Tagesarchiv: 3. März 2010

schreibidee (170)

nach den schreibideen zum auftauen, aubauen, aufsaugen, aufbruch und auflauf, ist vieles aufgegangen, was meist effekte nach sich zieht. ein effekt der „auf“s ist die erkenntnis, die wahrnehmung des bisherigen und die veränderung zum zukünftigen. das mag jetzt kryptisch klingen, soll aber nur die holprige überleitung zum revolutionären sein: dem aufstand. es ist an der zeit „aufstand-geschichten“ in eine schreibidee zu fassen. der aufstand kommt ja erst einmal vom aufstehen, das an sich eine alltägliche handlung ist, die nichts kämpferisches an sich hat. doch wenn alle gleichzeitig aufstehen, könnte es schon eine interessante entwicklung werden.

als einstieg für die schreibidee können zwei wege gewählt werden. entweder notieren sich die schreibgruppenteilnehmerInnen stichwortartige dinge, für die sie aufstehen würden. aus ihrer liste wählen sie sich einen gedanken aus, den sie auf einer seite näher umreissen. warum würden sie für ihre gewählte angelegenheit aufstehen? warum haben sie es bis jetzt nicht gemacht? die ergebnisse werden in der gruppe vorgelesen. oder man nutzt den beginn der schreibidee für eine körperliche bewegungseinheit (bietet sich zum beispiel bei längeren schreibwochenenden an). man setzt sich und steht immer wieder auf, mit der gruppe zusammen. zu beginn sagt man noch nichts zum thema, dann fordert man die teilnehmerInnen auf, dass sie beobachten, was geschieht. anschließend findet ein kurzes freewriting zum thema aufstehen statt und daraus soll ein einseitiger text entstehen. die texte werden in der schreibgruppe vorgelesen.

als nächster vorbereitungsmöglichkeit bietet sich die aufforderung an, einen aufstand zu konzipieren. so, wie heute im eventmanagement und im pr-bereich. was braucht man für einen aufstand? wogegen soll er sich richten, wofür setzt er sich ein? welche komponenten verwende ich: demos, streiks, internetblockaden, feuer legen oder andere bösartigkeiten. soll körperliche gewalt im spiel sein oder nur widerstand geleistet werden? all dies ist in ein kleines zweiseitiges konzept zu fassen. entweder kann ein rahmen vorgegeben werden und alle sollen zu einer thematik einen aufstand konzipieren oder es können die themen aufgegriffen werden, die persönlich am interessantesten sind. die aufstände werden anschließend in der gruppe vorgestellt.

zum abschluss wird einen längere aufstand-geschichte verfasst. sie kann die konsequente fortführung der vorherigen übungen sein, also eine passende geschichte zum aufstand-konzept, sie kann aber auch eine neue idee, die durch die vorherigen schreibaufgaben entstanden ist, aufgreifen. die aufstand-geschichten werden anschließend in der schreibgruppe vorgetragen danach bewertet wie groß das revolutionäre potential ist 😀

schreibspiel (08)

greife ich doch gleich einmal die komponente des spiels beim kreativen prozess auf und wende mich den spielerischen möglichkeiten des schreibens und der sprache zu. beim schreiben an sich macht sich der mensch nicht selten emotional nackig. beim spielen gibt es diese variante eher nur beim sex (der doch oft weniger spielerisch ist als er sein könnte) und beim strip-poker. ich habe dieses schreibspiel einfach einmal „strip-lyrik“ getauft, obwohl das mit dem strippen natürlich den spielgruppen überlassen bleibt und nur in sympathischen erwachsenen runden stattfinden sollte.

grundlage ist aber das verlieren, wie beim strip-poker auch. es geht darum, gemeinsam ein gedicht zu verfassen. dabei kann man sich vorher überlegen, wie streng die regeln sein sollen. festgemacht wird das gewinnen oder verlieren am reim. es gibt zum beispiel jemand eine erste zeile eines gedichts vor und der nächste spieler muss die nächste zeile anfügen, die sich reimt. nun kann man natürlich überlegen, sollte das entstehende gedicht auch noch einen sinn geben, die rhythmik nicht ganz über den haufen werfen und dergleichen mehr. anders formuliert, man kann die regeln nach einer gewissen einspielphase beständig verschärfen.

wichtig scheint vor allen dingen, dass ein zeitmaß verabredet wird. die nächste zeile muss in einer bestimmten zeit genannt werden. wenn dies die spielerin, die dran ist, nicht einhalten kann, dann wird zur strafe eine (schreib)aufgabe gestellt oder ein Kleidungsstück abgelegt 😳 . man kann im vorfeld schreibaufgabenkarten erstellen, die dann zu ziehen sind oder die gruppe überlegt sich in dem moment schnell gemeinsam eine kleine aufgabe für den verlierer. natürlich lässt sich hier unendlich kombinieren. das beginnt bei wirklichen schreibaufgaben (die aber zeitlich nicht zu lang dauern sollten) und endet bei der beschaffung von nahrungsmitteln und getränken für den gemütlichen abend.

