schreibpädagogik und die förderung der schreiblust

kinder möchten immer gern lernen, was die erwachsenen können. so eignen sie sich schon als kleinkinder die sprache ihres umfelds an, teilweise auch die redewendungen der erwachsenen. anschließend versuchen sie sich gern darin, das schreiben zu erlernen, damit sie die geschichten ihrer bilderbücher irgendwann selber lesen können. es geht auch schon bei kindern darum, mehr teilhabe an der verfügung über das eigene leben zu haben.

doch leider kommt dann oft genug die schule dazwischen, die vielen kindern, sowohl das schreiben als auch das lesen verleidet. so führen diktate, schönschreiben und vor allen dingen vorlesen, nicht selten dazu, dass jemand später in seiner freizeit kaum mehr zum stift greift, geschweige denn ein buch liest. der computer hat die situation bei manchen jugendlichen und erwachsenen verändert. sie schreiben plötzlich wieder, sei es eine sms, sei es twittern oder mails und bloggen, es wird geschrieben ohne ende.

die schreibpädagogik kann nur eines in diesem zusammenhang leisten: die lust oder den bedarf am schreiben aufgreifen und ausbauen. dabei ist vor allen dingen darauf zu achten, aus lust nicht frust zu machen. noch schwerer ist es aus frust wieder lust auf das schreiben zu verursachen. doch wie dies bewerkstelligen?

am einfachsten scheint es, die schreibregeln und -konventionen erst einmal außen vor zu lassen. dies bedeutet nicht, dass bestimmte absprachen beim schreiben vollständig unter den tisch fallen gelassen werden können, da sonst die texte nicht mehr zu verstehen sind. es bedeutet aber, erst einmal ins schreiben zu kommen, um dann die texte stück für stück im laufe der zeit zu verbessern. um diesen schritt des „ich möchte mich gern schriftlich ausdrücken können“ zu schaffen, sollten die hürden für den einstieg nicht zu hoch sein. denn jeder mensch kann schreiben (sofern er es einmal ansatzweise in seinem leben gelernt hat). der vorteil der schreibpädagogik ist es, dass im anschluss nicht benotet wird, sondern die wirkung der texte in der gruppe betrachtet werden.

also kann man schon mit kindern und jugendlichen versuchen, einen schriftlichen ausdruck für das erlebte oder fantasierte zu suchen. aber auch erwachsene brauchen erst einmal kleine erfolgserlebnisse, dass das, was sie zu papier bringen, auch in ihren augen bestand hat. so bietet es sich an, mit kleinen, kurzen textformen einen einstieg zu schaffen. ob es nun elfchen, kurz-kurz-geschichten, aphorismen und maximen oder selbstentworfene werbesprüche sind. bei den ersten aufgaben sollte man sich auf die interessen oder das lebensumfeld der schreibenden konzentrieren. jeder, der schreibt, kennt das befriedigende gefühl, etwas geschaffen zu haben. dieses gefühl ist nicht zu unterschätzen, da es immer wieder die schreiblust füttert. dieses gefühl sollte gefördert werden. denn viel zu viele menschen haben im hinterkopf den gedanken, dass sie sich sowieso nicht schriftlich ausdrücken können. so sollte das feedback vor allen dingen die erfolge und positiven aspekte herausgreifen. es handelt sich bei „schreiblustigen“ veranstaltungen nicht um literaturdebatten. es bleibt den schreibenden überlassen, eine knackige kritik ob ihres stils oder ihres textes einzufordern.

entwickelt sich langsam spaß am eigenen ausdruck, sollte dies auch aufgegriffen werden und weitere möglichkeiten des ausdrucks an die hand gegeben werden. die schreibpädagogik kann auf einen großen pool von textarten, schreibanregungen und herbeiführungen von ausdrucksstarken texten zurückgreifen. so können formen der verdichtung probiert, reihum-texte, manifeste oder fantasiedialoge verfasst werden. es kann absurdes animiert werden, das mehr freiheiten zur ausformulierung bietet, da es keinen konventionen folgen muss. wenn ich zum beispiel einen dialog zwischen der zitronenpresse und der zitrone schreiben lasse, ist der spielraum größer, wie wenn ich einen dialog zwischen einem paar verfassen lasse, das sich gerade über die gemeinsamen kinder streitet.

natürlich kann schreiblust (wie alle schönen dinge und lüste) auch zur „sucht“ führen, soll heißen, menschen verfassen unglaublich lange, salbadernde texte. doch auch dies sollte von der schreibpädagogik unterstützt werden, denn wie sich zeigt, haben solche texte sogar in der weltliteratur erfolg 😉 es geht auf den punkt gebracht, bei der schreibpädagogik erst einmal darum, den freiraum für das schreiben konsequent zu vergrößern und einen gegenpol zu den gesellschaftlichen konventionen des geschäftlichen oder literarischen schreibens aufzubauen. menschen sollten erst einmal erleben können, wie viel potential, das ausgedrückt werden will, in ihnen schlummert, teilweise aber aberzogen wurde. erst dann können sie für sich die entscheidung welche richtung sie langfristig beim schreiben einschlagen wollen. schreibpädagogik reiht sich in diesem zusammenhang also eher bei den freien künsten, denn bei den erziehungswissenschaften ein (obwohl diese nicht ohne grund verstärkt die erlebnispädagogik propagieren). und die schreibpädagogik sollte vielfältige anregungen bieten, assoziationen herzustellen und ideen zu produzieren. doch dazu im nächsten beitrag mehr.

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Eine Antwort zu “schreibpädagogik und die förderung der schreiblust

  1. Lieber Christof,

    hier triffst Du den Zahn der Zeit, einen, der gerade schmerzt: dringend sind neue pädagogische Modelle nötig um die Schreiblust zu entfachen! Gerade bei Jugendlichen. Wir müssen hier nicht betonen, wie wichtig Schreiben als Schlüsselkompetenz für das Leben ist.

    Eine Maßnahme, die ich mir wünsche, ist, dass in der Schule AG’s zum Kreativen Schreiben angeboten werden.
    Oder, noch besser. Schreibförderzentren gegründet werden. Wann immer ich mit den Methoden des kreativen Schreibens Lehrer im Unterricht unterstütze, sind ihre Schüler hellauf begeistert. Sobald sich die Jugendlichen darauf eingelassen haben, stellt sich der Spaß und damit die Bereitschaft zum Lernen ein. Die Techniken des kreativen Schreibens können auch in anderen Schulfächern wie Ethik und Geschichte eingesetzt werden.

    Ich freu mich, dass Du hier so viele Anregungen gibst!

    Herzlichen Gruß,

    Susanne Diehm

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