nochmal durch krisen gehen?

„oxypelagius“ bemerkte in seinem kommentar, das schreiben helfe gegen depressionen. ist das wirklich so? oder hier in bezug auf das biografische schreiben bezogen, kann das schreiben eine therapeutische wirkung haben? mit den wirkeffekten von therapien und techniken ist das so eine sache. die psychotherapieforschung bemüht sich schon seit langem nachzuweisen, welche dinge welchen effekt haben. doch dafür ist der mensch ein viel zu komplexes wesen, als dass sich dies verallgemeinern ließe. oder schlicht geschrieben: was bei dem einen hilft muss bei dem anderen noch lange nicht helfen. dem einen genügt es schon, dass er sich schreibend den raum zur ruhe nimmt, der andere benötigt zwei jahre therapeutische arbeit, um eine verbesserung seiner situation zu empfinden.

doch eines lässt sich zum biografischen schreiben bemerken: es ist eine wunderbare zusätzliche gelegenheit, vergangenes sich neu zu erschließen. der effekt des ganzen sei einmal dahingestellt, dazu später mehr. erst einmal bietet das biografische schreiben etliche techniken (fragen, assoziationen, freewriting, lebenskurven, tabellen…), um erinnerungen zu reaktivieren. eine konsequenzen des erinnerns besteht darin, dass man sich an immer mehr erinnert. wenn man einmal angefangen hat, dann wirkt es, wie wenn man ein türchen nach dem anderen öffnet und sich die erinnerungen stück für stück verzweigen. das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass die abgelegten gedanken in spezieller weise miteinander verknüpft sind. Am bekanntesten dafür ist das werk „auf der suche nach der verlorenen zeit“ von marcel proust. hier gibt es das berühmte beispiel der madeleine (ein gebäck), die der auslöser von erinnerungen aus kindheit und vergangenheit ist.

da der mensch vor allem unangenehme erinnerungen gut verdrängen kann (wie hier schon häufiger erwähnt aus selbstschutz-gründen), kann bei der offenlegung der eigenen lebensgeschichte, natürlich auch die erinnerung an negatives reaktiviert werden. darum ist das biografische schreiben sehr viel mehr als das kreative schreiben mit vorsicht durchzuführen und zu begleiten. denn die erneute erinnerung an alte krisen und traumen kann ebenso neue auslösen. das soll nicht abschrecken, sondern eher die möglichkeit offerieren, sich dem zu zu wenden, was man lange ad acta gelegt hat, einen aber unbewusst durch den alltag begleitet. wodurch die erinnerungen ausgelöst werden, kann man nie vorhersagen. es kann ein geruch sein, ein gebäck, ein geräusch oder eben eine geschichte, die man schreibt, und dabei verselbstständigt sich die geschichte in eine richtung, die man eigentlich nicht einschlagen wollte.

da sitzt man dann mit seiner alten krise. was nun damit? man dachte, alles längst bewältigt zu haben und da meldet es sich wieder zu wort. das können verstörenden momente sein. doch es bietet die chance, vielleicht durch das schreiben, die krise endgültig zu bewältigen und beiseite legen zu können. erst einmal muss man sie dazu als alte krise erkennen. manche erinnerungen kommen sehr versteckt zum vorschein, man bemerkt nur an der eigenen stimmung, dass an dem erinnerten etwas nicht gut war. auf solche emotionalen störungen sollte man beim biografischen achten und sie ernst nehmen. denn in diesen momenten kann man eine entscheidung treffen: möchte ich das thema wechseln und das unangenehme ruhen lassen oder möchte ich endlich rausfinden, was damals eigentlich passierte. es gibt keine maßstäbe von außen, die für die eine oder andere richtung sprechen. einzig man selber ist der maßstab in diesem moment.

biografisches schreiben sollte nicht dazu dienen, auf teufel komm raus alles vergangene aufzuschlüsseln. ich darf immer entscheiden, was mir bewältigenswert erscheint und was ich schnell wieder vergessen möchte. habe ich mich entschieden, der erinnerung ins auge zu blicken, dann ist das biografische schreiben eine gute möglichkeit. vielen stellt sich die frage, ob es die anstrengung wert ist, abermals eine krise zu erleben, zu beschreiben und zu bearbeiten. leider gibt es die schmerzfreie erinnerung für einschneidende, negative erlebnisse nicht. wie beim lesen alter tagebücher, können sich beinahe identisch unangenehme gefühle wie damals ausbreiten. auch die krise möchte zelebriert werden. sie möchte genug aufmerksamkeit erhalten, um sich endlich verziehen zu können. dies bedeutet eine anstrengung, deren wert sich auf den ersten blick nicht erschließt. erst wenn die krise bewältigt ist, wird man oft gewahr, welche last einem genommen wurde. man merkt, wie weit einen die alte erinnerung einschränkte, die eigenen handlungen beeinflusste und aus dem hintergrund herumstänkerte.

womit ich bei den effekten des biografischen schreibens im zusammenhang mit ehemaligen krisen bin. das schreiben ermöglicht einem eine langsame annäherung an ehemaliges. ebenso kann man die erinnerung durch metaphern, vergleiche und bilder noch einmal neu beschreiben, ein wenig verschlüsseln und entschärfen. aber, und dies ist ein großes aber, das abermalige durchleben einer krise kann auch formen der retraumatisierung herbeiführen. deshalb ist beim schreiben mit bedacht an diese unangenehmen theman heranzugehen. dazu gehört es zum beispiel, sich ein zeitlimit zu setzen. damit das schreiben sich nicht verselbstständigt, hilft eine vorgabe, wie zum beispiel maximal eine stunde pro tag an der beschreibung zu arbeiten, und sich dann wieder anderem zu zu wenden. man sollte also pfleglich mit den eigenen gedanken umgehen. auch hier ist wieder der goldene mittelweg gefragt zwischen selbstzerfleischung und oberflächlichem drüberhuschen. schreibgruppen bieten eine gewisse stabilität beim biografischen schreiben, da die chance größer ist von anderen aufgefangen und gestoppt zu werden.

und übrigens, nicht jeder mensch trägt mit sich große päckchen rum, die entschlüsselt werden müssen. manche schreibenden suchen krampfhaft nach den eigenen geheimnissen und schatzkästlein. dabei übersehen sie, dass eigentlich alles so ist, wie es sein soll. generell ist bei der bearbeitung von ehemaligen krisen überhaupt die bereitschaft notwendig, sich selbst noch einmal intensiv begegnen zu wollen. ist dieser wunsch nicht vorhanden, sollte man die finger davon lassen. und noch einmal scheint es mir wichtig zu bemerken: es gibt keine bewertung dazu, ob man sich seinen „altlasten“ zuwenden möchte oder nicht. es gibt nicht das bessere. so vielfältig die menschen eben sind, so vielfältig kann ihr umgang mit der eigenen vergangenheit sein. aber das biografische schreiben bietet tolle möglichkeiten für alle interessierten. übrigens auch bei aktuellen krisen. da stimmt dann wieder die aussage, dass schreiben gut gegen depressionen sein kann.

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