Monatsarchiv: Oktober 2010

internet und anpassung

ja, das netz wird kundenfreundlicher. manche homepages, blogs und chats lassen sich immer leichter bedienen. doch dies verschleiert den effekt im hintergrund: sie lassen sich immer leichter bedienen, da sich immer mehr menschen mit den abläufen im netz auskennen und die programme, die den netzbesuch steuern, immer komplexer sind. in der bedienung der oberfläche lassen sich manche vereinfachungen finden. und neben der beschleunigung der übertragungsraten lassen sich so etliche tätigkeiten im laufe der letzten jahre im web immer leichter durchführen.

aber, und dies ist eher eine bedenkliche entwicklung, die vielfalt der ständig wachsenden zahl von programmen und kleinstprogrammen, verlangt eine vielzahl von einstellungen, von vorgehensweisen und von wissen über die möglichkeiten. es bleibt dabei, der mensch passt sich eher der technik an, als dass die technik sich dem menschen anpasst. und dies in einer technologie, auf die inzwischen beinahe jeder in den industrialisierten ländern der welt angewiesen ist. das paradoxe an der situation ist, dass zwar die prozesse einfacher werden, gleichzeitig aber der markt mit unterschiedlichen anwendungen überschwemmt wird. dass also für einfachheit zu zahlen ist. das erinnert ein wenig an die steuererklärung, die dann am besten gelingt, wenn man einen steuerberater dafür bezahlt, dass er etwas erledigt, was jeder braucht, möchte er dem staat nicht geld schenken oder säumig bleiben.

es fehlt also eine technologie aus einem guss, die all das kann, was ich benötige. Weiterlesen

Werbeanzeigen

web 2.43 – functionalfate.org

die warmen tage sind vorbei. in den nächsten tagen breitet sich langsam der nachtfrost über dem land aus, laubenpieper verlassen ihre sommerunterkünfte, die gartenmöbel werden in schuppen, auf dachböden oder in kammern verstaut. die restaurants lösen ihre außenbewirtschaftung auf oder bauen zelte drumrum, wie in berlin. auch die strandbars schließen, die campingplätze leeren sich und der angler besucht seltener sein jagdgewässer.

in den kalten monaten verschwindet ein detail mehr und mehr aus der landschaft, tritt den rückzug an. ein möbel, ein stuhl. wir kennen ihn alle, die billigvariante der sitzgeräte: der monobloc-stuhl. es ist dieser stapelbare plaste-stuhl, der meist ab dem frühling weiß wie überdimensionale gänseblümchen in grünen zonen aufblüht. und es gibt einen experten für diesen stuhl: jens thiel. er sucht über das internet in der ganzen welt nach zeugnissen dieses globalisierungsmöbels.

jens thiel hat viel entdeckt. dabei treten dann solch seltsame erscheinungen zu tage, wie gestrickte überzüge für plaststühle. oder eben verschiedene regionen der welt in verschiedenen kulturkreisen, die sich dieses praktischen möbels bedienen. denn neben der preiswerten produktion und der stapelbarkeit, ist dieses plasteprodukt recht wetterbeständig. einzig starke stürme können ihn leicht durch die landschaft tragen, aber alle anderen witterungsbedingungen können ihm lange nichts anhaben.

schön muss man den stuhl nicht finden, wie auch schon der name „monobloc“ nicht unbedingt eine heimelige atmosphäre entstehen lässt. aber jeder kennt ihn. neben dem billy-regal handelt es sich dabei wahrscheinlich um einen ausdruck moderner zeiten im möbelsegment. schön kann man aber die homepage finden, da allein die vielfalt der funde und entdeckungen ein humorvolles bild ergeben. das ist nicht das anliegen von jens thiel, ihm geht es um funktionales design, aber ein schmunzeln wird niemand unterdrücken können. einsicht gibt folgende seite: http://www.functionalfate.org . sitz!

liste (04) – fuck it

wer lust hat, kann sich diese seite ausdrucken und ausfüllen. ich schlage listen vor, die einem vielleicht einen überblick zu verschiedenen themen der eigenen lebensgeschichte geben können. dieses mal geht es um „fuck it„.

dinge, menschen, verhaltensweisen, die ich auf alle fälle loslassen möchte, da sie mich nur einschränken:

dinge, menschen, verhaltensweisen, die mich glücklich machen:

warum sage ich so selten „fuck it!“? hier ein paar „gute“ gründe:

und hier die abgründe, in denen ich stecke:

