Tagesarchiv: 17. Dezember 2010

schreibidee (198)

wir werden dem mainstream unterworfen. also, zumindest versucht ein weltweit pädagogisches projekt, den menschen seit über zehn jahren beizubringen, dass es zwar körperliche unterschiede gibt, aber ansonsten die geschlechterrollen transportierte und konstruierte sind. im gender-mainstreaming wird männern beigebracht, dass es auch frauen gibt, und frauen wird erklärt, dass männer existent sind. ansonsten paaren, lieben, trennen und beharken sich die beiden geschlechter weiter gegenseitig. aber so lang diese diskussion noch nicht einfach von „menschen“ ausgeht, so lang werden ungerechtigkeiten gegenseitig verteil. und da die literatur, das schreiben gern ihr spiel mit der moral und dem tabu spielen darf, sollen dieses mal in der schreibidee „patriarchale pamphlete“ verfasst werden. vielleicht auch, um die eine oder andere geschlechterrolle zu entlarven 😮

als einstieg werden erst einmal symbole und ausdrücke des patriarchats am flipchart von den schreibgruppenteilnehmerInnen gesammelt. angefangen bei phallussymbolen über sprachliche festschreibungen bis zu eigenschaftszuschreibungen kann alles aufgelistet werden. diese sammlung vor augen, werden die teilnehmerInnen aufgefordert einmal einen text zu verfassen, weshalb männer von frauen benachteiligt werden. dieser sollte nicht länger als zwei seiten sein. die texte werden in der schreibgruppe vorgetragen.

anschließend wird von allen jeweils ein cluster erstellt, das sich um den begriff „patriarchale protestbewegung“ dreht. wie könnte so eine bewegung aussehen? was wären ihre forderungen? mit welchen mitteln würde die bewegung kämpfen? was würde die bewegung als positiven erfolg werten? beim clustern sollte der fantasie keine grenze gesetzt werden, es darf durch und durch patriarchal gedacht werden.

aus dem cluster ist nun ein pamphlet (flugschrift, streitschrift, schmähschrift) zu verfassen. dieses pamphlet sollte nicht länger als eine seite sein, da sie sonst von anderen bei der ersten männer-großdemonstration 😉 nicht gelesen werden würde. ja, es soll kämpferisch argumentiert werden. anschließend werden die pamphlete mit dem richtigen tonfall in der schreibgruppe vorgetragen. im feedback können dann weitere aktionsformen des patriarchalen protestes diskutiert werden, um zum abschluss dieses schreibgruppentreffens eine neue bewegung zu gründen.

allen menschen, die diese schreibidee kritisieren möchten sei geschrieben, in der nächsten schreibidee wird der matriarchale protest raum finden.

wortklauberei (55)

„verschwulung des bezirks“

wäre diese beschreibung aus dem munde eines rechten, eines sehr rechten politikers gekommen, wäre die empörung in liberalen und linken kreisen der stadt berlin groß gewesen. es wäre von homophobie, von diskriminierung und beleidigung von minderheiten gesprochen worden. ja, man wäre sich einig gewesen, dass es gute gründe dafür gibt, dass bestimmte kieze der stadt ein rückzugsgebiet für minderheiten darstellen.

doch der ausdruck stammt aus der queeren, transgender und „linken“ welt selber. es wird der kampf gefochten gegen gentrifizierung und diskriminisierung innerhalb von szenen. selbst wenn man diese anliegen und kritiken teilt, wenn man sich selbst eher der linken theorie anhängig fühlt, selbst dann bleibt ein starkes kopfschütteln ob der wortwahl. was soll das? provozieren? es provoziert insoweit, dass es einer sexuellen orientierung unterstellt, dass sie ganze bezirke verändern könnte. oder anders formuliert: das könnte doch das paradies auf erden sein, ein ganzer bezirk schwul. kein erklären mehr, kein verteidigen, keine pöbeleien, keine übergriffe. gut, es wäre gleichzeitig ein gettho, aber es wäre ein ausdruck der ansonsten erlebten anstrengungen, für jeden homosexuellen eine kuschelige parallelwelt. doch davon ist man weit entfernt.

und sprachlich intendiert diese beschreibung noch ganz anderes. es klingt, wie wenn ein bezirk infiziert worden wäre mit einem lästigen übel. so,wie manche menschen über die islamisierung der gesellschaft, die verrohung der sitten oder die vermenschlichung der tiere diskutieren. hier wird unterstellt, es gäbe eine kraft von außen, es gäbe akteure, die einen bezirk schwul machen wollten. und hier wird der begriff schwul wieder in seiner negativen konnotation verwendet. wie wenn man nicht lang genug um die bedeutung der beschimpfung in ihr gegenteil zu verkehren gekämpft hätte. hier wird definitiv wieder eine minderheit vorgeführt, die immer gern vorgeführt wird.

das entlarvende daran ist, dass dieser ausdruck von einrichtungen geprägt wurde, die antidiskriminierend arbeiten. und die wortmacht wird in einem diskurs verwendet, der sowieso fern der realen handlungsgründe von einzelnen subjekten stattfindet, auf einer unrealistischen metaebene. das skurrile daran ist, dass dieser diskurs eigentlich genau das abbildet, was der konkurrenzhafte kapitalismus schon immer produzierte, konkurrenz zwischen den „besseren“ und „schlechteren“ minderheiten und diskriminierten. hier versteigen sich menschen in unmenschliche kritik. man denke bei der wortwahl einfach darüber nach.