schreibpädagogik und kreatives chaos

kreativität kann aus verschiedenen umständen hervorgehen, in verschiedenen situationen entstehen. manch einer bevorzugt die klar strukturierte, aufeinander aufbauende vorgehensweise. anderen fällt dieses vorgehen sichtlich schwer, es blockiert sie. sie fühlen sich in strukturen gefangen und können keine ideen produzieren. sie brauchen ablenkung, sprunghafte veränderungen und eine fülle von „sinnlosen“ dingen um sich herum.

die schreibpädagogik legt, wie häufiger bei pädagogischen vorgehensweisen, eher eine klare struktur zu grunde, damit die agierenden wissen woran sie sind. doch teilweise wäre zu überlegen, wie weit auch der anderen kreativitätsfördernden seite zum beispiel in schreibgruppen raum gegeben werden kann. auch das „kreative chaos“ sollte zum beispiel zum angebot von schreibgruppen gehören. die sorge vieler menschen besteht bei dieser vorgehensweise darin, sich zu verzetteln, nicht mehr herr der lage zu sein und im chaos zu versinken.

schaut man sich aber das leben von schriftstellerInnen, malerInnen oder anderen künstlerInnen an, gibt es auch die chaotische spezies. also sollte auch diesen vertreterInnen raum gegeben werden. dazu bedarf es nicht viel. so kann man ein treffen einer schreibgruppe ohne klares konzept stattfinden lassen. einziges angebot ist eine fülle von eindrücken, die ungerichtet und unsortiert sind. man kann verschiedene bilder, töne, filmausschnitte, wörter oder andere einflüsse vorbereiten, die in einem chaotischen ablauf zum einsatz kommen. die teilnehmenden sollen nichts anderes tun, als die eindrücke auf sich wirken und einen text, eine geschichte daraus entstehen lassen. es wird kein thema, kein genre und kein stil vorgegeben.

der eventuelle protest oder die entstehende hilflosigkeit mancher teilnehmerInnen wäre in diesem moment auszuhalten. man schreitet nicht ein, man ordnet nicht und man übernimmt auch nicht die federführung. man lässt geschehen. natürlich wird im vorfeld erklärt, dass es dieses mal nur das ausschöpfen der möglichkeiten im kreativen chaos geht. den teilnehmerInnen wird überlassen, was sie damit machen.

im nachhinein wird diese vorgehensweise thematisiert. man kann zum beispiel darüber diskutieren, wie weit einzelne teilnehmerInnen liebe unter solchen bedingungen arbeiten. man kann diskutieren, ob die ergebnisse der gruppe deshalb schlechter sein müssen oder nicht. man kann dazu anregen, weiter konzepte zu entwickeln, die das chaos mit kreativität verbinden. man kann dazu einladen, sich bei diesem prozess gehen zu lassen. etwas zu formulieren und zu schreiben, das einem ungerichteter erscheint, die einschränkende struktur einmal für ein treffen hinter sich zu lassen. spannend scheinen mir in diesem zusammenhang die ergebnisse und eventuell die befreiende wirkung für die teilnehmerInnen.

denn schreibpädagogik kann auch ab und zu einmal nur den raum für entstehendes zur verfügung stellen. dies klingt gewagter, als es ist. man muss nicht davon ausgehen, dass chaos automatisch einen unerträglichen zustand verursacht. schaut man in andere lebenszusammenhänge, kann im chaos zum einen eine neue ordnung entstehen und zum anderen eine große lebensfreude herrschen. also sollte sich die schreibpädagogik ruhig ab und zu einmal dem kontrollverlust überlassen und schauen, was passiert. falls einem das zu gewagt erscheint, kann man immer noch einen plan b in der tasche haben, den man in momenten zückt, in denen sich etwas unangenehmes ankündigt. aber man hat meist erwachsene menschen in einer schreibgruppe sitzen, die ein interesse haben: kreativ sein und schreiben. da können viele verschiedene anregungen nicht so falsch sein.

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