„fuck it!“ von john c. parkin – ein buchtipp

kurz, griffig und direkt ist der titel des buches ein eyecatcher. das f***-wort ohne hemmungen verwendet spricht zum einen die sex-sells-haltung als auch die scheissegal-haltung an. das buch konzentriert sich auf zweitere. doch das würde dem buch nicht gerecht werden. john c. parkin möchte mit seinem buch sehr viel mehr. der vollständige titel lautet: „fuck it! – loslassen entspannen glücklich sein“ und reiht sich in die ratgeber ein, die das leben ein wenig leichter machen wollen.

alles in allem glückt das dem buch. denn es greift den gedanken auf, dass wir uns zwar alle nach bestem wissen und gewissen ohne ende bemühen, doch damit allen lebensbereichen zu viel bedeutung geben. alles was wir heute tun ist bedeutungsvoll und nicht selten weit weg von dem, das wir tun wollen. um sich von all den lebenskompromissen, die man so eingeht, zu verabschieden, empfiehlt parkin ein lautes „fuck it!“ von sich zu geben. oder wie es über einem kapitel geschrieben steht: „wir sagen fuckt it, wenn wir aufhören, dinge zu tun, die wir nicht tun wollen“.

in der folge fordert der autor dazu auf zum beispiel zur „richtigen ernährung“, zu beziehungen, zu krankheiten und schmerz, zu geld, zum wetter, zu selbstkontrolle und disziplin, zur angst oder auch dazu, eine friedliche person zu sein, „fuck it!“ zu sagen. es werden erst all die erwartungen und regeln demontiert, die einen von den wirklich wichtigen dingen abhalten, um dann das loslassen mit diversen entspannungstechniken zu erleichtern. denn der mensch neigt schnell zu schlechtem gewissen, wenn er den vorgegebenen rahmen verlässt. das hindert ihn aber am glücklich sein, so weit sich dies überhaupt verallgemeinern lässt. also tief durchatmen, fuck it sagen, loslassen, annehmen und eben glücklich sein.

das klingt hübsch, eher spielerisch und leichter geschrieben als getan, doch man kann sich den gedanken des autors nicht ganz entziehen. wer kennt nicht die frage: „wozu mache ich das eigentlich alles“? es bleibt eine berechtigte frage, auch wenn sie tagtäglich von vielen menschen gestellt wird. eine alternative kann da sicherlich größere gelassenheit sein. doch es geht eben nicht um die „scheissegal“-haltung, wie oben vermutet. es geht um eine konzentration auf den genuß und auf das, was sich gut anfühlt. na dann, einfach lesen und sich nur nicht zu viele gedanken danach machen. einfach sein 😮 .

das buch ist im ariston verlag, der zu random house gehört, 2010 erschienen. ISBN 978-3-424-20030-0 , homepage: http://www.thefuckitway.com/

schriftstellerInnen übers schreiben – ein lesetipp

einer der schönen züge der süddeutschen zeitung ist es, dass sie sowohl im feuilleton als auch im magazin in unregelmäßigen abständen den schreibprozess in artikeln betrachtet. gestern ist das neue magazin erschienen und bietet einen kleinen einblick in das schreibverhalten berühmter schriftstellerInnen.

eingebettet in ein interessantes interview mit haruki murakami (siehe http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/34749 ) finden sich im sz-magazin schreibtipps von margaret atwood, jonathan franzen, joyce carol oates, zadie smith und neil gaiman. siehe: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/34780 .so verschieden die tipps, so verschieden sind auch ihre bücher. und doch geben die schreibtipps vor allen dingen eines wieder, warnungen vor zu hohen ansprüchen und zu perfekten erwartungen, bevor man überhaupt angefangen hat zu schreiben.

es entsteht durch die kurzen und knackigen statements einfach ein bunter strauss an tipps zum schreibprozess, aus dem man sich das wählen kann, was einem selber am meisten zu schaffen macht. gleichzeitig kann man feststellen, dass es einfach kein allerweltsrezept für schriftlichen erfolg gibt, außer vielleicht der hinweis, schreiben sei einfach arbeit. dies wird bei leserInnen selten so gesehen, da kreativität weiter als glücksmoment verkauft wird.

