selbsterkenntnis und schreibpädagogik

schreiben hat immer reflexive momente. selbst wenn ich gerade eine horrorgeschichte verfasse, fließt etwas von mir als person ein. dies kann sich in verhaltensweisen des protagonisten zeigen, in gedanken der opfer, im gesamten plot oder auch nur an der ausstaffierung einer beschriebenen wohnung. aber es gibt kaum einen schreibprozess, in dem ich so weit von mir abstrahieren kann, dass das ergebnis keine persönlichen anteile enthält. geschäftsbriefe, vielleicht auch forschungsarbeiten oder juristische texte kommen meist ohne persönlichen anteil aus. doch das macht sie auch so distanziert und alles in allem recht uninteressant, zumindest für nicht-spezialisten.

inzwischen lösen sich selbst diese starren muster ein wenig auf. es menschelt in der post und in der wissenschaft. das kann skurrile formen annehmen, die eher nach emotionalen offenbarungen scheinen, denn nach ernsthaften professionellen tätigkeiten. es kann aber auch zu ansprechenden texten mit persönlichem bezug führen, die sich angenehm lesen und noch eine menge informationen vermitteln. selbst solche texte schreiben sich leichter von der hand, wenn ich mir meiner bewusst bin. daher kommt es nicht von ungefähr, dass menschen, die abschlussarbeiten oder berichte verfassen müssen, prompt dann in persönliche krisen geraten, wenn dies ansteht. abgesehen von der frage, „warum mach ich das überhaupt?“, oder dem zweifel, „wie sieht meine zukunft nach der abgabe aus?“, lässt das regelmäßige schreiben die gedanken nebenher fließen. sie in zaum zu halten fällt schwer und kann einen ganz schön aus der bahn werfen.

hier bekommt die schreibpädagogik zwei funktionen. zum einen durch techniken eine trennung zu schaffen zwischen dem verfassen der professionellen arbeit und den persönlichen reflexionen, zum anderen aber, selbst in die arbeit, die wissenschaftlichen gedanken, persönliches einfließen zu lassen. und eigentlich gibt es noch eine dritte funktion, die aber mit psychologischen vorgehensweisen kombiniert wird, einen umgang mit den selbstreflektiven momenten in stresssituationen zu finden. denn eines scheint ebenso wichtig. es wäre schade, die chance zu weiterer selbsterkenntnis während einer solchen angespannten situation, verpuffen zu lassen. da scheint es hilfreich, ein klares zeitmanagement für sich selber zu erstellen. man stellt sich einen plan auf, der eine gewisse zeit des tages oder der woche für den arbeitstext reserviert. doch ebenso sollte man sich raum für die eigenen reflexionen geben. dieser raum ist schon darum sinnvoll, damit es zu einer entlastung der anspannung kommt. dazu benötigt es nicht übermäßig viel zeit, es genügen vielleicht schon 10 minuten freewriting zu dem, was einem sonst noch durch den kopf schwirrt, um im laufe der zeit ein bündel reflexiver texte zu erhalten.

die schreibpädagogik bietet dann, nachdem die größte stressphase abgeschlossen ist, etliche techniken, um die selbstreflexiven momente zusammenzuführen. man sollte, wenn es für einen aushaltbar ist, die bearbeitung der gedanken auf die ruhigere zeit verschieben. manche menschen möchten sich gern sofort allem widmen, doch dies kann auch leicht zu überforderungen während einer anstrengenden arbeitsphase führen. anders formuliert, manchmal kann der weg zu mehr selbsterkenntnis auch ein wenig warten.

hat man gewartet, dann lässt sich nun schauen, welche emotionalen momente einen erwischten. man kann die entstandenen texte zum beispiel nach emotionen sortieren. wo wurde angst zum thema, wo selbstzweifel und abwertung, wo spielte freude ein rolle und vieles mehr. man kann sich anschließend zu weiteren texten animieren, die die vorherigen gedanken und emotionen aufgreifen, um sie genauer zu betrachten. hier kann eine selbstbefragung, ein selbst erstellter fragenkatalog oder weiteres freewriting weiterhelfen. hier kann auch das aufsuchen einer schreibgruppe zu bestimmten aspekten eine hilfe sein. oder man veröffentlicht seine gedanken freunden gegenüber, um mit ihnen das gespräch darüber zu suchen. es gibt viele möglichkeiten, die je nach bedarf zusammengefügt werden können. wie wäre es zum beispiel damit, einen kreativen text über die zeit des verfassen des arbeitstextes zu schreiben. nicht wenige schriftstellerInnen haben bücher darüber geschrieben, wie sie das bücherschreiben erleben.

die daraus resultierende selbsterkenntnis kann es mir später erleichtern, mich neuen schriftlichen aufgaben zu widmen. ich kann, wie man so schön sagt, „an meinen aufgaben wachsen“. es fällt vielleicht leichter, die trennung zwischen arbeit und eigenen erkenntnissen hinzubekommen. oder es ist angenehmer, persönliches in professionelles einfließen zu lassen, sich klar zu positionieren und eine selbstbewusste haltung gegnüber dem formulierten einzunehmen. wichtig scheint mir, dass die schreibpädagogik auch in diesem zusammenhang nichts anderes ist, als eine art dienstleistung. die vorgaben machen die schreibenden. sie entscheiden, was sie aus dem großen angebot an schriftlichen techniken und selbstreflexiven vorgehensweisen nutzen. es kann auch hier wieder keine verallgemeinernde vorgehensweise empfohlen werden. aber es kann eine schreibberatung empfohlen werden, die einen bunten strauss an möglichkeiten aufzeigen kann.

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