Monatsarchiv: September 2010

schnickschnack (82)

der sinkende stern der katholischen kirche ist schwer aufzuhalten, zumindest in den westlichen nationen. da ist es sinnvoll, sich gedanken darüber zu machen, wie man kirche modernisieren und aufhübschen könnte, damit sie wieder attraktiver wird und der laden läuft. ein versuch besteht darin, das zölibat abschaffen zu wollen oder frauen zu priesterinnen zu ernennen.

doch seien wir mal ehrlich, das attraktive an der katholischen kirche ist der ganze tand, sind die zeremonien. kaum eine glaubensrichtung bietet so viel symbolisches, das immer wieder mit inbrunst zelebriert wird. unter pr-gesichtspunkten spricht der erfolg für die kirche, sie konnte sich lang halten. gut, ob der rückkehr zur messe in latein so hilfreich war das muss sich noch rausstellen, böte sich doch der chatsprech für eine attraktive zeremonie online an.

besonders ausdrucksstark wirkten über jahrhunderte die heiligen der kirche, die schutz, mahnung und halt für verschiedene lebensaspekte boten. doch inzwischen haben sich die gesellschaften und die lebenskonzepte verändert, so dass selbst die heiligen ein wenig altbacken wirken. aber es gibt abhilfe. grafikerInnen haben sich des themas angenommen und einfach neue heilige für diverse lebensbereiche entworfen. da erfreuen dann schon die namensgebungen für die himmelswesen, noch mehr aber die künstlerische umsetzung, die bilder.

im internet kann man sich in ruhe all die glaubensstützer_innen betrachten, bei „grobgrafik„, einem konzept, das an sich schon eine gehörige portion humor bietet. und da noch nicht alle aufgaben der heiligen umschrieben sind, kann man sich selber die stellenbeschreibungen kreieren, und als vorschlag sicher den grafikerInnen zusenden. viel spaß bei der betrachtung, mal sehen ob die kirche ein wenig entstaubt wird. zu finden sind die bilder und namen unter http://www.grobgrafik.de/sanktnimmerlein/ .

„wie man den bachmannpreis gewinnt“ von angela leinen – ein buchtipp

ein buch für den intellektuellen in uns. ist der ingeborg-bachmann-preis bekannt, ist auch der titel des buches zu verstehen. und das buch bezieht sich gern immer wieder auf den literaturpreis aus klagenfurt, der sein ganz eigenwilliges und live übertragenes auswahlverfahren hat.

aber eigentlich ist der preis nur der aufhänger für ein sehr amüsantes und auch lehrreiches buch. angela leinen hat mit „wie man den bachmannpreis gewinnt – gebrauchsanweisung zum lesen und schreiben“ einen kleinen ratgeber verfasst. es handelt sich um einen teilweise subjektiven ratgeber, der keine hemmungen hat, zu benennen, was man einfach, oder auf alle fälle angela leinen, nicht mehr lesen will und was noch geschrieben werden sollte. einen ratgeber, der immer wieder bezug auf in klagenfurt vorgetragene texte nimmt und sowohl „gute“ als auch „schlechte“ beispiele anführt.

und das buch funktioniert. es gibt einen hinweis, was gute, spannende literatur ausmachen könnte. es gibt eine ahnung davon, wie viel spaß schreiben aber auch lesen machen kann. es liest sich entspannt, regt zum lachen an und wendet sich selbst so unbequemen themen, wie der frage nach der angemessenen darstellung von sex in literatur zu. ich kann nur schreiben, wunderbar die hürde genommen. mein tipp: lesen und dann selber schreiben.

das buch ist 2010 bei heyne in münchen erschienen. ISBN 978-3-453-60132-1

der schreibprozess und das handwerk

schreiben ist kreativ, ist intuitiv, ist taktil und ist eine form der kommunikation. aber schreiben ist auch ein handwerk. es gibt werkzeuge, die einem das schreiben ermöglichen (stift, tastatur oder meissel). dazu gibt es eine menge techniken. abseits der hier oft benannten kreativen techniken finden sich manche grundtechniken.

da ist zum einen die sprache. die sprache bietet ein abkommen in einer gesellschaft, um miteinander kommunizieren zu können. wenn ich „haus“ schreibe, wissen die meisten grob, was ich damit meine. gut, man stellt sich jeweils ein anderes haus vor, aber es handelt sich meist um ein gebäude mit vier seiten und einem dach. die sprache wird noch unterfüttert von der rechtschreibung und der grammatik. auch dies sind gesellschaftliche abkommen, die der lesbarkeit aber auch dem verständnis geschuldet sind. diese regeln kann man beim schreibprozess streng verfolgen, um einen korrekten ausdruck zu finden. doch gerade im rahmen der kreativität bietet sich viel spielraum. denn ausdrücken muss nicht so eindeutig sein, wie es gern von den strengen wächtern der sprache vermittelt wird. sprache und kommunikation entwickeln sich in gesellschaften beständig weiter, so wie auch die techniken in anderen handwerksberufen. dabei entstehen beim schreiben und reden dialekte oder auch neue ausdrucksformen. der schreibprozess bietet die möglichkeit, mit den techniken zu spielen. doch um dies zu machen, sollte man die techniken kennen. denn spiele ohne regeln werden schnell unverständlich.