auf dem homepage des magazins äußern sich deutsche autorInnen (roger willemsen, harriet köhler und tanja dückers) über ihren zugang zum schreiben, geben sie tipps. zu finden sind die unter: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/34780/3/1 . und dann ran an die stifte und tastaturen, einfach mal ausprobieren 😀

schreibidee (181)

soziale netze oder gesellschaften benötigen regeln, um alle internen prozesse aufeinander abzustimmen und in eine ordnung zu überführen. aber irgendwann können gruppen und netze den sinn der regeln aus den augen verlieren und sich selber immer mehr gegenseitig einschränken. die regelwut wird zu einem selbstläufer, der nicht mehr zu stoppen scheint. da wir momentan anscheinend in einer gesellschaft leben, die sich immer stärker bürokratisiert und beregelt kann es spaß machen einmal texte der „selbstbefreiung und verantwortungslosigkeit“ zu schreiben.

da die beiden begriffe selbstbefreiung und verantwortungslosigkeit sehr subjektive sind und von jedem menschen anders verstanden werden, macht es sinn, die schreibidee mit einem cluster zum begriff „verantwortunglos“ durch die teilnehmer zu starten. aus dem cluster ist der zweig auszuwählen, der einen jeweils am meisten in dem moment anspricht. nun wird eine geschichte geschrieben, die diesen zweig aufgreift. die geschichten werden sich gegenseitig vorgelesen.

mit großer wahrscheinlichkeit wird in etlichen oder allen texten die verantwortungslosigkeit verurteilt. doch selbst wenn dies nicht der fall ist, fordert man alle schreibgruppenteilnehmerInnen auf, einen text zu verfassen, der die verantwortunglosen aspekte der geschichte nicht sanktioniert oder negativ bewertet, sondern das recht auf verantwortungsloses bestärkt. es dürfen geschichten mit egoistischem oder subversivem charakter entstehen. die texte werden sie wieder gegenseitig vorgetragen. dieses mal soll ein feedback gegeben werden, das beurteilt, wie positiv das verantwortungslose wirkt.

im letzten schritt werden nun von teilnehmerInnen texte verfasst, in denen sie selber sich weigern die verantwortung für etwas, eine situation oder einen anderen menschen zu übernehmen. diese geschichten sollten ohne schlechtes gewissen verfasst werden. anders formuliert, alle dürfen sich einmal austoben, jegliche regeln und moral in ihrer geschichte über den haufen zu werfen. wenn die geschichte fertig ist, sollte noch fünf minuten lang ein fokussiertes freewriting stattfinden, das sich damit beschäftigt, wie es war so eine verantwortungslose geschichte zu schreiben. anschließend werden die geschichten vorgelesen (aber nicht das freewriting) und ein ganz normales feedback gegeben.

schreibpädagogik und die richtigen momente

schreibgruppen anzuleiten orientiert sich an vorstellungen der gruppenpädagogik und der gruppendynamik, da sich die gruppen nicht sehr von anderen in ihren abläufen unterscheiden. und doch unterscheiden sich verschiedene gruppen in kleinen details. es ist schwer diese differenzen klar einzugrenzen.

in sportgruppen wäre sicher die angemessene motivation für außergewöhnliche körperliche leistungen ein wichtiger aspekt. bei politischen gruppen scheint die diskursfähigkeit wichtig. so ließe sich die liste fortsetzen. doch was unterscheidet schreibgruppen von anderen gruppen in der anleitung? eine der grundlagen von schreibgruppen ist die kreativität. sie kann weder durch motivationen noch durch diskurse oder andere vorgehensweisen aktiviert werden.

schreibgruppenleitung benötigt dagegen ein gespür für die „richtigen momente„. es ist schwer zu umschreiben, was ich damit meine. am besten scheint mir der vergleich mit empathie, soll heißen einem einfühlungsvermögen für das vermögen und die stimmung der teilnehmerInnen. das ist schwer zu beschreiben und wahrscheinlich auch eine übungssache. es scheint notwendig zu merken, wenn eine schreibübung auf wenig interesse stößt oder außergewöhnliche texte entstanden sind.

dazu gehört ein repertoire, das es ermöglicht die impulse aus der gruppe aufzugreifen und fortzuführen. wenn sich eine schreibgruppe in regelmäßigen abständen trifft, kann man zum beispiel schreibideen anbieten, die vorherige entwicklungen fortführen. es macht keinen sinn, die gruppe beständig zu deuten, prozesse für sich zu erklären. wichtiger scheint es, die momente einer kreativ-produktiven entwicklung zu erkennen und durch nachfragen den anregungen näher zu kommen.

dabei meine ich kein normales abschlussfeedback zum gruppentreffen, sondern eine unterbrechung einzufügen (die von den teilnehmerInnen gar nicht so wahrgenommen werden muss) und texte, ideen oder anregungen durch die teilnehmerInnen aufzugreifen. man kann dann aber nur fragen, ob die gruppe auch ein interesse daran hat, die entwicklung fortzuführen.

doch woran erkennt man nun diese richtigen momente? Weiterlesen

selbstbefragung (59) – geiz

die fragebögen zur selbstbefragung versuche ich unter rubriken zu bündeln. dieses mal geht es um „geiz„.

