Tagesarchiv: 1. Oktober 2010

am rande (08)

lernprozesse, wie es sie in diesem land immer wieder geben sollte, finden momentan statt. es handelt sich dabei um das lernen, dass unsere demokratie nur zu einem gewissen grad die meinung der bürger widerspiegelt. zur zeit kann dies in stuttgart gelernt werden, wenn plötzlich gesittete bürgerInnen vom wasserwerfer aus dem park gefegt werden. dies nur, da ein angeblich „zukunftsträchtiges“ projekt umgesetzt werden soll, hinter dem kaum mehr jemand steht.

man unterschätze nicht die schwäbische sturheit, wenn nicht mehr nachvollziehbar ist, welchen vorteil man aus einem sich ständig um hunderte von millionen verteuernden projekt ziehen kann. gleichzeitig verschwinden alte bäume, thermen sind nicht gesichert, die bodenbeschaffenheit und deren folgen bleiben unklar. ganz abgesehen von der fragwürdigkeit einer trasse nach ulm, die keine große veränderung bringt. da ist die frage berechtigt, ob zukunftsträchtigkeit allein an den summen abzulesen ist.

und eigentlich schließt sich noch eine ganz andere frage an, wenn mit solcher vehemenz gegen den willen der bevölkerung vorgegangen wird: wer hat etwas von der umsetzung? wer verdient an diesem projekt? die antworten auf solche fragen waren schon in whyl, bei der daimler-teststrecke, in wackersdorf, bei der startbahn west, in gorleben oder in den braunkohlerevieren recht eindeutige. nur ein sehr kleiner teil der bevölkerung verdiente und verdient an den projekten. die bevölkerung hat in solchen momenten ein sehr gutes gespür dafür, dass hier etwas schief geht. und seien wir mal ehrlich, die größte partei ist inzwischen die der nichtwähler. das sagt viel über die vier- und fünf-jahres-entscheidungen.

denn stuttgart zeigt noch etwas anderes: unpolitisch ist dieses land eigentlich nicht und nie gewesen, nur über den parlamentarismus fühlen sich viele nicht mehr vertreten.
wer ein wenig sehen will, wie staatsmacht aussieht, der kann den live-stream aus einem baum im schlosspark stuttgart im internet nachhinein betrachten unter: http://bambuser.com/channel/terminal.21/broadcast/1053579

biografisches schreiben und listen als form der selbstbefragung

manchmal häufen sich so viele dringlichkeiten an, dass man sich nicht entscheiden kann, welche man als erstes erledigen soll. versucht man alle gleichzeitig anzupacken, stellt man schnell fest, dass dies zwar gut gemeint ist aber gern im chaos endet. also setzt man sich hin, stellt eine liste auf und sucht nach kriterien der unterscheidung der dringlichkeiten. so kann man dann zwischen „super dringend“, „ganz dringend“, „dringend“, „nicht ganz so dringend“… eine rangfolge erstellen. es können natürlich auch ganz andere kriterien gewählt werden, z.b. „am wenigsten aufwand“, „wenig aufwand“, „geringer aufwand“… .

diese vorgehensweise ist nicht selten der versuch, sich selbst zu „überlisten“, also eine ordnung zu schaffen, die einem das gefühl gibt, alles im griff zu haben. ähnlich sind auch die ganzen listen gemeint, die so durch presse, wissenschaft oder behörden geistern. ordnung und kontrolle. das ranking liegt seit zwei jahrzehnten im trend. angefangen bei den größten arbeitgebern, den besten ärzten, den beliebtesten kitas oder den „in“- und „out“-listen. es scheint, wie wenn dies der versuch sei, das unübersichtliche, und inzwischen auch immer unübersichtler werdende leben, sich wieder an zu eignen.

doch listen können noch eine andere rolle übernehmen. sie können einen helfen, sich selbst zu vergegenwärtigen, welcher sache, welchem gedanken man welche priorität gibt. die liste kann eine form der selbstbefragung sein, die nur mehr aufschluss über die eigene haltung, die eigenen erfahrungen geben soll. natürlich schimmer auch in diesem moment ein aspekt des kontrollierens, des ordnens durch. aber die listen zu meiner vergangenheit und gegenwart erstelle ich meist nur für mich. so kann man sich fragen, wer denn im eigenen leben die besten und wichtigsten freunde waren? oder welches erlebnis war für einen am traumatischsten? die liste wird zu einer form der selbstbefragung.

und die liste kann als vorbereitung oder unterstützung des biografischen schreibens verwendet werden, wie auch die selbstbefragung. Weiterlesen

selbstbefragung (57) – betrug

die fragebögen zur selbstbefragung versuche ich unter rubriken zu bündeln. dieses mal geht es um „betrug„.

  • wann haben sie sich das letzte mal betrogen gefühlt? von wem?
  • sind wir nicht alle ein bisschen korrupt? begründen sie.
  • wo fängt für sie betrug an? beschreiben sie.
  • haben sie ihren partner / ihre partnerin schon einmal betrogen? warum?
  • lernen die kleinen von den großen beim betrug? oder rutscht man vielleicht in eine situation hinein, aus der man nicht mehr rauskommt? was glauben sie?
  • die kleinen hängt man, die großen lässt man laufen – stimmt das bei den betrügereien für sie so?
  • warum fällt ehrlichkeit so schwer? oder ist das für sie nicht so?
  • kennen sie situationen, in denen sie ehrlich waren und dadurch nachteile hatten? beschreiben sie.
  • wenn sie wählen könnten, wen würden sie gern betrügen?
  • wenn sie wählen könnten, wem wären sie gern endlich ehrlich gegenüber?