biografisches schreiben und loslassen

beim biografischen schreiben bekommt „das loslassen“ eine ganz andere bedeutung. natürlich geht es auch beim schreibprozess zur eigenen lebensgeschichte darum, die texte und geschichten loszulassen. doch hier steht diese entscheidung nicht im vordergrund, da oft nur für sich selber geschrieben wird, ganz klar ist, dass die intimsten details des eigenen lebens nicht für andere bestimmt sind.

bei aufschreiben der eigenen biografie stellt sich eher die frage, wann musste man was oder wen in seinem leben loslassen? eine frage, die meist nicht leicht fällt, ebenso wie das damalige loslassen schwer fiel. allein der begriff „loslassen“ beinhaltet ja schon, dass man etwas festhält. ursache scheint das festhalten an vorstellungen zu sein, die man während der eigenen entwicklung irgendwann über den haufen wirft. dabei kann es die vorstellung eines lebensziels sein oder die vorstellung von einer beziehung zu einem bestimmten menschen. es kann aber auch die idee sein, dass gerade alles ganz in ordnung ist und sich nichts ändern sollte.

aber das leben an sich ist tückisch und basiert auf dem prinzip des kommen und gehens. da der mensch fähig ist, darüber zu reflektieren, kann die erkenntnis darüber (zum beispiel beim tod eines geliebten menschen) eine erschreckende sein. denn sie führt einem neben dem jähen ende eines kontaktes zu dem gedanken, dass das eigene leben ein begrenztes ist, und eben ein veränderliches. welchen umgang soll man denn damit finden, wenn es keine vorhersagen gibt, keine kontrolle, über das eintreten der ereignisse.

zum einen kann dem der mensch mit gelassenheit begegnen, also als wissender, der nicht ganz so überrascht auf zufällige veränderungen reagiert. aber trotzdem kann mit großer wahrscheinlichkeit niemand vorher sagen, wie sehr ihn ein verlust trifft. die erste reaktion vieler ist der versuch, das vergehende festzuhalten. doch zum loslassen gehört die vorstellung oder auch ohnmacht, vieles nicht festhalten zu können. (im gegensatz zu veränderungen durch einen gewinn, die man gern festhält und verstetigen möchte.)

beim biografischen schreiben werden alle schreiberInnen irgendwann mit ihren verlusterfahrungen und ihrer verlustängsten konfrontiert. wir wären keine menschen, würden wir diese erlebnisse nicht machen. wir setzen uns in beziehung zu anderen dingen und menschen und ab diesem moment bauen wir bindungen auf. diese können unterbrochen werden oder wir unterbrechen sie. das schreiben bietet eine gute möglichkeit, die erfahrungen noch einmal zu durchleben, aber auch zu verarbeiten.

wenn ich mir meiner veränderungen und den veränderungen meiner lebenswelt bewusst werde, dann kann ich einen umgang damit finden. in ein zeitmaß lassen sich die verarbeitungsformen nicht pressen, jedoch in worte. das geschriebene führt mir noch einmal alles vor augen und eröffnet oft während des aufschreibens neue perspektiven. biografisches schreiben ist untrennbar mit dem loslassen der vergangenheit verbunden. eigentlich ein schöner effekt.

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