  • würden sie sich als geizig bezeichnen? warum?
  • wo endet für sie sparsamkeit und wo beginnt geiz? beschreiben sie.
  • für was sparen sie gerade?
  • was war die größte verschwendung in ihrem leben?
  • wie würde ein leben in saus´und braus für sie aussehen? beschreiben sie.
  • warum leben sie es nicht?
  • haben sie geld angelegt? wenn ja, wieviel und wofür?
  • ihr bester freund, ihre beste freundin würde sie um einen kredit von 10 000 euro bitten – wären sie bereit zu helfen?
  • wem gönnen sie den reichtum nicht? benennen sie.
  • was ist die größte bedrohung für ihre finanzielle absicherung? wie begegnen sie ihr? warum glauben sie, sich absichern zu können?

liste (03) – falsche entscheidungen

wer lust hat, kann sich diese seite ausdrucken und ausfüllen. ich schlage listen vor, die einem vielleicht einen überblick zu verschiedenen themen der eigenen lebensgeschichte geben können. dieses mal geht es um „falsche entscheidungen„.

entscheidungen, die im nachhinein ein fehler waren:

entscheidungen, die zu spät getroffen wurden:

meine größten fehler (der größe nach sortiert):

eigene fehler, mit denen ich gut leben kann:

fehler anderer, die mir unverzeihlich scheinen (nach härtegrad sortiert):

nabelschau (27)

terror der freiheit oder die verantwortung für die richtige entscheidung. unser leben ist vielfältig, vielschichtig, bunt und vor allen dingen unübersichtlich. am besten zeigen ökologische konzepte oder chaostheoretische überlegungen, dass eine klare linie schwer zu finden ist. denn eigentlich kann man kaum überblicken, welche handlung welchen effekt haben wird. so bietet uns der alltag zwar viele möglichkeiten aber mindestens ebenso viele entscheidungshilfen.

das internet ist einer der besten orte, um sich darin zu verlieren. von link zu link geklickt landet man auf seiten, von denen eine interessanter als die andere ist. doch man hat überhaupt nicht die zeit, die geballten informationen, aufzunehmen, zu analysieren und daraufhin eine umfassende entscheidung zu treffen. je mehr wissen und damit möglichkeiten zur verfügung gestellt werden, um so stärker ist man zur selbstbeschränkung aufgefordert.

gern werden deshalb gewichtige entscheidungen nicht mehr ohne experten getroffen. doch schon gerichtsverfahren zeigen, dass gutachten durch andere gutachten leicht zu widerlegen sind. es gibt keine klarheiten und sicherheiten, die uns experten eindeutig liefern können, auch wenn wir sie gern hätten. doch wie soll man sich in dieser vielfalt noch entscheiden?

Weiterlesen

schreibidee (180)

ist die freiheit stark beschränkt, dann kommt meist die norm zum tragen. soll heißen, es wird vorgegeben, was, wie zu gestalten ist, wie handlungen aus zu sehen haben. das kann sicherheit vermitteln, denn man weiß, was man hat. es kann aber auch als große einschränkung erfahren werden. beide erfahrungen dürfen bei dieser schreibidee eine rolle spielen. es geht um „texte der normierung„, die verfasst und betrachtet werden sollen.

als einstieg wird in der schreibgruppe von den teilnehmerInnen gesammelt, welche formen der normierung bekannt sind. dabei können die din-maßstäbe benannt werden, die mode, formen des qualitätsmanagements, die handelsklassen und vieles mehr. man erinnere sich an die euro-gurke und die euro-banane. im anschluss wird ein kurzes beispiel für eine din-verordnung vorgelesen. nun wählen sich die teilnehmerInnen einen gegenstand aus, für den sie einen „normierungs-text“ verfassen. die texte werden ohne feedback gegenseitig vorgetragen.