die „strip-lyrik“ lässt sich am besten in einer gemütlichen schreibrunde spielen. es geht sicherlich nicht darum, dass hervorragende gedichte entstehen, es geht um das spiel und es sollte zeit zur verfügung stehen. aber dann kann es bestimmt viel spaß machen.

dazwischen geschoben – jetzt müsste es mal genug sein

so langsam freut sich der aufgeklärte bürger über jedes urteil des bundesverfassungsgerichts. eine bedenkliche entwicklung in einer demokratie: gerichte scheinen noch die einzigen orte zu sein, die die wiederum von aufgeklärten bürgerInnen gewählten politikerInnen stoppen können. dabei stoppen die verfassung stück für stück zu untergraben. angefangen bei sozialen leistungen über die einsatzmöglichkeiten der bundeswehr bis zum datenschutz. da sei die frage erlaubt, ob die erreichung eines parlamentspostens dazu führt, den blick für die grundlagen dieser gesellschaft zu verlieren? ungeklärt bleibt, woran dies liegt.

gestern dann wieder geschehen: die vorratsdatenspeicherung lässt sich in ihrer jetzigen form nicht mit der verfassung vereinbaren. ja, das wurde auch zeit, dass der generalverdacht gegen die bevölkerung nicht aufrecht erhalten wird. nicht jeder mensch, der moderne kommunikationsmittel verwendet ist ein potentieller straftäter. nun sollen die angesammelten daten erst einmal gelöscht werden. da man in den letzten jahren in bezug auf den datenschutz immer misstrauischer geworden ist, stellt sich die frage, wer kontrolliert die löschung der daten? ist es doch momentan in mode, cds und dvds mal eben schnell zu brennen und an den meistbietenden zu verschachern. man darf gespannt bleiben, wie sich die gesetzeslage entwickeln wird. die ersten äußerungen zum urteil des bundesverfassungsgerichts lassen nichts gutes ahnen. würde die gleiche energie nur einmal in den datenschutz für die bürgerInnen gesteckt befänden wir uns schon längst in einer unbeschwerteren modernen kommunikationsgesellschaft.

woraus schöpft kreativität?

ich hab hier schon angerissen, dass das spiel an sich bei kreativen prozessen eine große rolle spielt. doch was ist spielen eigentlich? es ist ein versuch die umwelt zu erfahren und zu „begreifen“, ohne gleich mit allen konsequenzen des alltags konfrontiert zu werden. das spiel ist eine seltsame absprache, die vielen prozessen die ernsthaftigkeit nimmt. wenn man sich zum beispiel spielende tiere betrachtet, dann kann man feststellen, dass viele abläufe dem kämpfen oder jagen gleichkommen. und doch wird aus dem kämpfen und jagen erst einmal kein ernst. auch bei menschen bereitet das spiel des kindes auf später ernsthafte alltäglichkeiten vor. ob es nun der kaufmannsladen ist, das spiel mit puppen oder die egoshooter sind. all diese spiele trainieren spätere möglichkeiten.

leider wird bei uns spiel so verhandelt, dass das gespielte automatisch bedeutet sich später auch so zu verhalten. doch eigentlich ist die abmachung beim spielen, eigene grenzen ausloten zu dürfen und vor allen dingen all das im spiel erlebte auch wieder verwerfen zu können. darum führt der egoshooter auch nicht automatisch dazu sich in einen kampf zu begeben. im spiel eigne ich mir möglichkeiten der welt an. darum entstehen dort sozuschreiben varianten des lebens. kreativität ist ein ausloten der varianten des lebens, der versuch sie darzustellen. es bedeutet nicht, dass ich all das dargestellte erlebt haben muss, in seiner ernsthaftigkeit erfahren muss. die spielerische komponente besteht zusätzlich darin, dass ich dinge kombinieren kann, die ich in der realität nicht kombinieren kann.

es fällt oft schwer, kreatives stehen zu lassen. oft kommen nach kreativen prozessen sehr realistische ergebnisse zutage, die wiederum die konsumenten verwirren. man betrachte nur manche filme, die eigentlich eine erfundene geschichte wiedergeben, beim zuschauer aber das gefühl auslösen, so kann es gewesen sein. so geht kreativität einher mit der fähigkeit, sich in einem eigentlich fremde situationen und handlungen hineinversetzen zu können. das spiel ist eine gute vorbereitung dafür. aber eben nur eine.

die andere vorbereitung für kreative prozesse besteht in der beobachtung. ein waches auge für die ereignisse um einen herum zu haben. ich kann natürlich auch nur mich selber für meinen kreativen ausdruck heranziehen. doch selbst in diesem moment habe ich mich im vorfeld beobachtet, reflektiere ich erlebtes und gefühltes. einen schöner effekt von kreativem tun besteht in der wachsenden aufmerksamkeit für geschehendes. wenn man einmal anfängt vermehrt um sich zu blicken, um ideen zu sammeln oder charaktere zu finden, wird man selten diesem tun überdrüssig sondern eher neugierig.

der beobachtende blick, das emotionale radar läuft quasi nebenher. Weiterlesen