Tagesarchiv: 1. November 2010

kreatives schreiben und unterschiede

man leite eine schreibgruppe und in kurzer zeit wird man feststellen: kein schriftliches ergebnis gleicht dem anderen. selbst wenn der rahmen der schreibübung oder -aufgabe sehr eng gesteckt ist, die wahl der worte bleibt eine subjektive. dabei entsteht eine vielfalt, wie sie überall in unserem leben zu finden ist. doch leider hält der mensch vielfalt manchmal schwer aus.

anders formuliert: unendliche unterschiede zwingen den menschen, sich selbst zu orientieren und zu positionieren. die freiheit der wahl zwischen unterschiedlichen angeboten lässt das ergebnis chaotisch erscheinen. so grenzen schreibübungen schon die richtung des ergebnisses ein. es wird versucht vergleichbare texte zu animieren. die krux dieser versuche stellt sich schnell beim feedback geben heraus. denn so sehr sich jemand bemüht, eine objektive distanz beim feedback zu wahren, es wird nicht gelingen.

der geschmack, der ganz persönliche geschmack wird einem einen strich durch die rechnung machen. so unterschiedlich geschichten, texte und bücher daher kommen, so unterschiedlich werden sie mir gefallen. nun könnte man sich gelassen zurücklehnen, rückmeldungen geben, welche stilistischen mittel gelungen scheinen, welche passage einen berührt und wie man den text verstanden hat. doch das ist vielen zu wenig, um das chaos der unterschiede zu sichten.

schreibende wünschen sich, dass möglichst vielen menschen ihr text gefällt. lesende wünschen sich, dass die gelesenen texte in ihre kategorie „schön“ gehören. und so ringen beide gruppen sowohl um annäherung als auch um abgrenzung. Weiterlesen

Werbeanzeigen

nabelschau (30)

ich bin schlecht integriert. und niemand hat etwas dafür getan, mich besser zu integrieren. es lässt sich aufzählen: überfüllter kindergarten, überfüllte schule, nachrüstung, zu langer zivildienst, zu wenige studienplätze, zu volle seminare, zu viele steuern, festhalten an den akws, korruption, bürokratisierung des sozialbereichs … all dies und noch viel mehr, machen es einem schwer, sich dieser gesellschaft vollständig anzuschließen.

schon recht früh kann da der gedanke aufkommen, ich gehöre nicht so richtig dazu, da mir das nicht gefällt. ich bin anders als die anderen. und man konnte es spüren an solchen reaktionen wie, „geh doch nach drüben!“. oder der versuch einen mit aller staatsmacht von der straße zu tragen. ja, es gibt sie, die veröffentlichte mehrheit, die mir widersprach und alles hübsch fand, wie es so ist. erst beim genauen nachzählen stellt sich heraus, dass es sich um gar keine gesellschaftliche mehrheit handelt. denn ganz viele andere sind auch schlecht integriert. sie gehen nicht wählen.

die menschen äußern sich nicht mehr in dieser demokratie bei den vorgesehenen abstimmungen. sie entziehen sich den vorgaben. sie organisieren ihr leben um die hürden herum und sind damit genug beschäftigt. und so haben die, die gesellschaftliche vertreter spielen, regeln gemacht und machen sie immer noch, ab wann ein mensch in „unsere“ gesellschaft gut integriert ist. anscheinend wenn sie einen dicken wagen fahren, dabei radfahrer missachten, da sie gerade ihr kind von der privatschule abholen, in der es die sprache erlernt. und wenn die kleinen die sprache dann richtig können, dann dürfen sie sich zur kaste der integrierten vertreter zählen.

man könnte es auch anders sehen. integriert in ein soziales netz ist jemand, wenn er ein auskommen mit anderen findet. wenn in dieser gemeinschaft gegenseitige unterstützung funktioniert, ganz gleich in welcher sprache. wenn auf die schwachen rücksicht genommen wird, wenn solidarität eine wichtige gemeinsamkeit ist. wenn niemand ausgeschlossen und diskriminiert wird. ja eben, wenn das soziale netz funktioniert. das tut es bei uns schon lange nicht mehr. die menschen werfen sich gegenseitig beständig „egoismus“ vor. dabei lernen sie doch gerade wieder, jeder muss hier seines glückes schmied sein, also für sich allein sorgen und kämpfen. doch diese haltung fällt nicht vom himmel: sie wird gefördert und gefordert. da bin ich einfach schlecht integriert.