als nächstes wählen sich alle jeweils einen gegenstand oder eine angelegenheit, die eigentlich nicht normiert werden können (zum beispiel gefühle, zufällige ereignisse, …). beim kreativen schreiben sollen die vorstellungen vom schwer fassbaren überwunden werden und einfach eine norm erstellt werden. die entstandenen texte werden nicht vorgetragen, bilden sie doch nur eine fingerübung für den folgenden text.

denn als nächstes werden alle schreibgruppenteilnehmerInnen aufgefordert eine din-verordnung für „liebe“ zu verfassen. wie diese verordnung ausfällt bleibt allen überlassen. es kann zum beispiel zwischen der din 01 und der din 08/15 liebe unterschieden werden. es kann aber auch in der din-norm klar ausformuliert werden, wie liebe generell zu gestalten und zu leben ist. ja, es können sogar kontrollinstrumenten für das einhalten der din-norm erfunden werden. diese texte der normierung von liebe werden im anschluss in der schreibgruppe vorgestellt und es wird ein feedback gegeben.

biografisches schreiben und freiheit

freiheit ist ein weiter begriff. es gibt keine eindeutigen und klaren definitionen, was denn unter freiheit zu verstehen ist. außerdem ist zu unterscheiden zwischen gesellschaftlichen voraussetzungen, die freiheiten zulassen, und dem persönlichen denken, wie frei man sich fühlt. denn selbst in gesellschaften, die eine menge freiheiten geben, kann der einzelne das gefühl haben, eingeengt und fremdbestimmt zu sein.

zur subjektiven vorstellung von freiheit gehört eben die lebensgeschichte. welche erfahrungen von freiheit habe ich denn im laufe meiner lebens gemacht? wie weit wurde mir vermittelt, dass ich über viele aspekte meines lebens selbst bestimmen kann? durfte ich als kind die erfahrung relativer freiheit machen? bin ich menschen begegnet, die ein leben abseits vieler konventionen und regeln führten, und beeindruckten mich die menschen?

der mensch ist ein zwiespältiges wesen. zum einen strebt er hohe freiheitsgrade an, wenn sie ihm möglich erscheinen. doch er möchte nicht allein in der welt stehen. so kann eine vielzahl von entscheidungsoptionen auch angst verursachen. die wortwörtliche „qual der wahl“ kommt hier zum tragen. nicht selten fehlen anhaltspunkte ob derer entscheidungen getroffen werden können. so begrüssen viele eine struktur, die ihnen vermittelt und vorgegeben ist. andere wiederum gestalten ihre freiheit auf kosten weiterer mitmenschen. und generell bleiben wir soziale wesen, die auf kontakt zu anderen menschen angewiesen sind. so ist freiheit ohne lebensgeschichte und kontext nicht benennbar.

das biografische schreiben bietet hier eine gute möglichkeit, sich seinem eigenen, ganz persönlichen freiheitsbegriff anzunähern. man kann sich beim notieren der eigenen lebensgeschichte fragen: in welchen momenten fühlte ich mich zu sehr eingeschränkt? wann habe ich mich eventuell selber eingeschränkt? habe ich inzwischen eine form für mich gefunden, die vielen meiner bedürfnisse nahe kommt und die mir viele selbstständige entscheidungen ermöglicht? Weiterlesen

„die kunst, frei zu sein“ von tom hodgkinson – ein buchtipp

was für ein hoher anspruch im titel des buches. „frei sein“, eine wendung, die jeder mensch woanders verorten würde. doch es gibt gemeinsamkeiten, die wir in den industrieländern wahrscheinlich teilen, die uns daran hindern, sich frei zu fühlen. ein beispiel ist in den letzten posts angesprochen worden, die zeitknappheit unter der viele leiden. hodgkinson hatte sich in seinem buch „anleitung zum müßiggang“, das hier auch schon vorgestellt wurde, diesem thema gewidmet.

das neue buch von tom hodgkinson, „die kunst, frei zu sein – handbuch für ein schönes leben„, ist die konsequente fortsetzung des vorherigen buches. wenn ich einmal anfange festzustellen, dass mir ständig zeit gestohlen wird, stellt sich unweigerlich die frage, was raubt mir eigentlich diese lebensgrundlage. geht man nun schritt für schritt weiter, bekommt man einen blick für die inzwischen gesellschaftlich verordneten korsetts, denen schwer zu entgehen ist. hodgkinson stellt sich ihnen in seinem buch und versucht sich in einem alternativen leben. das ist nichts neues, „downshifting“, „entschleunigung“ und dergleichen mehr sind schon länger angesagt.

