wen sollte meine biografie interessieren?

mich selber. so einfach lässt sich in bezug auf das biografische schreiben eine antwort geben. nur wenn ich ein interesse an meiner eigenen lebensgeschichte habe, macht das biografische schreiben sinn. schnell wird über das eigeninteresse geurteilt: menschen, die sich so intensiv mit ihrer eigenen geschichte auseinandersetzen sind narzistisch, egozentrisch oder einfach nur gelangweilt.

es ist heute üblicher, das licht unter den eigenen scheffel zu stellen und davon auszugehen, dass die eigene geschichte nichts besonderes bietet, um sie festzuhalten. also benötigt man so etwas wie biografisches schreiben auch nicht. hier wird verkannt, dass es gar nicht um besonderes geht. es geht nicht um eine außergewöhnliche biografie außergewöhnlicher menschen. es geht um die faszination, dass jedes leben einen bunten strauß an begebenheiten bietet, die einmalig und individuell sind. sie zu betrachten hat nichts mit selbstverliebtheit zu tun, sondern mit dem interesse an den hintergründen.

denn bei genauerer betrachtung wird jeder biografisch schreibende mensch feststellen, dass in seinem leben mehr geschehen ist, als er vorher annahm. ähnlich wie beim kreativen schreiben eröffnet sich im laufe der zeit eine bandbreite an ideen und blickwinkeln, die nie vermutet wurde. ebenso wie bei der kreativität, wird der blick für die details geschärft: es fällt einem mehr ein und auf. und, neben den effekten der selbsterkenntnis, der wert der eigenen person wird in der skala der wertschätzung höher eingeordnet.

das biografische schreiben ist ein ausdruck der sorge um sich selber. gern wird in unserer gesellschaft vermittelt, das höchste gut bestehe darin, sich um andere zu kümmern und zu bemühen, eine leistung für das gemeinwohl erbringen zu müssen, sich anzustrengen, um ein gutes auskommen zu haben. dabei verlieren viele sich selber aus den augen, ignorieren ihren eigenen wert. das biografische schreiben kann einen wieder zu sich selbst zurückführen.

es ist nur ein nebeneffekt, dass die ergebnisse des biografischen schreibens auch andere interessieren könnten. einmal von jemandem zu lesen, der zur gleichen zeit wie ich aufwuchs, wie er diese zeit erlebt hat, macht neugierig. man setzt sich in beziehung zum anderen, vergleicht, erinnert und bestätigt. es verbinden ereignisse, die die damalige zeit bestimmten. und doch weichen die eindrücke und emotionen voneinander ab. ein vergleich mit den lebensgeschichten anderer unterstützt mich auf dem weg der selbstvergewisserung. es macht es mir möglich, meinen platz in der gesellschaft zu bestimmen.

natürlich kann ich mich auch im gespräch in bezug zu anderen setzen. doch dies geschieht eher im zusammenhang mit aktuelleren haltungen. welche musik gefällt mir? welches theaterstück habe ich zuletzt gesehen? was lese ich gerade? ab einem gewissen alter fängt man dann auch an, begebenheiten aus der vergangenheit zu berichten, erlebte momente zum besten zu geben. doch sie schweben so lang im freien raum, so lang sie nicht in bezug zu den sonstigen ereignisse gesetzt werden, so lang die gründe für das eigene handeln nicht aufgeschlüsselt werden.

biografisches schreiben erlaubt es mir (vor allen dingen in schreibgruppen), sich mir anzunähern. manchmal benötigt es den anstoß, dass andere ebenso hemmungslos das eigene leben betrachten und nicht der meinung sind, sie würden sich nur um sich selbst drehen. biografisches schreiben ist immer ein mix aus individueller nabelschau und weitreichender aufschlüsselung der gesellschaftlichen verhältnisse. das ist auch für andere menschen interessant. wir sind soziale wesen, da wir uns in bezug zueinander setzen können. das ist nicht nur interessant, es kann auch einfach spaß machen. wenn dann dabei noch lebhafte geschichten entstehen, die niedergeschrieben werden, dann sind die nebeneffekte des schreibens etwas schönes.

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