wie schreibe ich kreativ?

ich möchte gern den kommentar von regido aufgreifen und behaupten: kreativ schreibt man dann, wenn man den mut aufbringt, die beschränkungen und konventionen des schreibens, zumindest ansatzweise, zu überwinden. eine der größten hürden ist sicherlich die vorstellung, dass man sich erst dann schriftlich äußert, wenn gedanken und geschichten ausgereift sind, qualitativ hochwertige produkte sind. dabei wird unterschätzt, wie profan die meisten schriftstellerInnen ihre werke beginnen.

hier steht die vorstellung vom großen mut, der notwendig ist, um sich zu äußern, um kreativ sein zu können, um sich bewusst in beziehung zu anderen zu setzen, im widerspruch zu den kleinen schritten, die alle menschen eigentlich machen. das überschreiten von regeln und konventionen wird natürlich mit sanktionen belegt und es kann nicht von einzelnen erwartet werden, locker diese „grenzen“ zu überschreiten und alle konsequenzen in kauf zu nehmen. doch oft wird die hürde selber so hoch veranschlagt, dass es gar nicht die sanktionen sind, die bremsen, sondern die eigenen vorstellungen.

zweigleisiges vorgehen erscheint mir sinnvoll. das eine ist, sich bewusst zu machen, was mich erwartet, wenn ich anfange mit allem zu spielen, mit worten, sätzen und erlebnissen. was ist das schlimmste, das mir passieren kann, wenn ich meine ideen zu papier bringe? sollte die bedrohung zu groß erscheinen, kann ich mich strategisch verhalten. ich kann zum einen die erwartungen an mich bedienen und mich im rahmen der konventionen bewegen. gleichzeitig kann ich aber für mich, kleine schritte versuchen. das wäre sozusagen das zweite gleis. es muss nicht gleich der große schriftliche wurf sein. es genügt vielleicht schon einmal ein abc-darium, eine kurz-kurz-geschichte oder einfach „nur“ ein brief an jemand anderen.

das schöne an den kleinen schritten ist es, dass auch sie schon das gefühl vermitteln können, etwas geschaffen zu haben, aus sich und der umgebung geschöpft zu haben. es fühlt sich gut an. der wichtigste moment besteht meiner ansicht nach darin, dieses positive gefühl auch annehmen zu können. den blick nicht immer auf die anderen zu richten, die nicht mit ihren kleinen vorarbeiten an die öffentlichkeit gehen, sondern mit den ausgereiften texten und geschichten.

um noch einmal auf das spielen zurück zu kommen, wenn kinder spielen, schauen sie auch nicht immer nach links und rechts, was die anderen spielen, sondern sie folgen erst einmal dem prinzip, was ihnen spaß macht. kinder haben ein wunderbares auswahlkriterium für ihre eigenen ideen. erst die erwachsenen fangen an, das spiel ihres kindes in beziehung zu den anderen kindern zu setzen, dem spiel möglichst pädagogisch hochwertige ansprüche hinzu zu fügen. ähnlich verhält es sich mit dem kreativen schreiben. erst die schule vermittelt einem meistens, dass es einen guten ausdruck und einen schlechten schriftlichen ausdruck gibt. dieser bewertungsmaßstab beseitigt schnell das schreiben ohne berührungsangst. viele schülerInnen hangeln sich an germanistischen fragestellungen entlang.

natürlich können beim spielerischen umgang mit schreiben miese texte entstehen. es können jammerarien zu papier gebracht, kitsch formuliert oder distanzierte, unterkühlte texte entstehen. und doch drücken die texte etwas von mir aus. das macht natürlich teilweise angst, hier bedarf es ein wenig mut, um weiterzumachen. doch diese situation sollte man einmal in beziehung setzen zu den anderen ängsten die eigentlich mit dem korrekten schreiben verbunden sind. die anstrengung, sich immer an maßstäben und vorgaben zu orientieren, ist viel größer als der kleine mut, den ersten schritt ins kreative gebiet zu wagen. dieser aspekt wird gern aus den augen verloren. das kommt nicht von ungefähr, da im hintergrund eine ganz andere bedrohung sich zeigt: gebe ich etwas von mir preis und andere kritisieren es, dann kritisieren sich gleichzeitig mich als person. hier sollte man sich distanzieren.

ich gebe im kreativen schreiben zwar etwas von mir preis, es fließen meine ideen und gefühle ein, doch dies geschieht nur ausschnitthaft. somit ist kritik am selbstgeschöpften nie automatisch eine kritik an meiner ganzen person, diese können die anderen gar nicht erfassen. ich kann von eigenen texten überzeugt sein, auch wenn andere sie verteufeln. natürlich habe ich dann keinen „erfolg“. doch kreativität und kreatives schreiben sind erst einmal nicht auf erfolg aus (auch wenn anerkennung natürlich etwas schönes ist), sie bieten mir die möglichkeit, für mich selber eine spielerische ausdrucksform zu finden. und das allein kann schon verdammt viel spaß machen.

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4 Antworten zu “wie schreibe ich kreativ?