doch hodgkinson geht noch weiter. er schaut genau hin, welche lebenskonzepte ihn beständig einschränken, eigentlich dem zu folgen, was ihm spaß macht und für ihn lebensqualität ausmacht. er findet viele dinge. angefangen bei staatlichen verordnungen, banken und krediten, arbeitsverhältnissen, nahrungsmitteln bis zu schuldbewusstsein und erziehungskonzepten. er versucht sich dagegen zu wehren und wirft bei den schilderungen alternativer möglichkeiten immer einen blick zurück, meist ins mittelalter. denn dort haben seiner ansicht nach und der nach der meinung etlicher historiker, viel entspanntere lebensvorstellungen geherrscht. erst mit dem aufkommen puritanistischer, religiös unterfütterter vorstellungen, legte sich der mensch immer mehr korsetts an.

letztendlich landet der autor bei einem anarchischen lebensprinzip, das möglichst viel freiheit verwirklichen soll, das zwar manche einschränkung fordert dafür aber emotionalen reichtum bietet. teilweise klingt das leichter geschrieben als getan, aber der logik des buches kann man sich schwer entziehen. das buch bedient die vorstellung, dass es ja so nicht für immer weitergehen kann. es bietet anregungen, sich der fremdbestimmung stück für stück zu entziehen, kooperativere und solidarischere lebenskonzepte wieder zu verwirklichen und vor allen dingen wieder mehr spaß zu haben. das buch liest sich flüssig und angenehm und regt auf alle fälle zum weiterdenken an, wenn nicht zum umkrempeln des eigenen lebens. und man kann sich nach der lektüre sicher sein, man ist nicht allein mit dem wunsch nach mehr selbstverfügung über die lebensbedingungen. lesenswert.

das buch ist bei heyne 2009 als taschenbuch in münchen und als hardcover bei rogner & bernhard 2007 in berlin erschienen. ISBN 978-3-453-63004-8 (taschenbuch)

liste (02) – zeitfresser

wer lust hat, kann sich diese seite ausdrucken und ausfüllen. ich schlage listen vor, die einem vielleicht einen überblick zu verschiedenen themen der eigenen lebensgeschichte geben können. dieses mal geht es um „zeitfresser„.

welche dinge hat man in den letzten zwölf monaten verpasst, da keine zeit für sie übrig war? bitte nach abnehmender bedeutung sortieren:

welches waren die größten zeitfresser (also die dingen, denen man ungern so viel zeit zur verfügung stellen wollte) in den letzten zwölf monaten?

das frass die meiste zeit in meinem leben:

fünf strategien, die ich im laufe meines lebens den zeitfressern entgegengesetzt habe, nach effektivität aufgelistet:

kreatives schreiben und zeitmanagement

workshops, fortbildungen und bücher sollen heute allen helfen, den umgang mit den 24 stunden, die einem pro tag zur verfügung stehen, effektiv und richtig zu gestalten. das zauberwort lautet „zeitmanagement“. selten wird hinterfragt, weshalb so etwas überhaupt notwendig wird. sind die menschen früher gedankenloser mit ihrer zeit umgegangen? sicherlich nicht, aber sie hatten klarere strukturen. der tag war durch die festen arbeitszeiten unterteilt, der rest nannte sich „frei“zeit. davon kann heute in vielen berufen nicht mehr die rede sein. die flexibilisierung der arbeitszeiten und -verhältnisse hat erst so etwas wie zeitmanagement notwendig gemacht.

dies bedeutet jedoch, dass der einzelne unter vorgegebenen gesellschaftlichen und kapitalistischen bedingungen, sein zeitkontingent zu managen hat. dabei kann er aber wenig an den bedingungen ändern. und je schwieriger die trennung von arbeits- und freizeit fällt, desto schwerer wird auch die kontinuierliche verfolgung eines hobbys. kreatives schreiben lebt aber auch von seiner regelmäßigen verwirklichung. ich habe hier schon öfter die möglichkeiten der kurzen und schnellen schreibübungen und schreibeinstiege gezeigt. doch wie soll man nun die dabei entstandenen ideen in ausführlicher schreibprozesse überführen? wie lässt sich dies in das eigene zeitmanagement einpassen?

