schreibpädagogik und schreibmotivation

warum schreibt der mensch überhaupt? was bewegt einen dazu, zum stift oder zur tastatur zu greifen und etwas niederzuschreiben? kulturgeschichtlich hat dies sicherlich mit der zunahme der komplexizität zu tun, soll heißen, es wurde notwendig, daten für längere zeit zu speichern, also festzuhalten. irgendwann wurde es zu schwierig, diese daten mündlich zu überliefern, zu erzählen. so wurden zählsysteme, aber auch formen der notiz entworfen. es war eine lange entwicklung von bildern, zeichen, kerben und steinen zu buchstaben, texten und büchern.

doch warum schreibt heute noch ein mensch abseits des beruflichen aufnehmens von daten? warum kommunizieren wir nicht ausschließlich mündlich miteinander? das schreiben ist doch meist zeitaufwendiger und benötigt mehr werkzeuge. wahrscheinlich hat es mit der möglichkeit etwas dauerhaft festzuhalten zu tun. der gedanke, der nachwelt etwas von den eigenen ideen und überlegungen zu hinterlassen ist ein sehr menschlicher. unsere gesellschaftsform und vor allen dingen unser lernen basiert auf traditionen und gesellschaftlicher vermitteltheit. wir müssen in unserer persönlichen entwicklung nicht mehr alle entwicklungsschritte der menschheit nachvollziehen. ich muss als kind nicht mehr lernen, dass ich erst das feuer, dann das rad, dann die viehzucht entwickeln muss, um zu einem sozialen miteinander zu kommen. ich kann wissen über andere wege erhalten.

der hauptweg, wissen abzulegen, besteht im schreiben. das schreiben ist platzsparend und verbraucht vergleichsweise wenig kapazitäten. müssten sich heutzutage menschen das wissen der welt merken, um es weiter zu erzählen, würde die momentane überbevölkerung auf keinen fall genügen, bräuchte es viel mehr menschliche „speicherkapazität“.
doch das schreiben, und das interessiert hier natürlich am meisten, ist auch eine gute form, das wissen um sich selbst zu erweitern und zu entwickeln. je mehr der mensch gefordert ist, sich im alleingang zu verstehen, soziale kompetenzen zu entwickeln (ein luxus der dienstleistungsgesellschaft), desto stärker ist er gefordert, sich selbst zu reflektieren.

die selbstreflexion kann mündlich im zusammenspiel mit anderen menschen stattfinden, doch in zeiten der zugewiesenen selbstverantwortung für die eigene entwicklung, tritt in diesem moment auch die schriftliche auseinandersetzung immer stärker in den vordergrund. der mensch ist motiviert, sich zu ergründen. (ob dies immer freiwillig geschieht oder gesellschaftlich nahe gelegt ist, wäre zu diskutieren.) zudem sucht der mensch nach ausdruck seiner wachsenden erkenntnis über sich selbst und die welt. da bietet sich das schreiben regelrecht an, da es relativ wenig material und raum benötigt, um sich darzustellen. vergleicht man das schreiben mit anderen „darstellenden“ künsten, ist es die „schlankste“ form, nach dem reden.

diese motivation sich einen stift oder eine tastatur zu nehmen, um mit sprache schwarz auf weiß inneres festzuhalten, kann die schreibpädagogik aufgreifen, ausbauen und verfeinern. ob es nun um biografisches oder kreatives schreiben geht, grundvoraussetzung ist ein gewisses interesse, einen ausdruck zu finden. natürlich kann man versuchen (zum beispiel in schulen und der jugendarbeit, aber auch in anderen altersgruppen) zu schreiben zu motivieren, doch dies sollte kein zwang, keine drängende aufforderung sein. positiver erlebt werden kleine erfolge, wie leicht es ist, sich schriftlich ausdrücken zu können. in diesem moment eröffnet sich für jeden menschen plötzlich ein füllhorn von möglichkeiten, sich anderen mitzuteilen. ob nun aktuell oder mit der perspektive zukünftige generationen am eigenen teilhaben zu lassen, das schreiben erscheint lohnenswert und bunt. die schreibpädagogik liefert in diesem zusammenhang techniken, sich selber, den eigenen gedanken und der eigenen fantasie, noch einen schritt näher zu kommen. und dann kann sich eine ernste berufstechnik sehr schnell in ein spiel mit der sprache verwandeln, das für die einzelnen einen zuwachs an sozialen kompetenzen bedeutet. darüber hinaus entsteht ein vertieftes verständnis für sich selbst, sein umfeld und die eigenen lebensumstände. wer würde das nicht wollen?

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