nabelschau (27)

terror der freiheit oder die verantwortung für die richtige entscheidung. unser leben ist vielfältig, vielschichtig, bunt und vor allen dingen unübersichtlich. am besten zeigen ökologische konzepte oder chaostheoretische überlegungen, dass eine klare linie schwer zu finden ist. denn eigentlich kann man kaum überblicken, welche handlung welchen effekt haben wird. so bietet uns der alltag zwar viele möglichkeiten aber mindestens ebenso viele entscheidungshilfen.

das internet ist einer der besten orte, um sich darin zu verlieren. von link zu link geklickt landet man auf seiten, von denen eine interessanter als die andere ist. doch man hat überhaupt nicht die zeit, die geballten informationen, aufzunehmen, zu analysieren und daraufhin eine umfassende entscheidung zu treffen. je mehr wissen und damit möglichkeiten zur verfügung gestellt werden, um so stärker ist man zur selbstbeschränkung aufgefordert.

gern werden deshalb gewichtige entscheidungen nicht mehr ohne experten getroffen. doch schon gerichtsverfahren zeigen, dass gutachten durch andere gutachten leicht zu widerlegen sind. es gibt keine klarheiten und sicherheiten, die uns experten eindeutig liefern können, auch wenn wir sie gern hätten. doch wie soll man sich in dieser vielfalt noch entscheiden?

der einzelne ist immer häufiger aufgefordert, eine eigene struktur zu entwickeln. das wäre gar nicht so tragisch, würde nicht gleichzeitig gefordert, auch wirklich die richtige entscheidung zu treffen. die natur macht es uns eigentlich anders vor. die natur lebt von einer großen fehlertoleranz. nehme man nur die mutationen in der genetik und im zuge der evolution. mutationen sind plötzliche veränderungen (also „entscheidungen“), die gut gehen können, die einen effekt haben oder auch nicht. dafür finden ständig welche statt, bis sich etwas neues, sinnvolles herausgebildet hat.

aber der mensch hat wenig verständnis für eine größere toleranz. einmal gesagt, einmal getan, einmal entschieden und es ist kaum mehr umkehrbar. viele arbeitsbereiche und sozialen gefüge lassen keine fehler zu. wir bemühen uns beständig perfekt zu sein. schon beinahe ehrenrührig ist es, umzudenken, zu formulieren, dass man sich nun anders entschieden hat, da es einem sinnvoller und logischer erscheint. selbst wenn man sein umdenken eindeutig begründen kann, wird dies vom umfeld eher als problem gesehen.

auf der anderen seite werden die menschen gefeiert, die mit vehemenz vertreten, dass man doch auch mal seine meinung ändern dürfe. oder die eben die konsequenz daraus ziehen, dass ihr umdenken nicht akzeptiert wird. sie werden als charakterstark betrachtet, die zu ihrer meinung stehen, die sich gedanken gemacht haben und eben zu neuen schlüssen kamen. aber auch dies beweist nur, dass umdenken nicht als „normale“, „sinnvolle“ handlung gesehen wird. dabei ist eine unübersichtliche welt wahrscheinlich nur über einen beständigen diskurs und eine weiterentwicklung zu erfassen.

so unterliegen wir alle dem terror der freiheit zur unbedingt richtigen entscheidung. möchte man sich dem terror entziehen, dann bedarf es schon eines großen selbstbewusstsein, eigene entscheidungen hinterfragen zu lassen. es scheint mir aber mehr als angeraten, denn eine meinungsänderung stellt eigentlich noch nicht meine ganze person in frage.

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