so fürchterlich das klingen mag, aber um selbstdisziplin kommt der mensch in solchen momenten nicht herum. selbstdisziplin erscheint ein widerspruch zum spielerischen schreiben zu sein, das eben nicht auf leistung ausgerichtet ist. meiner ansicht nach hat man zwei möglichkeiten der selbstdisziplin: Weiterlesen

schreibidee (179)

wenn ich hier gerade schon auf dem listentripp bin, dann kann dies ja auch in eine schreibidee münden. denn listen liefern stichworte. stichworte aus denen geschichten entstehen können. oder ein stichwort liefert den anlass für einen text. oder eine reihenfolge, ein ranking bietet stoff für einen autobiografische betrachtung. darum dieses mal die schreibidee zu einer „listen-geschichte„.

die teilnehmerInnen der schreibgruppe notieren zu beginn die für sie persönlich fünf wichtigsten zutaten, die sie gern in einer schönen geschichte hätten:

dies können gegenstände, figuren, handlungen oder atmosphären sein. dabei soll es nicht um stilistische mittel oder genres gehen, sondern wirklich um „zutaten“.
nachdem diese notiert wurden, werden sie reihum vorgestellt in der schreibgruppe. anschließend können alle teilnehmerInnen ihre listen noch einmal überarbeiten und wenn sie wollen verändern, indem sie ideen von anderen teilnehmerInnen aufgreifen oder verändern.

nun schreiben alle für sich eine geschichte mit diesen fünf zutaten, die sie aufgelistet haben. anschließend geben sie jeweils ihre liste an die nachbarInnen zu ihrer linken seite weiter. jetzt schreiben alle teilnehmerInnen noch eine geschichte zu den neuen zutaten, die sie erhalten haben. zum abschluss werden die beiden geschichten, die zu einer zutaten-liste geschrieben wurden nacheinander vorgelesen und es wird feedback gegeben. dabei soll das augenmerk auf die verschiedenheit der umsetzung gelenkt werden. es zeigt, wie groß die unterschiede allein bei fünf zutaten zu einer geschichte sein können.

diese listen-geschichten lassen sich vielfältig variieren. so können die listen auf bestimmte wortgruppen begrenzt werden, es können protagonisten aufgelistet werden, es können die fünf wichtigsten sätze im vorfeld notiert werden und dann geschichten drumrum gebaut werden… listen bieten einfach einen guten einstieg in eine schreibübung.

liste (01) – freundschaft

wer lust hat, kann sich diese seite ausdrucken und ausfüllen. ich schlage listen vor, die einem vielleicht einen überblick zu verschiedenen themen der eigenen lebensgeschichte geben können. dieses mal geht es um „freundschaft„.

was für mich zu einer guten freundschaft dazu gehört:

meine aktuellen besten freundInnen

meine schönsten freundschaften bisher und was sie ausgezeichnet hat:

mit wem ich immer befreundet sein wollte, aber bisher klappte es nicht:

selbstbefragung (58) – spontaneität

die fragebögen zur selbstbefragung versuche ich unter rubriken zu bündeln. dieses mal geht es um „spontaneität„.

  • mögen sie spontane entscheidung bei sich selbst und bei anderen? begründen sie.
  • was verstehen sie unter spontaneität? beschreiben sie.
  • wann waren sie das letzte mal spontan?
  • hat es sich gut angefühlt? warum?
  • ab wann wird für sie spontaneität rücksichtslos? wie reagieren sie dann?
  • glauben sie, dass man im laufe seines lebens an spontaneität verliert? warum?
  • der sachzwang ist der gegenspieler der spontaneität. welche sachzwänge finden sie für sich persönlich am schlimmsten?
  • was war ihre letzte ausrede, um nicht spontan sein zu müssen, als ihr eigener impuls ihnen angst machte?
  • was würden sie jetzt gern spontan machen? warum machen sie es nicht?
  • welcher mensch ist für sie ein vorbild aufgrund seiner ansteckenden spontaneität?

„ich frage mich“ von janne mathis eick – ein buchtipp

der trend zum selbstbefragungsbuch neben den lebensratgebern befindet sich noch in den startlöchern. doch die vergewisserung über die eigene situation ist eigentlich voraussetzung, um dann einen rat anwenden zu können oder eine veränderung im leben vor zu nehmen. hilfreich ist es da, schwarz auf weiß vor augen zu haben, wie es um einen steht.

diese möglichkeit bietet das buch „ich frage mich – was ich schon immer von mir wissen wollte* – *auch wenn ich vorher noch nicht wusste, dass ich es wissen wollte, also, äh … egal“ von janne mathis eick. dieses buch besteht ausschließlich aus auszufüllenden listen, durchsetzt von ein paar einzelfragen und ankreuzbaren „multiple-choice“-listen. die listen wurden sortiert nach kategorien wie „unter menschen“, „zu hause“, „arbeit“ oder „sex“.