  1. Nadine Hostettler

    Ich möchte mich erst einmal bedanken für all‘ die schönen und interessanten Beiträge. Gerne verbringe ich meine freie Zeit mit Schmöcker-Reisen durch Euren blog (;

    Eine Anmerkung muss ich nun noch loswerden zu obigem Artikel. Allerdings betrifft sie letztlich einen darin verwendeten Ausdruck, nicht den Artikel selber.

    ===>
    „natürlich habe ich dann keinen “erfolg”. doch kreativität und kreatives schreiben sind erst einmal nicht auf erfolg aus (auch wenn anerkennung natürlich etwas schönes ist)…“
    <===

    Schon einmal überlegt, was das Wort "Erfolg" eigentlich bedeutet ? er – folg , er – folgen . Erfolg ist in seinem Grundsatz weder positiv noch negativ. Ebenso ist eine Aussage darüber erst dann im wertenden Sinne bedeutungsvoll, wenn zusätzlich ein Adjektiv angehängt wird. Denn – Erfolg bedeutet lediglich, dass etwas erfolgt ist. Ich schreibe wie im Beispiel einen kurz-kurz-Text und lande damit abseits. Nun, Erfolg hatte ich trotzdem. Nur war der nicht positiv.

    Ich wurde auf diese Wortbedeutung, eigentlich müsste man es schon eher Wortirrtum nennen, aufmerksam gemacht von einem ehemaligen Chef. Ich sass an einem Auftrag, wusste mir nicht recht zu helfen und meinte nur; "Ach, ich habe irgendwie keinen Erfolg mit meinen Versuchen" Daraufhin meinte mein Chef; "Erfolg haben Sie immer, vergessen Sie das nicht. Sie reden von positivem Erfolg. Den können Sie in der Regel aber auch nur geniessen, weil Sie genug oft negativen Erfolg verbuchen mussten."

    Vielleicht etwas, worüber nach zu denken es sich lohnt (;
    Schön, dass es Euren blog gibt – weiter so !

    • danke für die denkanregung und für die komplimente 💡 spannende frage, die sich daraus ergibt: was ist dann ein miss“erfolg“ ? oder anders formuliert, gibt es einen namen für den positiven effekt? super“erfolg“, pos“erfolg“…

  2. Nadine Hostettler

    Das ist in der Tat eine gute Frage (: Nach dem heutigen Verständnis für das Wort ‚Erfolg‘ wären es ganz einfach Erfolg und Misserfolg. Ich habe mal versucht, mich diesbezüglich ein wenig schlauer zu machen, bin allerdings nicht weit gekommen.
    Man kann sowohl Erfolg als auch Misserfolg natürlich anders benennen. Z.B. Erfolg = positiver Erfolg, Gewinn, Vorankommen, Fortschritt, Gelingen, Gewinn, Sieg, Aufstieg, Durchbruch,… etc – Misserfolg = negativer Erfolg, erfolglos, für nichts, sinnlos, vergebens,… etc. Das gewählte Wort ist natürlich abhängig vom jeweiligen Kontext, in welchem es verwendet wird. Ebenso sind die Worte nach heutigem Verständnis zu deuten, denn sinnlos z.B. ist nichts. Auch ein Misserfolg macht durchaus Sinn.

    Sucht man nach Synonymen für Misserfolg, erhält man unter anderem auch ‚ohne Resultat‘. Das ist ja nun auch so ein Ausdruck, über welchen es sich streiten lässt. Wie definiert man Resultat ? Ein Resultat erfolgt doch sowieso nach jeder Aktion.

    Nun, ich muss mir noch meine Gedanken dazu machen 😀
    Mir ist schon nicht ganz klar, weshalb man das Anfangs noch neutrale Wort ‚Erfolg‘ zum Positiven umgedeutet hat. Wikipedia bringt dazu zwar eine Erklärung. Weshalb es so geschehen konnte, bleibt mir aber trotzdem ein Rätsel, weil es nach reinem Wortverständnis doch einfach nach wie vor falsch ist. ‚Resultat‘ ist per Definition heute noch ein Neutrum und wird erst aussagekräftig mit einem Präfix oder entsprechenden Zusatzwort.

  3. Nadine Hostettler

    Der Korrekturhalber (kannst Du veröffentlichen oder auch nicht, wie Du willst);

    Ich habe soeben nach ‚per Definition‘ gegooglet, weil ich der Meinung war, dass es hierfür noch einen anderen Ausdruck gibt. Und musste nun feststellen, das ‚per Definition‘ nicht gebräuchlich resp. eigentlich falsch ist.
    Korrekt heisst es ‚per definitionem‘, vollständig in Latein. Die Mixtur aus Latein und Deutsch ist unschön und wird nicht gebraucht (zumindest nicht in offiziellem Deutsch. Es mag umgangssprachlich verwendet werden, ich habe es auch schon öfter in einer Zeitung gelesen).
    Ebenso bin ich auch schon über die Abkürzung ‚p.d.‘ gestolpert, welche aber wahrscheinlich als pures Verbrechen an diesem Ausdruck gesehen wird. Ich werde mich künftig daran halten und mich der Lateinischen Version bedienen 😉

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