Tagesarchiv: 7. März 2010

schreibspiel (10)

dies ist eines der wenigen schreibspiele, das sich wahrscheinlich für eine gruppe des biografischen schreibens anbietet. außerdem ist es eigentlich kein schreibspiel, sondern ein psycho-spiel, das in gruppen funktioniert, die sich näher kennenlernen wollen. darum sei gleich vorab angemerkt, dass man das spiel möglichst nur in einer gruppe spielen sollte, die klar zustimmung signalisiert. man sollte sich vorbehalten, das spiel abzubrechen und man sollte die teilnehmerInnen darauf hinweisen, dass sie nicht antworten müssen. das spiel heisst „wahrheit oder pflicht„.

wer diese chance für neugierige nicht kennt, dem sei das spiel hier noch einmal kurz erklärt. am besten reihum, darf von gruppenmitgliedern an andere teilnehmerInnen eine frage gestellt werden. meist sind diese fragen bei dem spiel persönlicher natur, auch wenn es gern andere sein dürfen. nun ist es an den befragten, eine entscheidung zu treffen. wählen sie „wahrheit“, was bedeutet, sie beantworten die an sie gestellte frage wahrheitsgemäß, oder wählen sie pflicht, sie beantworten die frage nicht und bekommen darum durch die fragende person eine aufgabe gestellt.

wenn man sich im laufe einer biografischen schreibgruppe kennengelernt hat, bleiben garantiert viele fragen offen. darum bietet sich das spiel für diese gruppen an. doch, es muss nicht auf jede neugierde reagiert werden. die „pflicht“-aufgaben sollten aufgaben sein, die schriftlich zu absolvieren sind. es können ideen aus dem biografischen oder kreativen schreiben sein. wenn man das spiel wie beschrieben durchführt bietet es einen zusätzlichen effekt: die schreibgruppenteilnehmerInnen müssen kleine schreibaufgaben oder -übungen generieren, die sie als pflicht einsetzen. diese aufgaben sollten nicht zu lang andauern, aber es ist damit zu rechnen, dass für das gesamte spiel eine menge zeit und anderweitige unterhaltung einzuplanen sind. denn so lang die ver“pflichteten“ schreiben, haben die anderen erst einmal nichts zu tun.

eine gruppe, die sich schon länger kennt und sich näher kennenlernen möchte, bietet dieses spiel die chance, aufeinander zu zu gehen. für andere gruppen wäre es nicht zu empfehlen, da sich schnell teilnehmerInnen unter druck gesetzt oder bloßgestellt fühlen können. außerdem benötigt es auf alle fälle spielleiterInnen, die wenn nötig, die grenzen zwischen spielerei und psychoterror ziehen können. aber dann kann es verdammt viel spaß machen.

was kann kreatives schreiben nicht leisten?

nachdem ich hier die hymne auf das kreative schreiben verfasst hatte, ist es an der zeit einen kritischeren blick auf die möglichkeiten zu werfen. denn kreativität ist eine form des ausdrucks, es ist aber auch eine form, die immer die deutungshoheit den anderen überlässt. kreatives schreiben kann nicht nur positive effekte haben. hier seien ein paar fragwürdigkeiten aufgelistet:

  • das schreiben in metaphern, die umschreibung von situationen und gefühlen, eine schöne sache, in der sich andere wiederfinden können. doch manches bleibt in der uneindeutigkeit hängen. kreatives schreiben ist kein klartext. es gibt aber sehr wohl situationen im leben, in denen klartext notwendig ist.
  • kreatives schreiben kann deshalb auch als fluchthilfe dienen. wenn die angst zu groß ist, eindeutigkeit zu formulieren, lässt sich vieles hübsch verpacken. gleichzeitig lässt es aber die leserInnen im unklaren und übergibt ihnen die aufgabe, das geschriebene zu entschlüsseln. unversehens wurde in diesem moment ein machtverhältnis aufgebaut.
  • ich äußere mich, äußere mich aber nicht wirklich. die aufforderung lautet: strengt euch an, mich zu verstehen. zumindest wenn die texte direkt an bekannte personen gerichtet sind. das kann ein schönes, intimes spiel sein. es kann aber auch ein aufmerksamkeit erheischendes ritual werden. ab diesem moment ist die furcht vor sanktionen zu vermuten. würde ich schreiben, was ich wirklich denke und fühle, muss ich damit rechnen, dass die anderen mich bestrafen.
  • für einen selber kann kreatives schreiben auch der versuch sein, nicht genau hinzuschauen. wenn ich nahegehende erlebnisse in schöne märchen verpacke, dann kann dies eine brücke zu meinem selbst sein, ebenso aber auch ein minenfeld. verdrängung fällt leichter, so lang ich selber nicht offen ausspreche, was mich eigentlich bewegt. auch diese medaille hat wieder zwei seiten. ohne verdrängung könnten menschen gar nicht existieren, selbstschutz ist notwendig, zu viel beiseite geschoben, entfremdet einen aber von den eigenen bedürfnissen.
  • so kann kreatives schreiben auch zu beschwichtigenden „sucht“ werden, wie beinahe alles andere im leben auch. auch das ist erst einmal nicht „schlimm“, da es in diesen momenten notwendig scheint. und doch scheint es sinnvoll, darauf zu achten, wann man nur noch in metaphern kommuniziert und vergisst, dass man eigentlich auch direkt sprechen kann. dies wird einem spätestens dann bewusst, wenn andere signalisieren, dass sie einen nicht mehr verstehen oder wenn die interpretationen der anderen vollständig an dem vorbeigehen, was ich ausdrücken wollte.
  • kreatives schreiben ist erst einmal „nur“ ein ausdruck, es beseitigt nicht die eigentlichen ängste. die ansprüche hat das schreiben auch nicht, wird aber gern so verwendet. um ängste abzubauen, muss ich nicht nur gründe benennen, sondern handlungsmöglichkeiten gedanklich durchspielen und vor allen dingen dann handeln. Weiterlesen