Tagesarchiv: 18. November 2010

schreibspiel (12) – zapping-collagen

eigentlich ist dieses schreibspiel ein spiel mit stilübungen, das sich am fernsehen orientiert und das medium als brücke heranzieht. man zappt sich so zu sagen durch verschiedene sprach- und somit schreibstile. dies lässt sich ganz real durchführen wenn man einen fernseher mit diversen programmen zur verfügung hat. am schluss werden schriftliche „zapping-collagen“ entstanden sein.

im vorfeld wird vielleicht eine schreibanregung zu einem thema gegeben. man kann aber auch schlicht den fernseher anschalten und aus dem ersten gesehenen die schreibanregung machen. man greift das thema der sendung auf, erstellt ein cluster und beginnt eine geschichte zu schreiben. dazu gehört der auftrag, die geschichte im stil der sendung zu verfassen. sollte es sich zum beispiel um eine nachrichtensendung handeln, wird im stil einer nachrichtenmeldung die geschichte begonnen.

sollte man dieses spiel in gruppen spielen, muss im vorfeld ein spielleiter bestimmt werden. dieser spielleiter hat das recht, in ein anderes programm zu schalten. die gruppe kann im vorfeld festlegen, ob das umschalten einem zeitrhythmus oder dem bauchgefühl des leiters zu folgen hat. zweiteres scheint mir spannender. in dem moment, in dem in ein anderes fernsehprogramm geschaltet wurde, muss auch im stil der dort zu sehenden sendung die geschichte weitergeschrieben werden.

so kann auf den stil der nachrichtensendung, der von „aktenzeichen xy“ folgen oder der eines krimis (zum beispiel die kurzen, knappen sehr bedeutungslosen sätze der „csi“-serien). anschließend ist der comedy-ton anzuschlagen, um dann in die soap zu wechseln. die spielerInnen sollten aber an dem roten faden ihrer geschichte festhalten, auch wenn die wendungen durch das gesehene beeinflusst werden können. es läuft also während des schreibens der fernseher beständig nebenher. und wenn die werbeunterbrechung folgt, dann wird auch der schreibstil unterbrochen und verändert.

für schreibgruppen kann man diese spiel ausführlicher vorbereiten und schon die sendungen zusammenschneiden, die man als stilanregung wählen möchte. denn oft ist es ja so, dass auf vier kanälen gleichzeitig sehr ähnliche sendungen kommen. nach einer festgelegten zeit wird die geschichte beendet und die jeweils entstandenen zapping-collagen werden vorgelesen. dann kann man in die nächste runde starten, eine neue spielleiterin festlegen und sich abermals den stilvorgaben der glotze überlassen. man glaubt gar nicht, wie viele verschiedene sendungen existieren. übrigens lässt sich das gleiche inzwischen auch mit hilfe des internets und einem beamer durchführen.

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biografisches schreiben und fernsehen

die digitale revolution verändert unser leben. aber davor war das fernsehen. das medium fernsehen vollzog seinen siegeszug durch die gesellschaften noch schneller als das radio. dabei war das radio schon schneller als die zeitungen. jedesmal wurde diskutiert, dass das eine medium das andere medium verdrängt und dieses zur verarmung des sozialen austausches führt. jedesmal hat sich dies nicht bewahrheitet. dass teilweise niveaulose kost durch die glotze rauscht, scheint andere gesellschaftliche ursachen zu haben.

so ist inzwischen auch beinahe jeder mensch mit einem fernseher im hintergrund, mit den samstagabenshows, mit dem wort zum sonntag oder mit der tagesschau aufgewachsen. das gesehene wurde zum tagesgespräch, die einschaltquoten der meist drei staatlichen sender waren enorm. das fernsehen klärte auf, führte debatten, bildete den alltag ab oder holte die weltereignisse ins wohnzimmer. da wäre es verwunderlich, wenn der umgang mit dem medium keinen einfluss auf die lebensgeschichte, die eigene biografie gehabt hätte. das fernsehen bot neben dem buch, die möglichkeit dem alltag zu entfliehen, es bot aber ebenso die möglichkeit gesellschaftliche proteste abzubilden und zum eigenen protest anzuregen. das fernsehen war ruhiger und es war politischer.

die treffen gleichaltriger wenden sich in den gesprächen gern den nostalgischen erinnerungen an „daktari“, „pipi langstrumpf“, den „tschechischen märchen“ oder „mondbasis alpha 1“. vor vierzig jahren sind die ersten generationen mit der „sesamstraße“ aufgewachsen. oder vor ungefähr dreissig jahren saß die halbe nation vor der serie „holocaust“, um abermals das dritte reich zu verstehen. gern schaltete sich auch der bayerische rundfunk aus dem gemeinschaftsprogramm der ard aus, wenn zu provokante filme und debatten gezeigt wurden. eine heute unvorstellbare tatsache. in den usa führten die bilder über den vietnamkrieg zur veränderung der politischen landschaft, in deutschland war es die friedensbewegung und ihr medialer effekt.

es waren also viele an der nutzung eines mediums zur gleichen zeit beteiligt. heute splittet sich das immer stärker auf. Weiterlesen