neben grammatik und rechtschreibung finden sich dann noch eine menge techniken, hinweise und tipps zum stil. was klingt für das menschliche ohr gut, was liest sich flüssig und was scheint überflüssig. das schön am lesen und im vorfeld beim schreiben ist ja, dass es lust verursachen kann. also können techniken angewendet werden, um sowohl lustvoll zu schreiben (einer der schwerpunkte hier im blog) als auch lustvoll zu lesen (wenn das handwerk verstanden wurde und das ergebnis des schreibprozesses freude bereitet).

da die geschmäcker verschieden sind lassen sich schwer allgemeingültige techniken finden. so wie der eine gern einen handgeschmiedeten gartenzaun hat, der andere aber den hölzernen jägerzaun bevorzugt, so sind auch die lesegewohnheiten und -geschmäcker der menschen sehr verschieden. Weiterlesen

nabelschau (26)

fünf euro vs. eine halbe million. die welt ist ungerecht. dazu muss man nicht diesen blog lesen, der immer mal wieder darauf hinweist. alle leserInnen kennen wahrscheinlich situationen, in denen sie sich ungerecht behandelt fühlen. nur gerade wird die ungerechtigkeit zur priorität einer bundesregierung gemacht. es beschleicht einen das gefühl, dass da menschen zusammen sitzen, die sich sagen: „na wenn es schon ungerecht ist, dann gehen wir doch mal in die vollen. da ist noch spielraum.“

und wie man so schön formuliert: dieser spielraum wird voll ausgeschöpft. natürlich kann dabei erst einmal nicht von einem „spiel“ die rede sein. menschen, die wenig haben, sowohl wenige chancen als auch wenig geld. diesen menschen wird zu wenig geld gegeben, zumindest, wenn wir das prinzip einer solidargemeinschaft haben. und übrigens, das müsste inzwischen auch überall angekommen sein, jeder mensch kann in die situation geraten, zu wenig zu haben. jedenfalls stellte das bundesverfassungsgericht fest, dass das alles nicht so geht. was macht die politik? das gegenteil. ja, die csu ist sauer und will am liebsten den hartz-IV-satz gar nicht erhöhen, warum auch?

gut, man könnte sagen, in der finanzkrise haben wir uns so verschuldet, da geht gerade nicht mehr, erst einmal müssen wir wieder von den schulden runter. doch: ein tag – zwei meldungen. die hartz-IV-empfänger können mit `nem fünfer pro monat mehr rechnen (also gerade mal eine schachtel fluppen mehr). gleichzeitig stellte sich heraus, dass die zweite führungsebene bei den banken, die mit unseren milliarden gestützt wurden, einen jahresverdienst von locker über einer halben million euro haben (mindestens hunderttausend schachteln fluppen). nur die absolute leitungsebene wurde auf eine halbe million gedeckelt, die etage darunter zockt weiter ab. ach ja, und die boni gibt es auch noch.

tschuldigung, aber da hakt es jetzt doch aus: den einen signalisiert man, tut uns leid, aber ihr seid uns nicht viel wert, den anderen gibt man zu verstehen, wir sind bereit euren arbeitsplatz zig milliarden zu retten, dafür dürft ihr euch aber ruhig weiter ordentlich bedienen. sozialneid kann eine fiese sache sein, aber hier herrscht geistige verzerrung. was macht einen banker so viel wertvoller als eine mutter von vier kleinen kindern? diese frage muss (leider) inzwischen ernsthaft gestellt werden. das viel beschworen leistungsprinzip kann es jedenfalls nicht sein. und nur weil etwas schon immer so war, muss es nicht weiter so bleiben.

neu ist das alles nicht. doch an einem tag scheint dieser kontrast einzig zynisch. vielleicht sollten wir uns alle direkt an die bundesregierung wenden und eine stützung unserer gerade gegründeten privatbank einfordern 😀

schreibidee (178)

auch vor der lektüre des vorhin vorgeschlagenen buches kann man versuchen, texte zu verfassen, die auf intuitiven gedanken basieren. eine form des intuitiven schreibens wurde hier schon vorgestellt und öfter in anwendung gebracht: das freewriting. das bedeutet, das schreiben, das möglichst ohne großes nachdenken und ohne absetzen des stifts aus der feder fließt, in die tasten gehauen wird. doch dieses mal sollen andere methoden zu „intuitiven texten“ führen.

