Tagesarchiv: 15. Dezember 2010

biografisches schreiben und familienrituale

es ist die zeit der jahresendzeitfeierlichkeiten. zwei wochen vorher werden die menschen in den nahverkehrsmitteln schon genervter, gestresster und mürrisch. abseits der abendlichen alkoholisierten truppen von weihnachtsfeierteilnehmerInnen, bereiten sich viele auf „das fest der liebe“ vor. ein fest, das oft das gegenteil des titels wird. hohe erwartungen, noch höhere erwartungen und viele enttäuschungen vereinen sich mit dem vorhergehenden stress zu einem kleinen pulverfass. aber das ritual der weihnachtlichen zusammenkunft möchten die wenigsten menschen durchbrechen.

bei der betrachtung der eigenen lebensgeschichte könnte jedoch ein blick auf familiäre rituale die augen für das system, in dem man aufgewachsen ist, öffnen. ja, man kann eine erklärung für den nachhall mancher verhaltensweisen in sich selber finden. denn familien sind familien, da sie auf etlichen ritualen basieren.

man werfe einmal einen blick darauf, wie geburtstage in der eigenen familie begangen wurden. wie sah solch ein moment aus? was geschah dann oder was geschah auch nicht, obwohl man es gern gehabt hätte? gab es feste zeitabläufe, gab es die erfüllung von wünschen? oder man schaut sich einmal an, wie weihnachten begangen wurde. wurde dieses ritual allen familienmitgliedern gerecht? konnte man einen emotionalen bezug zu den feierlichkeiten herstellen? führt man das ritual weiter, so wie man es kennengelernt hat?

am spannendsten bei ritualen ist es, festzustellen, wer welche rolle übernommen hat. Weiterlesen

wortklauberei (54)

„millionisieren“

ein grundprinzip des lebens ist die vermehrung. das hat vorteile und nachteile. ohne vermehrung müssten wir auf die erdbeermarmelade zum frühstück verzichten. aber der versuch ständig geld zu vermehren, bringt die menschheit eher in schwierigkeiten als zu reichtum. aber wie lautet das heutige prinzip? „mehr ist mehr.“

diese vorstellung machten sich auch werber für eine wimperntusche zu nutze und griffen gleich ganz ungeschminkt ins vermehrungstöpfchen. denn frau tuscht sich nicht mehr nur die wimpern, frau versucht gleichzeitig die wimpern zu verlängern, zu voluminisieren und zu vermehren. die vorhandenen wimpern sind immer zu wenig, zu kurz und zu klein. anscheinend wünscht sich jede frau einen busch auf den augenlidern. ihr kann geholfen werden!

denn jetzt gibt es die wimperntusche, die „millionisiert„. klingt alle mal besser als „hundertisiert“ oder „tausendesiert“ oder so. da werden aus einer wimper gleich ganz viele wimpern. schlicht wäre der spruch gewesen: „mach aus wenig viel“. das klingt sehr nach lotterien oder spielcasino. millionisieren klingt eher nach bankkonto und klimpernden münzen. zumindest lohnt es sich für den hersteller das vermehrungsprinzip in ein wort zu fassen. aber zählt auch mal jemand nach? denn nur mal angenommen, es werden eine million wimpern, ist das nicht ein bisschen viel?

trifft man also in zukunft menschen mit getuschten wimpern, die die augen nicht mehr aufbekommen, dann sollte man sich fragen, ob sie nicht unter der last von millionen härchen die kraft für den klaren blick verloren haben. da lassen sich unter der hand, sieht ja niemand mehr, die schulden billionisieren. viel ist nicht immer schön 😛