wie stark beeinflussen mich gesellschaftliche entwicklungen?

biografisches schreiben ist nie zu trennen von den gesellschaftlichen ereignissen, die ich miterlebte. ich kann noch so sehr bemüht sein, mein augenmerk auf meine ganz persönlichen erfahrungen zu lenken, ich handle doch immer im rahmen der gegebenheiten. es liegt momentan zwar im trend mit hilfe der genetik, der evolutionstheorie und der neuropsychologie, den menschen wieder mehr auf sich selbst zurückzuwerfen, doch keiner kann leugnen, dass ich mein handeln an meiner umwelt orientiere.

das absurde in den aktuellen debatten ist der versuch, dem menschen begabungen und talente anzudichten, die es schwer machen, an meinem verhalten noch etwas ändern zu können. immer wieder landet man in der debatte, ob der mensch an sich vorprogrammiert ist oder ob vieles sich erst entwickelt. die vorstellung von der vorprogrammierung entlastet von gesellschaftlicher verantwortung für die weitere entwicklungen der gesellschaftsmitglieder. oder direkt formuliert: wer dumm geboren wurde, wird nicht viel daran ändern können. dem widersprechen aber viele veränderungen, die die einzelnen menschen für sich vornehmen konnten und können.

so scheint es mir wichtig, wenn ich meine eigene biografie oder lebensgeschichte betrachte, ebenso die umweltbedingungen zu analysieren. dazu gehört, wen ich im laufe meines lebens getroffen habe? wie stark der einfluss der einzelnen begegnungen und menschen auf mich war? und welche schlüsse ich daraus gezogen habe? dazu gehört auch, in welchem gesellschaftssystem ich aufgewachsen bin. ob ich mich in einer diktatur oder in einer annähernd demokratischen umgebung entwickle hat auswirkungen auf meine einstellungen. was bedeutet es, den schulsystemen in einem kapitalistischen system ausgesetzt zu sein? was bedeutet es, einen krieg miterlebt zu haben? wie erlebe ich es, einer gesellschaftlichen minderheit anzugehören? und vor allen dingen, welche schlüsse ziehe ich daraus?

das interessante am biografischen schreiben ist es, dass mir eine technik an die hand gegeben wird, die mir zusätzliche möglichkeiten der selbstreflexion offenbart. ich kann also den blick auf meine einbettung in das hier und jetzt schärfen. dadurch finde ich vielleicht mehr neue handlungsmöglichkeiten. ich bekomme ein gefühl für das, was mich umgibt. ich kann zwischen meinen eigenen anteilen am geschehen und einflüssen von außen feiner unterscheiden. leider ist es heute gang und gebe, dass der mensch vor allen dingen nach defiziten bei sich sucht. gern wird dabei der versuch sozialer gruppen übersehen, einfluss auf die handlungen anderer zu nehmen. woraus entstehen einzel- und gruppeninteressen? welche sanktionen drohen mir, wenn ich mich gegen das soziale gefüge stelle? und vor allen dingen, wer bestimmt die regeln des zusammenlebens.

ich nehme mal ein einfaches beispiel. kluge köpfe haben menschenrechte formuliert, die bei der uno verankert sind, ihre achtung und wahrung wurde von vielen nationen unterzeichnet. und doch handelt beinahe jedes land auf der welt entgegen dieser formulierungen. nun gibt es zwei erklärungsrichtungen dafür: die eine auffassung geht davon aus, dass der mensch an sich schlecht ist, also alle anderen menschen, darauf aufpassen müssen, dass das schlechte nicht die oberhand gewinnt. darauf basieren pädagogische konzepte, strafrechte und überwachungen der bevölkerungen. das schlechte soll mit kriegen zurückgedrängt werden. die andere auffassung geht nicht davon aus, dass der mensch schlecht ist, sondern sie geht davon aus, dass der mensch in bedingungen lebt, die schlecht sind. werden die bedingungen verbessert, verbessert sich auch die grundsituation des menschen und es sind keine verteilungskämpfe, keine ausgeprägten konkurrenzverhältnisse und keine sanktionen mehr notwendig. beide darstellungen sind etwas überspitzt formuliert. aber die realität zeigt, dass der konflikt zwischen beiden auffassungen noch nicht vollständig ausgetragen ist.

in meinem biografischen schreiben spiegelt sich meine position gegenüber den beiden vorstellungen wieder. wie weit bin ich der meinung, meine lebensgeschichte vollständig selbst verantworten zu müssen? wieweit gehe ich davon aus, dass andere einen anteil an meiner entwicklung tragen und wieweit gehört dazu auch negatives? eine spannende frage, die man vor oder während des schreibens einer biografie für sich selber klären sollte. gesellschaftsanalytische und gesellschaftstheoretische aspekte sollten mir bewusst sein, wenn ich mich meiner lebensgeschichte annähere. sonst werfen mich irgendwann die leserInnen meiner geschichte auf die frage zurück. außerdem eröffnen mir solche analysen viele neue möglichkeiten, mein leben zu gestalten. also, lange vorrede, kurzes ergebnis: gesellschaftliche entwicklungen und haltungen beeinflussen mich!

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