192 seiten listen können einen schon eine zeitlang beschäftigen. es lohnt sich, einen blick in das buch zu werfen, denn die fantasie bei der erstellung der fragen zu den listen war groß. dabei werden so ernsthafte fragen gestellt, wie „was die emanzipation tatsächlich geleistet und bewegt hat:“. es können nun fünf punkte eingetragen werden. im vor oder nachfeld kann auch überlegt werden, warum es besser sei eine frau oder ein mann zu sein. fragen, die man nur in diskussionen beantwortet, aber sicher im vorfeld nicht ausführlich durchdacht hat. das buch ist also eine hübsche anregung.

leider gibt es ein manko, das sich im titel schon widerspiegelt: bei etlichen fragestellungen versucht das buch krampfhaft witzig zu sein. das geht meiner ansicht nach eher nach hinten los. da frage ich mich schon, warum eine auseinandersetzung mit sich selber immer wieder entschärft werden muss, damit sie nur nicht zu ernst daher kommt. so gibt es zum beispiel die suche nach fünf punkten zu der frage „fünf ideen, wie ich die flasche billigsekt vom kiosk als geburtstagsgeschenk verschönern kann, ohne dass es peinlich wird“. hier wäre mir die vorgabe „fünf peinliche gründe, weshalb ich zu geburtstagen eigentlich immer wieder billigsekt vom kiosk mitbringe“.
das dilemma dieser frageweise steckt darin, dass schon eine lebenseinstellung und wertung mittransportiert wird und durch die erstellung der liste auch nicht mehr wett gemacht werden kann. schade.

trotzdem lohnt sich meiner ansicht nach ein blick in das buch, da es viele anregungen für eine ernsthafte auseinandersetzung mit leben und lieben bietet. es gibt noch genug listen, die einer beantwortung lohnen. das buch ist 2010 bei rororo in reinbek bei hamburg erschienen. ISBN 978-3-499-62621-0

am rande (08)

lernprozesse, wie es sie in diesem land immer wieder geben sollte, finden momentan statt. es handelt sich dabei um das lernen, dass unsere demokratie nur zu einem gewissen grad die meinung der bürger widerspiegelt. zur zeit kann dies in stuttgart gelernt werden, wenn plötzlich gesittete bürgerInnen vom wasserwerfer aus dem park gefegt werden. dies nur, da ein angeblich „zukunftsträchtiges“ projekt umgesetzt werden soll, hinter dem kaum mehr jemand steht.

man unterschätze nicht die schwäbische sturheit, wenn nicht mehr nachvollziehbar ist, welchen vorteil man aus einem sich ständig um hunderte von millionen verteuernden projekt ziehen kann. gleichzeitig verschwinden alte bäume, thermen sind nicht gesichert, die bodenbeschaffenheit und deren folgen bleiben unklar. ganz abgesehen von der fragwürdigkeit einer trasse nach ulm, die keine große veränderung bringt. da ist die frage berechtigt, ob zukunftsträchtigkeit allein an den summen abzulesen ist.

und eigentlich schließt sich noch eine ganz andere frage an, wenn mit solcher vehemenz gegen den willen der bevölkerung vorgegangen wird: wer hat etwas von der umsetzung? wer verdient an diesem projekt? die antworten auf solche fragen waren schon in whyl, bei der daimler-teststrecke, in wackersdorf, bei der startbahn west, in gorleben oder in den braunkohlerevieren recht eindeutige. nur ein sehr kleiner teil der bevölkerung verdiente und verdient an den projekten. die bevölkerung hat in solchen momenten ein sehr gutes gespür dafür, dass hier etwas schief geht. und seien wir mal ehrlich, die größte partei ist inzwischen die der nichtwähler. das sagt viel über die vier- und fünf-jahres-entscheidungen.

denn stuttgart zeigt noch etwas anderes: unpolitisch ist dieses land eigentlich nicht und nie gewesen, nur über den parlamentarismus fühlen sich viele nicht mehr vertreten.
wer ein wenig sehen will, wie staatsmacht aussieht, der kann den live-stream aus einem baum im schlosspark stuttgart im internet nachhinein betrachten unter: http://bambuser.com/channel/terminal.21/broadcast/1053579