nehmen wir als erstes die liste. alle teilnehmerInnen der schreibgruppe erstellen eine liste mit zehn wörtern, die ihnen ganz spontan einfallen. bei allen übungen, die hier vorgeschlagen werden, soll nicht lang nachgedacht werden. dies erreicht man als leiterIn einer schreibgruppe dadurch, dass man den zeitdruck erhöht. das mag sich erst einmal unangenehm anfühlen, verhindert aber das grübeln und bewerten. so kann man zum beispiel beim erstellen der liste vorgeben: „nun das erste wort notieren, jetzt das zweite…“. sind die wörter notiert, wird aus ihnen in einer viertel stunde eine kurze geschichte geschrieben. alle wörter sollten in der geschichte auftauchen. die geschichten werden ohne feedback in der schreibgruppe vorgelesen.

im nächsten schritt kann entweder die idee aus der ersten geschichte verwendet werden oder man nimmt einfach eines der wörter aus der liste und beginnt zehn minuten lang, eine geschichte zu schreiben. diese soll in den zehn minuten nicht beendet werden, der schreibprozess wird nur unterbrochen. denn nach der unterbrechung durch die leiterInnen der schreibgruppe, wird eine entspannungsübung gemacht, zum beispiel zehn minuten autogenes training auf den stühlen sitzend. nach der übung wird sofort weitere zehn minuten an dem text geschrieben. dann wird das schreiben wieder unterbrochen und dieses mal eine assoziationsübung gemacht. zum beispiel geben die leiterInnen ein wort vor und alle schreibgruppenteilnehmerInnen notieren zehn wörter, die sie mit dem begriff assoziieren. nun werden die zwei schönsten jeweils ausgewählt und auf einem flipchart zusammengetragen. dann wird weitergeschrieben an der geschichte, wiederum zehn minuten. bei der nächsten unterbrechung wird draußen ein viertelstündiger spaziergang gemacht. sind alle zurückgekehrt findet das letzte zehnminütige schreibintervall an der geschichte statt. die geschichte soll nun zum abschluss kommen.

anschließend werden die geschichten vorgelesen, es findet eine feedbackrunde statt. und zum abschluss wird diskutiert, ob sich durch die unterbrechungen und den zeitdruck am schreibprozess etwas geändert hat.

die schreibübung mit den unterbrechungen kann beliebig ausgeweitet werden. wichtig ist, dass die aktivitäten zwischen den schreibphasen etwas entspannendes oder ablenkendes bieten. es ist damit zu rechnen, dass dadurch der weg zu intuitiverem schreiben geebnet wird. hundertprozentig nachweisen lässt sich dies sicherlich nicht. aber es wird zumindest recht lebhaft in der schreibgruppe werden 😉

„wie der bauch dem kopf…“ von bas kast – ein buchtipp

wir denken. wir denken die ganze zeit. wir treffen ständig entscheidungen. gerade habe ich die entscheidung getroffen, diesen kleinen text und buchtipp zu schreiben. ich habe entschieden das buch vorstellen zu wollen, habe es vorher gelesen und finde es erwähnenswert. es handelt sich also um eine durchdachte entscheidung. doch noch spannender sind die vielen intuitiven, also unüberlegten und ungeplanten entscheidungen. worauf basieren sie? wie entstehen sie überhaupt? wieso sind sie oft „richtig“? wie viel haben sie mit kreativität zu tun?

diesen fragen wendet sich bas kast in seinem buch „wie der bauch dem kopf hilft – die kraft der intuition“ zu. er greift dabei auf viele studien, untersuchungen, psychologische und neurologische experimente zurück. er versucht, eine erklärung für die trefferquote der intuitiven entscheidungen zu finden. und es gibt sie zuhauf in unserem leben. es scheint so, wie wenn wir viel mehr als bisher vermutet von den eindrücken, die auf unsere sinne einwirken, aufnehmen und abspeichern. sie tummeln sich auf unserer menschlichen festplatte und werden manchmal sehr schnell aktiviert und abgerufen, ohne dass wir darüber nachgedacht haben.

kreativität und kreative menschen schöpfen bei ihren ideen und ausdrücken verstärkt aus dem intuitiven fundus. wenn kreativität dazu dient, bekanntes und erfahrenes, neu zu kombinieren, dann kann dabei natürlich auch auf nicht-bewusst erfahrenes zurückgegriffen werden. das sind dann die erstaunlichen gedanken, mit denen man selber nicht gerechnet hätte. das sind die handlungen und empfindungen, die man sich gar nicht erklären kann, die einem nicht so bewusst sind, die einem aber auch weiterhelfen, ja sogar gutes hervorrufen.

das buch liest sich leicht und angenehm. obwohl auf viele wissenschaftliche erkenntnisse zurückgegriffen wird, ist es sehr verständlich. und es eröffnet den zugang zu einer weiteren dimension des menschlichen handelns. ja, es beschäftigt sich mit den grundlagen der menschlichen kreativität. einzig der starke glaube an die neurowissenschaften ist manchmal ein wenig störend. hier wünscht man sich eine noch etwas kritischere betrachtungsweise. denn die gründe für die ganzen forschungen sind auch nicht uninteressant, ja sie sollen den menschen durchschaubarer machen. schön, dass dies nicht so einfach klappt.

das buch ist in frankfurt 2009 im fischer taschenbuch verlag erschienen und hat die ISBN 978-3-596-17451-5.