden.

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am rande (06)

vielleicht sollte man einen etwas in vergessenheit geratenen begriff wieder ausgraben (es gibt ihn noch nicht einmal als deutschsprachigen eintrag bei wikipedia), der aber das zusammenspiel zwischen digitaler kommunikation und gesellschaftlicher entwicklung ganz gut erfassen könnte: die medienökologie. (immerhin gibt es einen kleinen englischsprachigen eintrag bei wikipedia, zu finden unter „media ecology„: http://en.wikipedia.org/wiki/Media_ecology )

es ist kein ganz neuer gedanke, dass es eine wechselwirkung zwischen den medien und der entwicklung der gesellschaft gibt. nun stellen das internet und der computer kein eigenes medium dar, sondern sie dienen als plattform für viele medien. aber das, was in diesen medien produziert und verbreitet wird hat sicherlich auswirkungen auf die gesellschaft, die wiederum veränderungen der medien (oder plattformen) vorantreibt.

so verändert das handy, die sms oder twittern sicher unsere kommunikation. doch die veränderte kommunikation fordert im gleichen zug technische neuerungen, die den neu entstandenen bedürfnissen noch gerechter werden. nicht ohne grund entwickeln sich die handys inzwischen zu tragbaren mini-pcs und vor allen dingen multimedia-geräten. es wäre spannend zu diskutieren, wieweit man dieses ökologische system an bestimmten punkten beeinflussen kann, damit es weiterhin eine fundierte und auch befriedigende kommunikation ermöglicht. wollen wir wirklich noch kürzere kommunikationsformen als das twittern oder sollte wieder mut zur länge von den technischen neuerungen unterstützt werden?

in den usa gibt es zumindest die „media ecology association“ (mea), die weiterhin versucht die theorie der medienökologie zu entwickeln. zu finden ist sie unter: http://www.media-ecology.org/ .

„das ende der liebe“ von sven hillenkamp – ein buchtipp

der untertitel des buches gibt einen hinweis auf die problematik, die der text von sven hillenkamp aufgreift. „das ende der liebe – gefühle im zeitalter unendlicher freiheit„. unendlich bedeutet, ich habe alle möglichkeiten, die ich mir nur vorstellen kann. die schwierigkeit für den menschen besteht darin, dass dies einen verlust von kontrolle oder halt bedeuten kann. natürlich wünschen wir uns alle die freiheit. die freiheit über jede lebenssituation verfügen und daraufhin entscheiden zu können.

aber gleichzeitig kann es uns immer schwerer fallen, wählen zu können. für was entscheide ich mich denn, wenn ich ein unendliches angebot vor mir habe. abgesehen von der tatsache, dass es wirkliche freiheit in den heutigen gesellschaften nicht gibt, etwas, das auch hillenkamp sieht, gaukeln aber vor allen dingen die digitalen medien, gaukelt die digitale revolution vor, einen ganz neuen freiheitsgrad auch im sozialen kontakt zu erleben. man sehe sich nur die portale der partnersuche und sexuellen kontakte an. die auswahl an potentiellen partnerInnen ist unüberschaubar. es wird versucht durch suchkriterien die möglichkeiten einzuschränken. na ja, und was suchen wir dann? den idealen menschen, das perfekte, das, was wir schon immer wollten.

ab diesem moment entsteht für uns eine vorstellung von einem menschen, der all unsere sehnsüchte und bedürfnisse stillt, mit dem der sex einmalig ist, der zu keinen komplikationen und schwierigkeiten führt, bei dem wir keine angst haben müssen, dass er uns einmal verlassen könnte. doch genau diese gefahr nimmt eigentlich zu. denn das wissen um eine beinahe unendliches angebot an potentiellen partnerInnen, lässt uns ahnen, dass es noch eine passendere person geben könnte. gleichzeitig sind wir bemüht, perfekt für die interessentInnen zu wirken, die auf uns zukommen. wohl wissend, dass es jemand besseren als uns geben könnte. laut hillenkamp kann in diesem moment die vorgegaukelte freiheit und unendlichkeit in einen terror der wahlmöglichkeiten umschlagen.

ein spannendes gedankenspiel auf die soziale interaktion von menschen angewendet. das buch beleuchtet die schwierigkeiten der kommunikation, die ausdifferenzierung der szenen und vorstellungen, eben damit auch das ende der liebe, die ein soziales konstrukt ist und wahrscheinlich von einem anderen ersetzt werden wird. schon der stil des buches bindet einen, da eine klare, „laute“ und provozierende sprache zum nachdenken und inneren diskurs anregt. mancher gedanke erschreckt und zertrümmert die romantisierenden träume. ein buch, das ernüchtern kann, gleichzeitig aber aufschreckt und den widerstand in einem herausfordert. wirklich lesenswert, da selten die digitalisierung des zusammenlebens so schonungslos seziert wird. das buch ist 2009 bei klett-cotta erschienen. ISBN 978-3-608-94608-6